Bild: David Ehl

Gerechtigkeit

David nach der Reise: "Ich bin gescheitert – und habe viel gelernt"

20.05.2016, 16:12

David fragt nach der Angst

Sechs Monate verbringt David Ehl, 27, in Israel. Zurück in Deutschland erkennt er seine Heimat nicht mehr wieder: Rechtspopulisten hetzen gegen Flüchtlinge, die AfD drängt in die Politik, Neonazis zünden Unterkünfte an. David will das verstehen: Was ist es, das Deutschland gerade verändert? Wovor haben so viele Menschen Angst? Um Antworten zu finden, reist David durch Deutschland und berichtet von seinen Erlebnissen. Eine Kooperation von bento und Correctiv.

Berlin, Düsseldorf, Sauerland, Leipzig: In den vergangenen Wochen war David viel unterwegs – nun kehrt er nach Hause zurück. Und fällt ein Fazit: Was bleibt?

Hier kannst du noch einmal Davids Erlebnisse genau nachlesen:

...in Jamel:

...in Waldbröl:

Wovor haben die Menschen in Deutschland Angst?

Nach meiner Reise würde ich sagen: Man kann nicht von einer generellen Angst in Deutschland sprechen. Tendenziell haben eher jene Menschen Angst, die weniger gebildet sind, die über weniger Geld und soziales Ansehen verfügen.

Viele Menschen fürchten, dass sie ganz persönlich unter den gesellschaftlichen Veränderungen leiden könnten. Dass sie also zum Beispiel mit dem heute anerkannten Flüchtling morgen auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt konkurrieren müssen. Manche freuen sich zwar über die Flüchtlinge, die unsere Gesellschaft bunter machen. Viele aber wirkten auf mich so, als seien sie mit sich selbst nicht im Reinen – und als könnten sie sich aus gerade diesem Grund auch nicht auf den Gedanken einlassen, dass die Flüchtlingskrise auch Chancen birgt. Ein Beispiel: Wer mit der eigenen Religion hadert, hat tendenziell weniger Verständnis, wenn ein Muslim seinen Glauben offener lebt.

Viele haben mir auch gesagt, dass sie sich vor einem Terroranschlag fürchten. Diese Angst ist nicht erst seit Paris und Brüssel berechtigt, aber ich finde bedenklich, wie viele Menschen diese Bedenken mit den Flüchtlingen in Verbindung bringen.

Trotzdem: Diese Ängste beschäftigen nur einen Teil der Gesellschaft. Viele meiner Gesprächspartner aus den sieben verschiedenen Städten werden weniger von Angst getrieben als von Zuversicht, von Kreativität und dem Willen, sich konstruktiv einzubringen. Viele engagieren sich für die Gesellschaft, nicht nur in der Flüchtlingshilfe, sondern in Vereinen, Ehrenämtern – oder sie machen, wie Younes in Berlin einen YouTube-Channel, um der moderaten Mitte des Islam in Deutschland eine Stimme zu geben.

Was habe ich gelernt?

Verglichen mit einigen anderen Ländern ist unsere Gesellschaft noch relativ homogen – doch ich habe das Gefühl: Das ändert sich langsam. Die Einkommen klaffen immer weiter auseinander, die politischen Ansichten sowieso. Das Leben in der Stadt unterscheidet sich stark vom Leben auf dem Land, genauso wie das Leben im Westen vom Leben im Osten.

Ich bin in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, ein paar Jahre nach der Wende wurde ich eingeschult. Die Wiedervereinigung ist längst vollzogen und reibungslos verlaufen – das denken die meisten Menschen in Westdeutschland, mit dieser Haltung bin ich groß geworden. In Ostdeutschland sehen das viele anders. Deswegen führt auch diese etwas dekadente Einstellung im Osten oft zu Unmut und dem Gefühl, abgehängt zu sein.

Ich bin auch gescheitert.

Ich bedauere, dass ich es in meinen vier Wochen nicht geschafft habe, so richtig tief in die Welt der "Wutbürger" vorzudringen.

In Leipzig, als ich die Krawalle bei einem Infoabend über eine Flüchtlingsunterkunft erlebte, war es beispielsweise nahezu unmöglich, als Reporter von außen wirklich intensive Einblicke zu erhalten. Wahrscheinlich hätte ich dafür ein anderes Konzept wählen müssen, ich habe nur einen Nachmittag dort verbracht, ein Monat wäre wohl nötig gewesen.

Wobei das auch andererseits gar nicht Ziel meiner Recherche war – ich wollte ja ausdrücklich mit vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten reden.

Mein Blick auf die Gesellschaft nach vier Wochen Deutschlandreise:

Ich habe unterwegs festgestellt, in was für einer großartigen Zeit wir leben. Wir haben die optimalen Rahmenbedingungen, um etwas zu verändern: Der Wirtschaft geht es gut, dementsprechend viele Menschen haben eine Arbeit, dementsprechend viel Steuergeld nimmt der Staat ein. Gefehlt hat bisher der Druck – der ist nun dank der Flüchtlinge da. Für Reformen könnte die Zeit kaum besser sein.

Außerdem müssen wir uns – durch die vielen Flüchtlinge – spätestens jetzt endlich den Fragen stellen, die unsere Gesellschaft schon lange bewegen:

  • Wie schaffen wir, etwa in Berlin, grundsätzlich mehr Akzeptanz für verschiedene Religionen und Weltanschauungen?
  • Wie bewahren wir Problemviertel wie die in Düsseldorf vor dem weiteren sozialen Abstieg?
  • Wie gehen wir mit dem Hass aus der Mitte der Gesellschaft um, den ich in Jamel und im Sauerland spürte?

Wie organisieren wir überhaupt eine Gesellschaft, in der sich alle aufgehoben fühlen? Wie gewährleisten wir, dass Deutschland sicher bleibt?

An jeder dieser Fragen können wir scheitern, das könnte sein. Doch: Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus den Ängstlichen, sondern noch viel mehr aus jenen, die sich konstruktiv einbringen. Die Ängstlichen gab es schon immer – neu ist die Lautstärke, in der sie ihre Ansichten hörbar machen. Viel öfter gehen Leute auf die Straße.

Wir reden in Deutschland offener als je zuvor über unsere gesellschaftlichen Probleme, viele arbeiten an Lösungen. Ich hoffe – und glaube: Unsere Zivilgesellschaft und unsere Politik sind stark und entschlossen genug, die Probleme wirklich anzugehen.


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Gerichtsbeschluss: Diese Küken dürfen getötet werden

20.05.2016, 15:12

Die Massentötung männlicher Küken ist weiterhin erlaubt. Das hat das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster am Freitag entschieden. (SPIEGEL ONLINE)

Beim sogenannten Kükenschreddern werden männliche Tiere kurz nach der Geburt in einen Häcksler geworfen. Der Grund: Die Tiere sind für Züchter nahezu wertlos, da sie später keine Eier legen und auch nicht viel Fleisch ansetzen. Viele Küken werden auch vergast.

Das OVG hat nun beschlossen, dass die Tötung der Jungtiere nicht gegen das deutsche Tierschutzgesetz verstößt. Ein Erlass der nordrhein-westfälischen Landesregierung hatte die umstrittene Praxis 2013 verbieten wollen. Landesweit hatten daraufhin elf Brütereien dagegen geklagt.