Bild: David Ehl / bento

Gerechtigkeit

David in Jamel: "Das lässt du mal schön bleiben"

09.05.2016, 17:02 · Aktualisiert: 12.07.2016, 21:47

Unser Autor reist durch Deutschland und fragt sich: In was für einem Land leben wir eigentlich?

David fragt nach der Angst

Sechs Monate verbringt David Ehl, 27, in Israel. Zurück in Deutschland erkennt er seine Heimat nicht mehr wieder: Rechtspopulisten hetzen gegen Flüchtlinge, die AfD drängt in die Politik, Neonazis zünden Unterkünfte an. David will das verstehen: Was ist es, das Deutschland gerade verändert? Wovor haben so viele Menschen Angst? Um Antworten zu finden, reist David durch Deutschland und berichtet von seinen Erlebnissen. Eine Kooperation von bento und Correctiv.

David in Berlin:

David im Sauerland:

5. Station: Jamel

Kurz hinter Wismar fahre ich von der Autobahn ab auf eine Landstraße, dann eine einspurige Allee entlang. Vielleicht ist es dem Sonntagvormittag geschuldet – oder sind hier immer so wenige Menschen unterwegs? Wie erleichternd, als mir nach ein paar Kilometern ein Auto entgegenkommt.

Der Weg ins Dörfchen Jamel ist eine Sackgasse am Ende eines asphaltierten Feldwegs. Und es ist eine Sackgasse der Demokratie. Seit über 20 Jahren wird das Dorf oft in einem Atemzug mit Neonazis genannt, die politisch Andersdenkende hier herausmobben.

Es gibt Berichte über Kriegsspiele im Wald, ekstatische Sonnenwendfeiern, einen Grill auf dem Gelände des NPD-Kreisverbands mit der Inschrift "Happy Holocaust". Der Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit: der vergangene Sommer, in dem die Scheune eines Ehepaars brannte, dem im Dorf die Rolle der unbeugsamen Gallier zugeschrieben wird.

(Bild: David Ehl)

Ohne die Gerüchte und die Fakten zu kennen, würde Jamel an diesem Frühlingssonntag auf den ersten Blick idyllisch wirken: Ein halbes Dutzend Kinder spielen bei einer Schaukel, das einzige Geräusch weit und breit ist das Zwitschern der Vögel.

Von nahem sehe ich dann aber: Zwei der Kinder tragen Flecktarn-Kampfanzüge. Wenige Meter weiter hebt sich vom blauen Himmel eine große, in grellen Farben leuchtende Reichskriegsflagge ab.

Wenn Jamel eine ländliche Idylle ist, dann nur für Nazis.

(Bild: David Ehl)

Die Forststraße und damit das ganze Dorf einmal abzulaufen dauert nur ein paar Minuten. Schon am Ortsschild proklamiert ein Sticker: "Kein Ort ohne Neonazis in Mecklenburg und Pommern". Vor einem der ersten Häuser sitzen drei Männer und eine Frau bei Bier und Fanta in der Sonne.

Ich frage, ob wir uns kurz unterhalten können. "Wir sind gerade in der Mittagssitzung und wollen nicht gestört werden", ist die knappe Antwort. "Schade, ich recherchiere zur Stimmung der Gesellschaft", sage ich. "Die Stimmung bei uns ist gut, wie immer."

Zustimmendes Lachen. Trotzdem hat auch nach der Mittagssitzung niemand wirklich Zeit für mich, der Mittagsschlaf stehe an, schließlich arbeite man Nachtschicht. Ob sie in Jamel oder außerhalb arbeiten? "Als Bürger müssen wir auch das Dorf sauber halten. Und jetzt mach' die Biege."

Ende des Gesprächs.

(Bild: David Ehl)

"Bald werden tatkräftige Männer und Frauen für den Aufbau gebraucht, und keine Dummschwätzer", verkündet ein stramm formulierter Artikel im Schaukasten des Dorfes. Daneben etwas heimatkundliche Folklore und die Zeichnung einer blonden Familie. Der Schaukasten steht neben einem Wegweiser, er zeigt nach Narvik, Königsberg und in Adolf Hitlers Geburtsort Braunau.

(Bild: David Ehl)

Am vorletzten Haus der Forststraße erkenne ich den Wegweiser, den der Journalist Michel Abdollahi zurückgelassen hat, nachdem er für eine Reportage im NDR-Magazin "Panorama" einen Monat lang in Jamel gelebt hatte. "Teheran 4370 km" steht darauf. Von der Straße aus will ich ein Foto machen, aber bevor ich die Kamera ansetzen kann, öffnet eine Frau die Haustür und keift: "Das lässt du mal schön bleiben."

Lasse ich dann auch – vor allem, weil ich keine Lust habe, über das Presserecht zu diskutieren. Mein Camper hat eh bereits lange genug neben dem riesigen mattschwarzen Pick-Up mit dem Nummernschild "JAM-EL 88" geparkt. Das "H" ist der achte Buchstabe des Alphabets, 88 also HH – und das steht dann in der Szene für "Heil Hitler".

Die Rechtsradikalen haben gelernt, wie sie ihre Gesinnung zur Schau stellen können, ohne sich strafbar zu machen. In Jamel, dieser Sackgasse der Demokratie.

Wie geht es weiter?

Als nächstes reist David nach Waldbröl. Was er dort erlebt und was die Menschen ihm erzählen: Lies es bald auf bento.

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail

David zu Beginn seiner Reise – in Köln:


Today

Wenn Star Wars mit James Bond gemixt wird

09.05.2016, 15:16

Das Intro von "Star Wars" ist wohl eines der berühmtesten Filmanfänge. Doch gelbe Schrift, die auf schwarzem Hintergrund abläuft, ist nicht gerade das, was wir unter Spannung verstehen.

Jetzt hat die Eintönigkeit ein Ende. Ein Videomacher aus den USA hat ein neues Intro geschnitten, das an den Stil von James Bond erinnern soll. Darth Vader wird zum stylischen Bösewicht. X-Wing und Lichtschwerter ersetzen Walther PPK und Bond-Girls.