Bild: David Ehl / bento

Gerechtigkeit

David in Düsseldorf: In was für einem Land leben wir eigentlich?

21.04.2016, 15:08

David fragt nach der Angst

Sechs Monate verbringt David Ehl, 27, in Israel. Zurück in Deutschland erkennt er seine Heimat nicht mehr wieder: Rechtspopulisten hetzen gegen Flüchtlinge, die AfD drängt in die Politik, Neonazis zünden Unterkünfte an. David will das verstehen: Was ist es, das Deutschland gerade verändert? Wovor haben so viele Menschen Angst? Um Antworten zu finden, reist David durch Deutschland und berichtet von seinen Erlebnissen. Eine Kooperation von bento und Correctiv.

Der Start der Reise: Köln. Lies nach, was David dort erlebt hat

2. Station: Düsseldorf

Mein Bus steht gerade günstig am Karthäuserwall. Diesen Parkplatz will nicht aufgeben, nur um in Düsseldorf gleich wieder einen zu suchen. Also fahre ich mit der Bahn. Ich will mir ein Bild von Oberbilk verschaffen, das in den Medien gerne als Beispiel für Überfremdung und dem kaum durchsetzbaren Gewaltmonopol des Staates herangezogen wird.

Die Ellerstraße in Düsseldorf-Oberbilk taucht besonders oft in Polizeiberichten auf. Am Tag deutet wenig darauf hin.

Die Ellerstraße in Düsseldorf-Oberbilk taucht besonders oft in Polizeiberichten auf. Am Tag deutet wenig darauf hin. (Bild: David Ehl)

"Maghrebviertel" werden die Straßenzüge genannt, die fest in marokkanischer Hand sein sollen. Der Weg vom Düsseldorfer Hauptbahnhof nach Maghreb führt zwei Minuten an den Gleisen vorbei und dann darunter durch. Hier beginnt die Ellerstraße. "Hier beginnen die Probleme", hallt mir ein Satz aus einem Lokalzeitungsbericht nach.

Hier? Zumindest jetzt, am Vormittag, habe ich nicht diesen Eindruck. Es gibt Läden mit arabischen Möbeln, Falafel, Kioske, die meisten sind auf Deutsch und Arabisch beschriftet. Vor dem grau verputzten Gymnasium hängen ein paar Jugendliche ab. Sie trinken Apfelschorle, etwas weiter riecht es nach starkem Tabak.

Ein Polizeiauto fährt Streife, auf der anderen Straßenseite sehe ich eine Frau mit hellviolettem Nikab, ein Gesichtsschleier. Ich fühle mich wohl und sicher in der Ellerstraße, wo erst im Januar bei einer Großrazzia 40 Menschen festgenommen wurden.

"Zwei, drei Mal die Woche riegelt die Polizei die Straße ab, von hinten und vorne", sagt Erika Bong. Ihr Kiosk ist eine Institution am Oberbilker Markt, seit 17 Jahren steht sie tagein, tagaus zwischen Zigaretten, Kaugummis, Lottoscheinen und Zeitschriften. "Die Ellerstraße ist ganz schlimm", erzählt die 67-Jährige, aber auch die Kölner Straße sei nicht mehr das, was sie mal war: "Früher gab es zwei oder drei Metzger, Bäcker, Blumenläden, alles. Da sind heute nur noch Euroshops."

Die Kaufkraft in Oberbilk nimmt ab, entnehme ich Erika Bongs Erzählungen. "Früher haben die Leute vier, fünf Zeitschriften gekauft, heute vielleicht eine oder zwei." Und viele seien von Zigaretten auf Tabak zum Selbstdrehen umgestiegen.

Ein Stammkunde kommt herein und verlangt das gewohnte Päckchen West. Seine Lieblingszigaretten sind schon wieder zehn Cent teurer geworden. "Ich kann’s nicht ändern, Egon", sagt Erika Bong. Weiter hinten findet sie dann doch noch ein paar Schachteln für 5,70 Euro.

Seit 17 Jahren betreibt Erika Bong einen Kiosk am Oberbilker Markt.

Seit 17 Jahren betreibt Erika Bong einen Kiosk am Oberbilker Markt. (Bild: David Ehl)

Eine verkauft sie ihm, die anderen legt sie für den Stammkunden unter die Theke. "Das mach ich nur für dich." Der Stammkunde will erst nicht mit mir reden, sagt dann aber doch etwas: "Wir haben Probleme am laufenden Band."

Mit rheinischem Akzent sagt er: "Der Agatha ham 'se neulich am hellichten Tach zwei mal dat Jold vom Hals jerissen." Wenn ich mehr erfahren wolle, sollte ich ins "Haus Meschede" gehen.

In der Kneipe sitzt eine Frau an der Theke, Waltraud. Sie zieht mich an sich heran, um mir mit tiefer, leiser Stimme ihr Alter zu verraten. Ich bin etwas abgelenkt vom Altbiergeruch, als sie sagt: "Im September werde ich 79. Aber erzähl's nicht den anderen!"

Ich hätte die Frau mit den geklebten Fingernägeln jünger geschätzt, die Falten auf Alkohol und Tabak geschoben. Seit 2001 ist sie in Rente, zweimal in der Woche sitzt sie im "Haus Meschede" an der Theke.

Im "Haus Meschede" treffen sich die alteingesessenen Oberbilker. Waltraud kommt zweimal pro Woche.

Im "Haus Meschede" treffen sich die alteingesessenen Oberbilker. Waltraud kommt zweimal pro Woche. (Bild: David Ehl)

25 Jahre ist sie Taxi gefahren, fünf davon nachts. "Das waren schöne Zeiten, da ist nichts passiert." Waltraud lebt seit 51 Jahren in Oberbilk: "Das waren Traumzeiten, alles war so schön." Und jetzt? "Katastrophe. Es ist eine Katastrophe", sagt sie. Die Drogerien, Cafés, Metzgereien, Bäckereien und Blumenläden, die der Reihe nach schließen mussten, kenne ich schon aus Erika Bongs Erzählungen. "Heute sind da nur Kanaken", sagt Waltraud. "Die sind in der Überzahl."

Sie nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas, klemmt den Bierdeckel zwischen Glasboden und kleinen Finger. Das macht sie seit 40 Jahren immer so, sagt sie, seit ihr der rote Persico-Likör ihre weiße Bluse versaut hatte. Sie war zweimal verheiratet, heute ist sie zweimal geschieden, teilt die Wohnung nur noch mit ihrem Nymphensittich.

Wieder zurück am Markt, es ist Mittagessenszeit, wartet Süksü Özaslan auf Kundschaft. Seit 2004 steht er hier mit seiner Dönerbude. Gerne will Özaslan mit mir über Oberbilk reden, wobei er nur für den Markt sprechen kann. Der Mann im hellblau karierten Kurzarmhemd stellt sich zu mir an einen weißen Stehtisch, bietet mir einen Tee an.

"Die alten Kunden fehlen, früher war der Marktplatz gut", sagt Özaslan. Er zählt auf, welche Händler früher hier ihre Waren verkauften: Obst, Fisch, Eier, Blumen. Ob er darüber nachdenkt, seinen mobilen Wagen an einen besseren Platz zu stellen, will ich wissen. "Das ist im Moment noch kein Thema, es gibt viele Stammkunden", sagt er. "Früher war alles gut, jetzt wird es immer schlimmer. Es ist überall das Gleiche."

Auch der Einwanderer schwärmt von einer "guten alten Zeit". Das ist es, was ich aus Oberbilk mitnehme: Ja, es hat sich scheinbar tatsächlich etwas verändert in diesem Land.

Wie geht es weiter?

Als nächstes reist David nach Waldbröl. Was er dort erlebt und was die Menschen ihm erzählen: Lies es bald auf bento.

Die Deutschlandreise von David Ehl ist eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv. Die Reise wurde über ein Crowdfunding, von der Zeit-Stiftungund der Herbert-Quandt-Stiftung mitfinanziert.

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail


Musik

Wenn sich Rapper gegen Donald Trump verbünden

21.04.2016, 11:29 · Aktualisiert: 21.04.2016, 11:29

Die Message ist simpel: "Fuck Donald Trump". Doch das Anliegen ist ernst: Bei den Vorwahlen in den USA läuft alles auf Donald Trump als Kandidat der Republikaner hinaus. Die Chancen stehen also gut, dass ein Mann ins Weiße Haus kommt, der Wählerstimmen mit rassistischen Pöbeleien angelt. Die Rapper YG und Nipsey Hussle haben sich daher verbündet, um junge Menschen zu Wählen zu animieren.

Und das versuchen sie mit "FDT (Fuck Donald Trump)":