Bild: Beiersdorf/Flickr/dpa

Gerechtigkeit

Wie mein Freund mir zeigte, was die Deutsche Einheit wirklich bedeutet

02.10.2015, 09:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Im mündlichen Abitur im Fach Politik redete ich über die Wiedervereinigung. Ich bekam 15 Punkte, ich hatte gelernt, nur richtig verstanden hatte ich nicht. Erst vier Jahre später begann ich zu begreifen, was die Deutsche Einheit wirklich bedeutet.

Zu der Zeit habe ich meinen Freund kennengelernt. Er ist in der DDR aufgewachsen und hadert heute noch damit, wie Deutschland sich wiedervereinigt hat. Auch 26 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, 1376 Kilometer lang war die deutsch-deutsche Grenze, über Jahre gesichert von rund 1,3 Millionen Minen, 55.000 Selbstschussanlagen und 3000 auf Menschen abgerichteten Hunden. Bis zu 1000 Menschen starben in der Zeit an der Grenze.

Mein Freund kam 1979 in der DDR zur Welt. Seine Oma hatte Verwandte in Westdeutschland, deswegen bekam sie regelmäßig Deutsche Mark, damit ging sie in den Intershop, das Geschäft in der DDR mit Westprodukten. Meinem Freund kaufte sie dort immer Kinderriegel. So riecht Westdeutschland, dachte er. Wir haben heute immer eine Packung im Schrank liegen. Als die Mauer fiel, war er zehn Jahre alt, daran erinnern kann er sich kaum.

Ich kam 1983 in der alten BRD zur Welt. Einmal übernachteten zwei junge DDR-Fußballer bei uns, weil sie an einem internationalen Jugendturnier teilnahmen. Meine Mutter stellte verschiedene Marmeladen auf den Tisch, Nutella, Cornflakes. Vieles von dem hatten die Jungen noch nie gegessen. Ich stellte mir die DDR fad vor, ohne Zucker. Als ich sechs Jahre alt war, fiel die Mauer, daran erinnern kann ich mich nicht.

(Bild: Reuters/Hulton Archive)

Meinen Freund und mich trennten damals nur rund 400 Kilometer, trotzdem wuchsen wir in verschiedenen Welten auf: Mein Freund kam mit einem Jahr in die Krippe, ich mit vier in den Kindergarten. Er hörte die Geschichten vom „Traumzauberbaum“ und “Alfons Zitterbacke”, ich die von „Räuber Hotzenplotz“ und „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Er badete in der ostdeutschen Ostsee, ich bestieg die Alpen. Seine Eltern verloren nach der Wiedervereinigung ihren Arbeitsplatz, meine haben ihren nie gewechselt. Mein Heimatland existiert noch, seins nicht. Auch heute noch fühlt er sich eher als Europäer, denn als Deutscher.

Denn damals, so sieht er es, hat die BRD die DDR verschluckt, plötzlich galt das Grundgesetz, und es zählte die Deutsche Mark. Viele Ostdeutsche reagierten darauf verstört, wütend, irritiert, manche fühlen noch heute so.

Mein Heimatland existiert noch, seins nicht.

In der Schule hatte ich gelernt, wer den Zwei-Plus-Vier-Vertrag unterschrieben hat. In meiner mündlichen Prüfung referierte ich, wie die Treuhandanstalt Betriebe in der DDR privatisiert hat, dass dabei nicht alles rund lief, dass viele ihre Arbeit verloren haben. Ich begriff damals aber nicht, was das wirklich mit einem Menschen macht. Erst durch meinen Freund konnte ich nachempfinden, wie sehr die Deutsche Einheit gerade die Welt vieler Kinder erschüttert hat.

Mein Freund hat damals immer gern an der Mauer Räuber und Gendarm gespielt, fünf Minuten war sie von seiner Wohnung entfernt und an der tiefsten Stelle ein Meter hoch. Er konnte prima darauf balancieren. Von der anderen Mauer, die Deutschland trennte, wusste er damals noch nichts. Auch wusste er nicht, was eine Diktatur ist oder Sozialismus. Und dass seine Eltern lange auf ein neues Auto warten musste, das war eben so, mussten alle anderen auch.

(Bild: Lüpke-Narberhaus)

Als die DDR aufhörte zu existieren, sah er seine Eltern, Nachbarn und Lehrer lachen, natürlich freuten sich die meisten über den Fall der Mauer. Er sah sie aber auch verzweifelt und ratlos. Sie konnten plötzlich oft keine Antworten auf seine Fragen mehr geben, wussten sie doch selbst nicht, wie es weitergeht, mit ihrem Leben und ihrem Land.

Ostdeutsche, die wie mein Freund Kind waren, als die Mauer fiel, schreiben heute Bücher wie “Dritte Generation Ost” oder “Eisenkinder”, sie veröffentlichen Artikel in der "Die Zeit" und auf SPIEGEL ONLINE. Sie wollen die DDR nicht zurück, schließlich war sie eine Diktatur. Sie sehnen sich nicht nach einer Stasi, die alles überwacht, nach einer Mauer, die alle einsperrt, nach einer Planwirtschaft, die den freien Markt negiert. Sie wollen mitreden und ihre eigenen Geschichten erzählen.

In der Abiturprüfung ahnte ich nicht, dass auch 26 Jahre nach dem Fall der Mauer das öffentliche Gedächtnis in Deutschland vor allem von der alten BRD geprägt sein würde. In den großen deutschen Redaktionen sitzen heute vor allem Journalisten, die in der BRD groß wurden. Dementsprechend prägen sie das öffentliche Erinnern. "Der Osten gilt mit Neonazis, Hartz IV und Stasi-Themen oft als Problemzone“, sagt die langjährige Chefredakteurin des vor allem in Ostdeutschland beliebten „Das Magazin“ vor ein paar Jahren der „Süddeutschen Zeitung“.

Nicht wenige - vor allem ältere - Westdeutsche nehmen Ostdeutschland auch heute noch oft als Ganzes wahr, nicht die fünf verschiedenen Bundesländer, mit ihrer jeweils eigenen Identität. Dabei definieren sich junge Menschen als Sachsen, Thüringer, Brandenburger. Zu Ostdeutschen werden sie oft erst dann, wenn sie ihr Bundesland gen Westen verlassen.

Seid dankbar, dass wir euch aufgenommen haben.

Dann müssen sie auch heute manchmal noch erklären, dass es im Osten fließend Wasser gibt, Telefone, ja, sogar nach Bananen werden manche immer noch gefragt. Soll lustig sein, aber nicht jeder lacht. Viele hören eine Überheblichkeit heraus, die sich von der gespielten Arroganz eines Niedersachsen unterscheidet, der über Bayern frotzelt, oder eines Kölners, der Düsseldorf belächelt. Denn Nord- und Süddeutschland, Köln und Düsseldorf konkurrierten schon immer in der gleichen Liga, während die ostdeutschen Bundesländer erst später mitspielen durften. Die Regeln diktierte dabei lange die alte BRD: Seid dankbar, dass wir euch aufgenommen haben.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einer Familienfeier mit meinen Großeltern, Tanten, Cousins und Cousinen über die DDR, den Mauerfall oder die Wiedervereinigung gesprochen zu haben. Bei meinem Freund ist es anders: In den vergangenen Jahren hörte ich bei Familienfeiern immer mal wieder Kommentare über “Wessis”, dass sie alle Wohnungen aufkaufen zum Beispiel.

Nicht oft fallen solche Sprüche, nicht laut oder böse, sie erinnern eher an den kleinen Bruder, der um die Gunst des größeren kämpft. Wahrscheinlich dauert es noch Jahre, bis sich das legt, sowohl die Verletzlichkeit als auch das latente Gefühl der Überlegenheit.

Beklemmend: Ein Bild aus Hohenschönhausen, die frühere zentrale Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit

Beklemmend: Ein Bild aus Hohenschönhausen, die frühere zentrale Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit (Bild: Gettyimages/Sean Gallup)

Mein Freund weiß heute bestens Bescheid über die Stasi und ihr Gefängnis in Hohenschönhausen, über Planwirtschaft und volkseigene Betriebe, trotzdem denkt er sehr gern an seine eigene Kindheit in der DDR zurück. Und er mag es nicht, wenn andere ihn für seine vermeintliche Naivität belächeln oder ihn gar vom Gegenteil überzeugen wollen. Kann ich verstehen.

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