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Gerechtigkeit

Wie Politiker mit Sprache versuchen, dich auf ihre Seite zu ziehen

10.05.2017, 18:06 · Aktualisiert: 11.05.2017, 15:25

Und wie du das erkennst.

Franziska ist 24 Jahre alt, ist politisch weder rechts noch links. Sie weiß noch nicht, für wen sie im Herbst bei der Bundestagswahl stimmen soll – oder ob sie überhaupt wählen geht.

Neulich hat sie auf Facebook ein paar Posts gesehen, die sie bewegt haben. Da ging es um Menschen, denen die aktuelle Politik nicht gut tut. Franziska wurde wütend.

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Franziska ist fiktiv.

Aber an ihrem Beispiel lässt sich zeigen, wie politische Einstellungen entstehen, oder sich verstärken. In diesem Fall durch Sprache.

Über Wortwahl nachzudenken hat nicht nur etwas mit politischer Korrektheit zu tun: Sprache verändert unser Gehirn – und damit auch unser Handeln. Das sagt Sprachforscherin Elisabeth Wehling. Sie ist Expertin auf dem Gebiet, hat Donald Trumps Wahl-Kampagne intensiv studiert und hat uns nun erklärt, wie Wörter uns beeinflussen.

Das ist Elisabeth Wehling

Wehling, 1981 in Hamburg geboren, hat Linguistik und Journalistik in Hamburg, Rom und der kalifornischen Berkeley-Universität studiert. An letzterer lehrt und forscht sie nun als Neurolinguistin. Das heißt: Sie untersucht, welche Auswirkung Sprache auf das Gehirn ihrer Probanden hat.

Ob du nun eine Wahlkampf-Rede hörst oder mit jemandem diskutierst: Dein Gegenüber versucht vermutlich, dich von seiner Meinung zu überzeugen. Da hilft es, einige Techniken zu erkennen.

Die folgenden Tipps helfen dir dabei.

1. Fakten? Sind dir doch egal!

"Wir können Fakten nicht rein rational verarbeiten", sagt Wehling. Das Gehirn braucht eine Hilfestellung, eine Einordnung. Eine Perspektive auf den Fakt. In der Psychologie nennt sich das Framing.

Ohne die Referenzrahmen kann unser Gehirn Fakten nicht verarbeiten.

  • Beispiel: Ein Glas ist halb mit Wasser gefüllt. Das ist ein Fakt. Doch um diesen zu beschreiben, muss man ganz automatisch entweder die Perspektive "halb voll" oder "halb leer" einnehmen. Anders geht es nicht. Ein "halbes Glas" ergibt schließlich keinen Sinn.

Woher kommen die Erkenntnisse?

Warum glauben Menschen Populisten? Warum sind ihnen Fakten oft völlig egal? Und wie konnte jemand wie Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnen?! 

Elisabeth Wehling weiß es. Auf der Medienkonferenz re:publica in Berlin sprach die Sprachwissenschaftlerin über die Realität in unseren Köpfen und darüber, was wir von Trump lernen können. (Ja, es gibt tatsächlich ein paar Dinge.)

Was machen also Frames mit Franziska?

  • Noch ein Beispiel: Wörter wie "Flüchtlingswelle", "-flut" oder "-strom" sind gefährlich. Warum? Anstatt des Faktes - einer Menge Menschen, die vor etwas fliehen - entstehen in Franziskas Gehirn Assoziationen wie "unaufhaltbar", "Naturgewalt", "Zerstörung". Eine Welle hat keinen offensichtlichen Ursprung. Sie ist nicht menschlich. Dadurch entsteht im Gehirn bei diesen Wörtern keine Verbindung zu den geflüchteten Menschen, es entsteht keine Empathie.

Auch der Wortteil "Flüchtling" hilft dabei nicht. Weil es ein männliches Wort ist, löst es im Gehirn eher bedrohliche Assoziationen aus. Wehling erklärt: "Menschen haben mehr Angst vor einem Wirbelsturm Harry als vor Wirbelsturm Susi. Sie evakuieren schneller und mehr Menschen überleben."

Wörter sind also nicht nur Wörter. Sie tragen ganz stark dazu bei, wie wir uns verhalten.

Und: "Menschen lassen sich eher von ihren Frames leiten als von Fakten", sagt Wehling.

Wie kommt Franziska da raus?

Im zuerst genannten Beispiel ist es ganz einfach: Sie sagt statt Flüchtling einfach der oder die Geflüchtete. Fertig. Das Wort ist für unser Gehirn viel näher am Fakt – denn es beschreibt einen Menschen.

Und wenn Franziska nun jemandem widerspricht, der solche Wörter benutzt?

Ganz wichtig ist dabei, die Frames nicht auch noch selbst zu verwenden. Denn auch, wenn man sie verneint, startet im Gehirn trotzdem dasselbe Programm.

  • Beispiel: Wenn ein Medium schreibt "Wir sind keine Fake News" registriert das Gehirn dabei nur "Fake News" und der unterbewusste Prozess beginnt.
Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling hat Trumps Wahlsieg vorhergesagt – weil er Framing perfekt für sich eingesetzt hat.

Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling hat Trumps Wahlsieg vorhergesagt – weil er Framing perfekt für sich eingesetzt hat. (Bild: Imago)

2. Metaphern

Eine besondere Form des Framings sind Metaphern.

Dazu gehören die schon genannten Beispiele wie die Welle oder die Flut. Doch es gibt auch Metaphern, die unser Gehirn bereits lernt, wenn wir noch Kleinkinder sind.

  • Zum Beispiel: Sauber ist gut, schmutzig ist schlecht. Oder: Oben bedeutet viel ("Preise steigen in den Himmel") und unten bedeutet wenig ("Wirtschaft rast in den Keller").

Gerade diese Metaphern sind also in unserem Gehirn ganz besonders stark verankert. Das Hirn liebt es, auf Dinge zuzugreifen, die es sehr gut versteht.

Was passiert also mit Franziska, wenn sie Sätze liest wie "Die Reformpläne von Partei X sind abstoßend" oder "Mit der Gesellschaft geht es bergab"?

Die verwendeten Metaphern lösen intensive unbewusste Reaktionen aus. Dadurch ziehen Argumente wie diese besonders stark.

3. Traue niemals deinem Gehirn.

Wenn Franziska beispielsweise den Satz "John beißt in ein Wurstbrot" hört, dann wird in ihrem Gehirn genau die Region aktiv, die auch tatsächlich für das Beißen zuständig ist.

Das heißt: Alle Wörter, die der Körper mit konkreten Handlungen oder Sinneseindrücken verknüpft, sind ähnlich intensiv wie die Metaphern. Hört Franziska also beispielsweise einen Satz wie "Kandidatin X ist einfach nur widerlich", dann werden in ihrem Gehirn dieselben Regionen aktiv, die auch losfeuern, wenn sie echten Ekel erlebt.

"Wenn Menschen solche Aussagen hören, dann reagiert dieselbe Region im Hirnscan, die auch aktiviert ist, wenn wir ihnen Fischgeruch in die Kabine blasen oder Bilder vorlegen von Menschen, die sich übergeben, oder von eitrigen Wunden", sagt Wehling.

4. Wer sich ekelt, ist konservativ.

"Das konservative Gehirn ekelt sich stärker als das progressive Gehirn."

Für eine neue, noch nicht veröffentlichte Studie, haben Wehling und ihre Kollegen in den USA sowohl eine Gruppe extrem konservativer Probanden untersucht sowie eine Gruppe extrem progressiver. Danach wurde gemessen, was in deren Köpfen passiert, wenn man sie mit den Ekelmetaphern konfrontiert. Das Ergebnis laut Wehling:

"Das konservative Gehirn flippt aus."

Außerdem reagierten die konservativen Probanden viel emotionaler, mit Gefühlen von Abwehr oder Stress. "Metaphern zu Ekelgefühlen werden in rechtspolitischen Argumenten häufiger genutzt – und sie funktionieren dort auch besser", sagt Wehling.

Besonders erschreckend: Je mehr die Probanden mit Ekelmetaphern bombardiert wurden, desto weiter rutschten sie in folgenden Befragungen politisch nach rechts.

Wenn Franziska also sehr häufig Aussagen mit Wörtern wie "ekelhaft", "dreckig", "Abschaum" liest, dann könnte sich ihre politische Einstellung drastisch nach rechts verschieben.

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5. Denk mal über deine Familie nach.

Politik ist sehr abstrakt. Was ist schon "der Staat" oder "die Regierung"? Wenn wir also darüber nachdenken, was in einem nationalen Miteinander richtig und falsch ist, greift unser Gehirn auf unsere Erfahrungen vom Leben in Gruppen zurück. Die eindrücklichste davon ist die Familie.

In der Forschung von Wehling kam heraus:

  • Je strenger die Erziehung in einer Familie war, desto konservativer sind später die politischen Positionen. Wenn Kinder also klare Regeln, Belohnung und Bestrafung erlebt haben, sind sie als Erwachsene häufiger für Deregulierung der Wirtschaft, Steuererleichterung (denn wer sich etwas verdient hat, dem sollte man es auch nicht wegnehmen) und ein starkes Sicherheitssystem.
  • Kinder hingegen, die in ihrer Familie eher beschützt und in ihrer Art unterstützt wurden, haben eine emphatischere Sicht auf die Welt und sind politisch als Erwachsene häufig für den Schutz von Minderheiten und wirtschaftliche Regulierung.

Übrigens: Diese Statistiken wurden nicht nur in den USA erhoben, sondern auch in etlichen anderen Ländern – darunter auch Deutschland. Die Ergebnisse sind beinahe deckungsgleich.

Und was ist mit Franziska, die weder rechts noch links ist?

Natürlich gibt es aber auch einen großen Anteil von Menschen, die in der politischen Mitte sind. Genau die lassen sich durch Familienmetaphern extrem beeinflussen.

Wehling hat dazu vor der US-Wahl eine Studie unter unentschlossenen Wählern durchgeführt.

Zuerst wurde ihnen dabei ein Text vorgelegt, der Donald Trump als strengen Vater darstellte, den die Nation braucht. Nach diesem Versuch waren die Teilnehmer ihm plötzlich deutlich wohlgesonnener als zuvor.

Das Bizarre: Selbst als ihnen dann knallharte Fakten präsentiert wurden, die zeigten, welche negativen Seiten die Politik von Donald Trump hat, veränderte das ihre Einstellung kein bisschen. Denn bei ihnen war der Familien-Frame aktiviert worden.

Erst als ihnen ein Text vorgelegt wurde, der statt der Vaterrolle auf Empathie setzte, zeigten die Probanden hinterher in Tests eine eindeutige politische Bewegung nach links.

Puh, jetzt rattert das Gehirn ordentlich.

Zusammenfassend kann man sagen: Wenn wir effektiv miteinander diskutieren wollen, "müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir das rein faktisch tun können", sagt Wehling.

Denn Sprache ist bei uns mit Gefühlen und Erfahrungen besetzt.

Was am besten hilft? Sich das bewusst machen. Und seine Frames kennen, wie Wehling sagt.


Haha

Die Erfindung des Tages: Eine Keksdose, die man nur zu zweit öffnen kann

10.05.2017, 17:13

Im Vorratsschrank liegen die leckeren Kekse (die mit Schokolade und ohne Rosinen!). Natürlich freust du dich drauf, wenn du nachts in die Küche schleichst und im Schrank nach deiner geheimen Keksdose suchst. 

Doch als du den Deckel abhebst, erwarten dich nur ein paar traurige Krümel – dein Versteck ist aufgeflogen, jemand anders hat geräubert. Oder warst du es doch selbst...? Hast du wieder schlafgefuttert? 

Auch der YouTuber thijs sondag stand vor so einer Herausforderung. "Ich habe null Selbstkontrolle, was das angeht. Viel zu oft habe ich auf der Couch gelegen und alle Snacks gegessen, die im Haus waren", schreibt er.