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Gerechtigkeit

Wie Marina Weisband als Sechsjährige nach Deutschland kam

05.10.2015, 19:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Geboren 1987 in Kiew, damals Sowjetunion. Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei 2011/2012.

Wie kam Ihre Familie nach Deutschland?

Ich kam als Sechsjährige zusammen mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder nach Deutschland als einer der jüdischen Kontingentflüchtlinge. Das war 1994. Der Rest meiner Familie war schon ein Jahr zuvor aus Kiew nach Deutschland gekommen. Es gab zu dieser Zeit eine starke antisemitische Stimmung in der Ukraine. Mein Großvater hatte als junger Mann noch Pogrome miterlebt und er hatte Angst, dass es die wieder geben könnte.

Ich muss doch irgendwie rechtfertigen, dass ich hier sein darf.
Marina Weisband

Welche Erinnerungen haben Sie an die ersten Jahre in Deutschland?

Es gab am Anfang Schwierigkeiten, weil ich die Sprache nicht konnte und auch mit den Normen in der Schule nicht vertraut war. Zur Einschulung bin ich zum Beispiel ohne Schultüte gekommen. Wenn ich aber heute zurückdenke, überwiegt ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich habe die deutsche Gesellschaft als offen und tolerant erlebt. Die Mädchen in meiner Nachbarschaft in Wuppertal haben mir das deutsche Alphabet und deutsche Wörter beigebracht. Die Nachbarn passten auf mich und meinen Bruder auf, wenn meine Mutter nicht da war. Vor allem aber wussten wir, dass wir im Land bleiben konnten. Unsere Lage war im Vergleich zu jener der Flüchtlinge heute sehr privilegiert.

Gibt es Dinge aus dieser Zeit, die Sie bis heute prägen?

Ja, zwei Dinge habe ich für den Rest meines Lebens mitgenommen. Zum einen ist da das Gefühl, fremd zu sein. Ständig an mir selbst zu zweifeln, mich zu fragen, ob ich gut genug bin - das ist ein sehr starkes Gefühl. Zum anderen fragt man sich als Migrant: Was kann ich für die Gesellschaft tun? Ich muss doch irgendwie rechtfertigen, dass ich hier sein darf.

Was würden Sie Flüchtlingen raten, die heute nach Deutschland kommen?

Sprecht mit euren Kindern eure Herkunftssprache! Deutsch lernen sie draußen von ganz allein. Die eigene Herkunftssprache zu verlieren, das ist hingegen ein großes Unglück. Ich finde es aber eher schwierig, den Flüchtlingen Ratschläge zu geben. Ratschläge müssen sich immer an die Mächtigeren richten, also an die hiesige Gesellschaft.

Wie muss diese auf die Flüchtlinge reagieren?

Sie muss sie schnellstmöglich einbinden - als Übersetzer, als Kindergärtner, als Babysitter. Wenn sie merken, dass sie willkommen sind und gebraucht werden, dann werden sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen und auch zum Gemeinwohl beitragen. Wenn man sie einpfercht, dann werden sie passiv. Das ist etwas ganz Menschliches.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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