Gerechtigkeit

Sektenexpertin: "Jeder kann reinrutschen, davon bin ich überzeugt"

22.10.2015, 10:56 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Seit 25 Jahren kämpft Ursula Caberta gegen Sekten. Im Interview spricht sie darüber, welche Menschen es in solch extreme Gruppen zieht - und wie Angehörige helfen können.

Sie kämpfen seit fast einem Vierteljahrhundert gegen Sekten. Warum lassen Sie Menschen nicht einfach ihren Glauben?

Tue ich ja. Jeder hat ein Recht auf Dummheit und darf seine Kohle rausschmeißen. Ich könnte meine Tulpen für heilig erklären und 100 Euro verlangen, damit andere sie anbeten dürfen. Das ist Glaubensfreiheit. Die hört aber dort auf, wo ich gegen Gesetze verstoße oder andere in die Bredouille bringe.

Wie das?

Wenn ich zum Beispiel einem Krebskranken den Eindruck vermittle, meine Tulpen würden ihn heilen, und er deswegen nicht mehr zum Arzt geht.


Eltern als Guru: Seine Mutter betrachtet sich als einzig wahren Menschen auf Erden, sein Vater schreibt auf, was Gott ihm diktiert. Hier liest Manuel und kommentiert Manuel so einen Brief.

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Es wirkt tatsächlich oft sehr irrational, woran manche Gruppen glauben. So gibt es in Hanau eine Gemeinschaft, die glaubt, dass Gott Briefe diktiert.

Warum denn nicht? An Jesus und die Auferstehung glauben Menschen doch auch. Die Mehrheit der Bevölkerung sagt, dass es einen Gott gibt oder zumindest irgendetwas, irgendetwas müsse es ja schließlich geben. Warum es das geben muss, hat mir noch keiner beantwortet.

In den Gottesbriefen der Hanauer Gemeinschaft steht unter anderem, welche Computer die Mitglieder kaufen sollen. Schützt Intelligenz davor, an so etwas zu glauben?

Nein, wenn ich etwas glaube, dann will ich ja nicht den Beweis haben, dass ich irre. Sonst würde ich ja nicht glauben.

Aber die Gemeinschaft sagt: Träume sind der Beweis, dass es Gott gibt. Sie wissen also, dass es Gott gibt. Könnte man nicht sagen: Ein intelligenter Mensch müsste wissen, dass Träume nichts beweisen?

Nö, das hat mit Intelligenz nichts zu tun, in solchen Gruppen engagieren sich zum Teil sehr intelligente Menschen.

Sondern?

Mit Glauben.

Aber die Sekte sagt, sie wüsste es.

Das ist die nächste Stufe. Das ist typisch für diese Gruppen: Sie glauben erst und weil sie glauben, wissen sie auch. Das geht fließend.


Auch auf bento: Eltern als Guru: Wie es ist, in einer Sekte aufzuwachsen.

Wen zieht es in solch extreme Gruppen?

Es gibt keinen Prototypen, jeder kann reinrutschen, davon bin ich überzeugt. Manchmal reicht ein Zettel am Baum, auf dem steht "Erkenne Dich selbst“. Vor allem kommt es darauf an, wann ich wen kennenlerne. Denn natürlich sind Menschen in einigen Situationen anfälliger, wenn sie Liebeskummer haben zum Beispiel, wenn sie schwer krank sind oder ein Angehöriger gestorben ist. Und natürlich ziehen vor allem charismatische Sektenmitglieder Neulinge an. Wenn man jemanden mag, dann übernimmt man schon mal seine Meinung. Nur: In den Gruppen passiert das nicht locker und ungeplant bei einem Bier, sondern gezielt. Die Sektenmitglieder merken gar nicht – oder erst sehr spät –, dass sie indoktriniert und hintergangen werden. Das ist nicht naiv, das ist menschlich.

Ursula Caberta, Jahrgang 1950, leitete jahrelang in Hamburg die Arbeitsgruppe Scientology. Sie verfasste mehrere Bücher zu Scientology sowie zu Esoterik. Noch heute hilft sie Menschen, aus Sekten und Psychogruppen auszusteigen.

Ursula Caberta, Jahrgang 1950, leitete jahrelang in Hamburg die Arbeitsgruppe Scientology. Sie verfasste mehrere Bücher zu Scientology sowie zu Esoterik. Noch heute hilft sie Menschen, aus Sekten und Psychogruppen auszusteigen. (Bild: bento / Frauke Lüpke-Narberhaus)

Was können Freunde, Verwandte, Bekannte in so einer Situation tun?

Egal, in welcher Gruppe jemand landet, er verändert sich. In der Regel erst mal zum Positiven, als wäre er neu verliebt. Viele sagen dann: "Ach, lass ihn dort doch hingehen – er ist doch so gut drauf.“ Oder: "Lass sie mit Elfen reden – wenn es ihr gut tut.“ Auf Dauer tut es aber nicht gut, deswegen ist Ignorieren der größte Fehler. Auch wer sich lustig macht, treibt jemanden eher in die Gruppe, als dass er ihn rausholt. Schließlich sagen die Mitglieder genau diese Reaktion oft vorher, nach dem Motto: Nur Auserwählte verstehen, worum es wirklich geht.

Was hilft denn?

Meist dauert es vier bis sechs Wochen bis jemand abrutscht, danach wird es oft schwer, ihn wieder rauszuholen. In dieser ersten Euphorie plaudern viele, das sollte man nutzen, um möglichst viele Informationen rauszukriegen – um sich damit selbst bei Beratungsstellen Hilfe zu holen. Vielleicht ist das Interesse für die Gruppe ja auch ein Alarmzeichen: Fehlt dem Menschen etwas? Deswegen sollte man andere informieren und viel Zeit mit dem Betroffenen verbringen, um ein Gegenmodell zum Leben in der Sekte zu schaffen. Manchmal hilft es auch eine Weile zu verreisen.

Zwölf Stämme: Mitglieder der Sekte haben schon zugegeben, dass sie ihre Kinder züchtigen. Schließlich stehe in der Bibel:  "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht."

Zwölf Stämme: Mitglieder der Sekte haben schon zugegeben, dass sie ihre Kinder züchtigen. Schließlich stehe in der Bibel: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." (Bild: dpa / Karl-Josef Hildenbrand )

Auf der anderen Seite versucht die Gruppe, genau das zu verhindern. Wie macht sie das?

Es gibt Mechanismen, die sich sehr oft wiederholen: Sie fängt Neumitglieder auf, lobt sie, bestätigt ihre Selbstwahrnehmung, so finden sie das, was sie außerhalb vermissen: Anerkennung. Nach und nach übernehmen Neumitglieder dann die Regeln und Sichtweisen: Wir sind die Auserwählten, die Welt draußen ist böse und verloren.

Nach dem Motto: Solange du bei uns bleibst, ist alles gut.

Genau, ohne Druck und Ängste würde es nicht funktionieren. Einige sagen: Wenn du gehst, wirst du sterben. Wenn jemand aussteigt, hat er danach oft das Gefühl, er habe seine Familie verlassen. Die Gruppe hat manchmal über Jahre den gesamten Alltag bestimmt, oft haben Mitglieder ihr ganzes Geld reingesteckt und den Kontakt zu Freunden und zur Familie abgebrochen.

Trotz des Drucks und der Angst steigen immer wieder Menschen aus.

Es schaffen nicht viele, das darf man nicht vergessen. Ich habe vor allem größte Hochachtung vor denen, die in so einer Gruppe zur Welt gekommen sind – und trotzdem den Weg rausschaffen. Die bauen sich ein völlig neues Leben auf. Eine unglaubliche Leistung.


Was ist überhaupt eine Sekte? Antworten gibt dieses Video.

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Gibt es den einen Auslöser für den Austritt?

Meiner Erfahrung nach lösen sich Aussteiger nie abrupt, es ist immer ein langer Prozess. Trotzdem ist es manchmal ein kleiner Tropfen, der für Außenstehende oft lächerlich wirkt.

Ein Beispiel?

Eine junge Mutter hatte immer mal wieder protestiert, wie ihr Kind behandelt wird. An einem Tag beschwerte sich der Sektenguru dann über Kartoffeln, die die Frau gekocht hatte: Sie seien nicht gar. Darauf packte sie ihre Koffer und ging. Wenn jemand in der Sekte ein Kind bekommt und sieht, wie es behandelt wird, dann realisieren viele, was sie selbst durchgemacht haben.

Worunter leiden Aussteiger am meisten?

Das unterscheidet sich von Gruppe zu Gruppe, es hängt auch davon ab, wie lange jemand Mitglied war. Meist kämpfen Aussteiger besonders damit, ein soziales Leben zu gestalten und Kontakte zu knüpfen. Es hilft, wenn sie sich an jemanden aus der Zeit vor der Sekte wenden können, der diesen Weg mit ihnen gemeinsam geht. Viele haben auch Angst: Was passiert jetzt mit mir? Werde ich wirklich sterben? Die meisten nehmen sich nicht genug Zeit. Man tritt aus so einem Laden nicht aus wie aus einem Kegelverein. Da passiert etwas im Kopf, das muss erst mal zurechtgerückt werden; das dauert.

Sie haben Dutzende Menschen bei ihrem Ausstieg begleitet. Wie viele haben es dauerhaft geschafft?

Fast alle.

Checklisten: Woran man erkennt, ob eine Gruppe gefährlich.