Bild: Annika Krause

Gerechtigkeit

Hört bitte endlich auf, vom Grundeinkommen zu träumen

10.02.2017, 17:11

"Um das Leben zu leben, das ihr wollt, braucht ihr es nicht"

Es gibt wenige Wörter, die mich so aggressiv werden lassen wie "bedingungsloses Grundeinkommen". Allein dieser verträumte Blick der Befürworter, während sie von einer Sozialrevolution schwärmen und an ihrem Rotweinglas nippen. Diese vermeintliche moralische Überlegenheit, mit der sie im vergangenen Sommer in Berlin eine Plane ausbreiteten:

What would you do if your income were taken care of?

Am liebsten hätte ich zu einem Rotstift gegriffen und die Frage korrigiert. Auf 400 Metern hätte dort stehen müssen:

What would you do if you weren't afraid?

Denn dieses "Wenn es das Grundeinkommen gäbe, dann würde ich..." führt zu gar nichts. Wenn-Dann-Sager haben wir genug. Wenn mir endlich jemand eine Chance geben würde, dann... Wenn ich endlich mehr Zeit hätte, dann... Wenn ich mehr verdienen würde, dann...

Wer ist Jenna Behrends?

Unverdrossen engagiert sich Jenna Behrends, 26 und CDU-Mitglied, in der Berliner Kommunalpolitik. Auch wenn das manchmal anstrengend ist, ist sie überzeugt, dass es etwas bringt sich einzumischen. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter und studiert Jura an der FU Berlin.

Ihr wollt euch politisch engagieren? Macht es! Ihr wollt ein Buch schreiben? Los! Ihr wollt euch mehr um eure Mitmenschen kümmern? Auf geht's! Ihr wollt ein Kind, aber eure finanzielle Situation ist noch nicht stabil genug, das Arbeitsverhältnis noch nicht entfristet? Scheiß drauf. Ihr wollt gründen, habt aber Angst vorm Scheitern? Selbst wenn!

Um das Leben zu leben, das ihr wollt, braucht ihr das bedingungslose Grundeinkommen nicht. Traut euch einfach. Lebt. Es wird schon schiefgehen. Im Notfall haben wir auch heute schon ein soziales Sicherungsnetz.

Nebenbei entkräftet ihr das Hauptargument der Kritiker: Sie könnten nicht mehr behaupten, der Mensch täte nichts, wenn er nicht müsste. Ihr würdet der Gesellschaft das Vertrauen in die Menschheit geben, das sie braucht, um das Grundeinkommen mitzutragen. Es wäre eure Chance zu beweisen, dass ein Grundeinkommen kein Luftschloss naiver Sozialromantiker ist, die einfach keine Lust mehr auf unsere Leistungsgesellschaft haben.

Natürlich habt ihr Recht, wenn ihr argumentiert, dass wir die Welt von morgen nicht dem Sozialstaat von vorgestern anpassen können. Dabei verkennt ihr aber, dass auch der Versuch scheitern muss, der Welt von heute den Sozialstaat von morgen überzustülpen.

Das bedingungslose Grundeinkommen wird es geben, aber noch ist es zu früh. Noch sind zu viele Fragen offen.

Die Digitalisierung wird Millionen von Jobs vernichten. Algorithmen und Maschinen werden menschliche Arbeit ersetzen. Selbst wenn an anderer Stelle neue Jobs entstehen, werden wir Zeit brauchen, um uns die nötigen neuen Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Zeit, die uns ein Grundeinkommen geben könnte.

Aber noch ist die menschliche Arbeit Quelle unserer Wertschöpfung, nicht der Roboter. Noch könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht finanziert werden, denn die Digitalisierung ist nicht weit genug vorangeschritten.

Es ist gut möglich, dass in einigen Jahren eine konservative Regierung das Grundeinkommen einführt, welches Martin Schulz, der jetzt Wahlkampf mit der schwammigen Formel "soziale Gerechtigkeit" macht, noch ablehnt. Nicht zum ersten Mal würden große Umbrüche am Ende von Konservativen kommen: Bei Energiewende, Frauenquote und Mindestlohn war das jedenfalls der Fall.

Für den Anfang ein anderer Vorschlag: Wir könnten bereits heute mit einer Kindergrundsicherung starten.

536 Euro für jedes Kind. Dann sparen sich alle Parteien den jährlichen Betroffenheitszirkus, wenn wieder ein neuer Kinderarmutsbericht veröffentlicht wird. Dann muss kein Politiker mehr bedauern, dass unser reiches Land seine Kinder vernachlässigt – oder vor den Langzeitfolgen von Armut warnen. Und gleichzeitig als Lösung lediglich zwei Euro Kindergeld mehr präsentieren.

Bei einer Protestaktion für das "Kindergrundeinkommen" wäre ich sofort dabei. Diese Investition in unsere Zukunft können und müssen wir uns jetzt schon leisten.

Umfrage: Wie viel verdienst du? Sparst du? Wer zahlt im Restaurant die Rechnung? Hier siehst du, wie du im Vergleich zu anderen mit Geld umgehst.


Haha

Comic: Auch egal

10.02.2017, 17:00 · Aktualisiert: 10.02.2017, 17:14