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Gerechtigkeit

Es sind nicht alle Sachsen schlecht, aber...

22.02.2016, 15:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Gedanken eines Sachsen über sein Sachsen.

Ich bin Sachse. Und ich schäme mich dieser Tage sehr oft. Gleichzeitig möchte ich meine Heimat gerne verteidigen, Verständnis schaffen bei all jenen, die aus Sachsen nun "Pegida-Land" machen.

Es sind nicht alle Sachsen schlecht, aber... Aber das wird man ja noch schreiben dürfen: Einige sind schon kriminell, schlecht integriert und bedrohen unser schönes Leben in Deutschland. Die müssen wir irgendwie wieder integrieren. Aber was, wenn die sich nicht integrieren lassen wollen? Und wer bin ich nun in diesem Text: wir oder die?

Ich wurde in Dresden geboren, meine frühesten Kindheitserinnerungen gehören dem "Bummi"-Kindermagazin und Sonntagsfahrten im Trabi. Allerdings bin ich auch nur halber Sachse, die andere Hälfte ist thüringisch. Sachsühringer sozusagen, kein Bio-Sachse. Allerdings sieht man mir meine nicht-sächsischen Wurzeln kaum an.

Meine Großeltern haben lange in Chemnitz gewohnt, heute besuche ich sie in einem kleinen Dorf im Erzgebirge. Clausnitz liegt rund 60 Kilometer weiter, aus Bautzen kommt mein Senf. Meine Wochenendausflüge gingen nach Zwickau und Leipzig.

Vieler derer, die heute in Sachsen demonstrieren, würden mich sicher nicht mehr als Teil ihrer Heimat verstehen: Ich habe "drüben" studiert, schreibe für die "Lügenpresse" und wähle "Systemparteien". Dabei bin ich im Herzen in meiner Heimat und will begreifen, was da los ist.

Rechte Gewalt in Sachsen

Laut Bundesinnenministerium gab es 2015 mehr als 13.800 rechtsextreme Straftaten. Die sächsische Polizei zählt aber "nur" 208 in ihrem Bundesland. Ein unterdurchschnittlicher Wert. Allerdings bewerten beide Statistiken unterschiedlich, was als rechte Gewalt gilt. Ebenfalls für 2015 registrierte das Bundeskriminalamt mehr als 1000 Angriffe auf Asylheime, davon 57 in Sachsen, aber unter anderem 89 in Niedersachsen und 214 in Nordrhein-Westfalen.

Wenn Sachsen in den Medien als Zentrum rechter Gewalt in Deutschland gilt, dann dürfte das also weniger an Statistiken liegen – sondern vor allem mit der Dauerpräsenz von Pegida. Und es liegt auch der größeren Schwere rechter Taten; den Flüchtlingsheimen, die abgebrannt, statt mit Hakenkreuzen beschmiert werden.

Warum Sachsen?

In Sachsen gab es im vergangenen Jahr laut der Polizei 208 Fälle rechter Gewalt. Der Chef des Operativen Abwehrzentrums warnte in der "Leipziger Volkszeitung": "Der Rechtsextremismus hat sich flächendeckend ausgebreitet". Natürlich gibt es rechte Gewalt in allen Bundesländern, doch Sachsen ist anders.

Die NPD hat sich hier im Landtag etabliert, die AfD und Pegida bekommen Zustimmung vom rechten Rand bis zur bürgerlichen Mitte. Wenn ich über die Dörfer fahre, dann hängen NPD-Plakate an den Straßenlaternen auf Sichthöhe, während Plakate der Linken oder der Grünen in vier Meter hängen, damit niemand sie beschmieren kann. In anderen Bundesländern ist das andersrum.

Die CDU regiert seit der Wende in Sachsen und hat es lange versäumt, Rechtsextremismus klar entgegenzutreten. Das NSU-Trio konnte jahrelang unbehelligt im Land leben, Neonazi-Demonstrationen ließ man gewähren. Langzeitministerpräsident Kurt Biedenkopf meinte gar, die Sachsen seien "immun gegen Rechtsextremismus". (Zeit Online) Nicht anders hatte auch schon die DDR argumentiert: Antifaschisten waren immer die anderen.

So viel Relativismus macht blind vor dem eigenen braunen Schatten. Das Resultat erleben wir Sachsen heute.

"Mal gucken, wie schnell du brennst"

Als Freunde meinen Junggesellenabschied organisierten, spielten sie mit mir eine arabische Entführung nach und "verschleppten" mich zum Wandern in die Sächsische Schweiz. Zugegeben, jemanden mit Tarnfleck und Dschalabija (dem arabischen Gewand) zu entführen, ist dieser Tage nicht die cleverste Idee, aber ich ging für mehrere Jahre als Nahostkorrespondent nach Kairo – meine Freunde fanden es irgendwie lustig.

Als zwei betrunkene Gestalten in Pirna ein Feuerzeug an die Dschalabija meines Kumpels hielten, war der Spaß vorbei. "Mal gucken, wie schnell du brennen kannst", sagte einer. Vor meinen Freunden war mir Sachsen plötzlich sehr peinlich.

Keiner half uns, keiner schaute hin. Dass die sächsische Öffentlichkeit – Kirchen, Verbände, Politiker – Rechtsextremismus nicht klar benennt, ist ein weiterer Fehler, der Sachsen dahin brachte, wo es gerade ist. Pegida war – wenn auch von Anfang an ausländerfeindlich – zunächst eine Demonstration, die sich gegen unbefriedigende Politik in Berlin und nicht gegen Zugezogene richtete.

Heute ist Pegida eine von Rechten getragene Veranstaltung, die weite Teile der bürgerlichen Mitte vereinnahmt hat. Gerade hier müssen "Mitläufer" wieder abgeholt werden, ohne gleich in die Nazi-Ecke gesteckt zu werden.

Aus Wut darf kein Hass werden

Auch die Lage Sachsens trägt dazu bei, warum der Hass auf Fremde verbreitet ist. Sachsen war schon immer das deutsche Tor für viele, die aus Osteuropa kamen und hier Arbeit suchten oder nach Westeuropa weiter wollten. Populistische Hetzer warnten daher schon im 19. Jahrhundert vor der "Ostjudengefahr", vor Polen und vor Balkan-Reisenden. Später kam mit der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg eine schwere Identitätskrise hinzu. Selbst wenn die meisten Migranten weiterzogen und Dresden wieder aufgebaut ist: Der Sachse fühlte sich irgendwie überfordert.

Ich verstehe ja alle, die Angst um ihre Zukunft haben. Zwar hat kein neues Bundesland die Wende so gut überstanden wie Sachsen; BMW, VW und Porsche produzieren hier, Leipzig und Dresden boomen, die Arbeitslosigkeit liegt bei nur acht Prozent. Aber klar, die Häuser im Erzgebirge bleiben unsaniert, die Fast-Food-Ketten in den Fußgängerzonen werden von Westdeutschen geführt. Es ist schon okay, über enttäuschte Hoffnungen auch mal wütend zu sein. Aber Wut darf nicht zu Hass werden, darf nicht zu Leid werden.

Zeigt der deutschen Öffentlichkeit, dass ihr eure Sorge über die Flüchtlingspolitik (ob sie berechtigt ist oder nicht, will ich hier gar nicht diskutieren) auch formulieren könnt, ohne dabei mit Vorurteilen zu argumentieren. Zeigt, dass ihr keine Rassismen und keine Gewalttaten braucht, um euch Gehör zu verschaffen – und dass ihr Pegida und AfD nicht braucht.

Natürlich seid ihr das Volk. Aber alle anderen sind es auch!

Wenn jetzt Politiker sagen, ihr seid keine Menschen und Medien meinen, ihr seid nicht das Volk, dann haben sie unrecht. Natürlich seid ihr das Volk. Aber alle anderen sind es auch! Der Spruch wurde 1989 als eine Bitte gerufen, eine Bitte, vom Staat gehört zu werden. Heute ruft ihr es als Drohung.

Aber ihr habt dabei eines vergessen: In Leipzig und Berlin änderte sich "Wir sind das Volk" 1989 schon bald in "Wir sind ein Volk". Der Ausruf wurde Wunsch, Teil einer Gesellschaft zu werden. Heute sind wir dieses Volk, es gilt noch immer. Es gilt für all jene, die Sachsen als braunen Sumpf verunglimpfen. Und es gilt für all jene, die Dachstühle anzünden und Flüchtlingsbusse einkesseln. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.

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