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Bild: Reuters/Murad-Sezer

Gerechtigkeit

Warum die Gewalt zwischen Kurden und Türken wieder eskaliert

13.10.2015, 15:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Und was das für Deutschland bedeutet.
  • Über zwei Jahre herrschte Waffenstillstand zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und der türkischen Regierung.
  • Seit Juli gibt es neue Kämpfe. Auslöser für die Gewalt sind die Attentate der letzten Wochen. Die Wurzeln des Konflikts aber liegen tiefer.

Worum geht es aktuell?

Der tödliche Anschlag in Ankara


Das Video zeigt Ankara am Samstagmorgen. Dort explodierten bei einer kurdischen Friedensdemo zwei Bomben. Es starben nach offiziellen Angaben 97 Menschen. Die pro-kurdische Partei HDP spricht von 128 Toten, Hunderte Menschen wurden verletzt (FAZ). Der Anschlag war der schwerste in der jüngeren Geschichte der Türkei.

Zehntausende Kurden protestieren gegen Erdogans Regierung

Das ganze Wochenende über demonstrierten Kurden in der Türkei deswegen gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan (Die Welt). Bei den Protesten kam es zu Zusammenstößen zwischen der türkischen Polizei und kurdischen Demonstranten.


Wer sind die Täter?

Das ist noch unklar:

  • Die türkische Regierung macht den Islamischen Staat verantwortlich.
  • Die Kurden beschuldigen wiederum die türkische Regierung, sie nicht ausreichend geschützt zu haben und machen sie mit für die Anschläge verantwortlich. Zudem habe der türkische Staat den IS lange heimlich unterstützt (Vox).

Auslöser für die Gewalt: Der Anschlag in Suruc

Die Explosionen am Samstag waren nicht das erste Attentat auf Kurden in den letzten Wochen. Die Eskalation begann am 20. Juli: Unbekannte hatten einen Anschlag auf ein kurdisches Kulturzentrum in Suruc im Südosten der Türkei verübt, 32 Menschen starben (SPIEGEL ONLINE). Schon damals beschuldigte die türkische Regierung den Islamischen Staat; die Kurden machten die türkische Regierung mit für den Anschlag verantwortlich. Genau wie nach dem Anschlag am Samstag.

Zwei Tage nach dem Attentat in Suruc übte die kurdische PKK Vergeltung und tötete zwei türkische Polizisten. Die türkische Armee fliegt seitdem regelmäßig Angriffe gegen Kurden und auch den Islamischen Staat.

Die Logik: Auge um Auge, Zahn um Zahn

Der seit mehr als zwei Jahren geltende Waffenstillstand ist damit hinfällig. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, ihn gebrochen zu haben.

Wie konnte es zu der Gewalt kommen?

1. Der Krieg in Syrien

Die Kurden fühlen sich vom türkischen Staat im Kampf gegen den IS im Stich gelassen. Im Norden Syriens versuchen die Kurden sich dem Vormarsch des IS zu widersetzen. Die türkische Regierung sah lange Zeit nur zu.

Die türkische Untätigkeit bestärkte die Kurden in ihrem Glauben, die Türkei unternehme nichts oder helfe dem IS, um den Kurden zu schaden. Auch wegen dieses Gefühls reagierte die PKK auf die Anschläge im Juli so heftig (Vox).

Erdogan will eine autonome Region im Norden Syriens verhindern

Ein weiterer Faktor: Durch den Zusammenbruch des syrischen Staates gewannen die Kurden im Norden Syriens an Macht und Autonomie – und werden mit ihrem wachsenden Einfluss in der Region von Erdogan als Gefahr wahrgenommen.

Erdogan wirbt deshalb seit Wochen für eine Pufferzone im Norden Syriens. Die offizielle Begründung lautet, dass dort syrische Flüchtlinge bleiben könnten. Ein angenehmer Nebeneffekt: Die Pufferzone könnte verhindern, dass der betroffene Teil Syriens an die Kurden fällt. Denn eines hat Erdogan klargemacht: Eine autonome kurdische Region im Norden Syriens will er nicht zulassen (SPIEGEL ONLINE).

2. Die türkischen Parlamentswahlen im November

Am 1. November gibt es in der Türkei Neuwahlen. Bisher hat die AKP von Erdogan stets allein regiert. Bei den regulären Wahlen im Juni aber verlor sie ihre absolute Mehrheit. Ein Grund dafür: Die prokurdische HDP sprach auch liberale Türken an und zog erstmals ins Parlament ein.

Spielt Erdogan der Konflikt mit den Kurden in die Karten?

Kritiker werfen Erdogan vor, den Konflikt mit den Kurden bewusst eskalieren zu lassen, um bei den Neuwahlen Anfang November bessere Chancen zu haben. Die Überlegung: Erdogans Partei könnte vor allem unter türkischen Nationalisten Stimmen gewinnen, wenn er sich als starker Mann präsentiert. Außerdem könnte er die prokurdische HDP aufgrund ihrer Verbindungen zur PKK in die Nähe des Terrors rücken und so dafür sorgen, dass sie es nicht noch einmal ins Parlament schafft (SPIEGEL ONLINE).

Sollte das wirklich die dominante Logik hinter den Auseinandersetzungen sein, würde das vor allem eines bedeuten: Hoffnung auf Frieden für die Zeit nach den Wahlen.

Was sind die Wurzeln des Konflikts?

Die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Türken und Kurden ist eine von Unterdrückung und Terror.

  • Die Kurden bezeichnen sich selbst als größtes Volk ohne eigenen Staat. Ihre Siedlungsgebiete verteilen sich auf die fünf Staaten Türkei, Irak, Iran, Syrien und Armenien. Allein in der Türkei leben rund 13 Millionen Kurden, die meisten von ihnen im Südosten des Landes (bpb).
  • Die türkischen Regierungen erkannten die Kurden nie als eigene Minderheit an – anders als zum Beispiel Christen und Juden. Jahrzehntelang wurden die Kurden diskriminiert. 1984 griff die PKK zum ersten Mal türkische Militäreinrichtungen an. Seitdem tötet sie Türken inner- und außerhalb der Türkei bei Selbstmordattentaten. Die türkische Armee reagiert häufig mit Luftangriffen auf Kurdengebiete.
  • In dem Konflikt sind bis heute nach offiziellen türkischen Angaben rund 45.000 Menschen gestorben. Erst die versöhnliche Haltung Erdogans machte 2013 einen Waffenstillstand möglich. Das Ziel eines unabhängigen Kurdistan hat die PKK mittlerweile aufgegeben, sie fordert stattdessen größere Autonomie für Kurden innerhalb der Türkei.

Der hart erarbeitete Friedensprozess ist jetzt ausgesetzt.

Wann es einen erneuten Waffenstillstand geben wird, ist unklar. Zuletzt hatte die PKK einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen. Die türkische Regierung flog trotzdem Angriffe, die PKK schlug zurück.

Was bedeutet das für Deutschland?

Durch die vielen in Deutschland lebenden Türken und Kurden ist der Konflikt auch hier angekommen:

  • In mehreren Städten gab es bereits im September Zusammenstöße zwischen Kurden und Türken – meist, wenn die beiden Gruppen bei Demonstrationen aufeinander trafen (SPIEGEL ONLINE).
  • Auch nach dem jüngsten Anschlag protestierten Kurden in Deutschland gegen die Regierung Erdogans. Die Demonstrationen verliefen friedlich (SPIEGEL ONLINE).
  • Die Drogeriekette dm wird von Deutsch-Türken kritisiert, weil sie bei einer Spendenaktion für die Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg/Bonn sammelt. Unter dem Hashtag #dmunterstütztterror werfen Kritiker dm vor, mit dem Geld der auch in Deutschland verbotenen PKK zu helfen (Stern).
  • Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland befürchtet eine weitere Eskalation der Demonstrationen in Deutschland. Er habe zahlreiche Aufrufe zu nicht genehmigten Demonstrationen in sozialen Netzwerken bemerkt, sagte Gökay Sofuoglu (Berliner Zeitung).

Hier gibt es noch weitere Infos zum Konflikt zwischen Kurden und Türken:

    Und jetzt?

    Auch Russland mischt in Syrien mit. Warum Putin jetzt Bomben werfen lässt.