Gerechtigkeit

Die AfD zieht in den Bundestag – drei gute Gründe, jetzt nicht zu verzweifeln

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24.09.2017, 18:44 · Aktualisiert: 25.09.2017, 09:24

Puh. Okay. Die AfD wird die drittstärkste Partei im deutschen Bundestag. 12,6 Prozent für die AfD sind 12,6 Prozentpunkte zu viel – da dürfte sich eine große Mehrheit der Deutschen überraschenderweise einig sein.

Und am liebsten würde man jetzt

  • eine Bettdecke über den Kopf ziehen und 2021 wieder rauskommen. 
  • auf eine einsam Insel aussiedeln – sogar, wenn ein Ball der einzige Freund ist.
  • Neuwahlen fordern, mit all dem Tamtam und den langweiligen politischen Talkrunden, die das mit sich bringt. 

Aber all das sind keine echten Optionen. Alles, was uns bleibt, ist Durchatmen. Und, so profan das klingt: Weitermachen.  

Weiter Flüchtlinge betreuen, auf Pride-Parades gehen und über den Klimawandel sprechen. Es ist nicht die Zeit, sich geschlagen zu geben – und hier sind drei gute Gründe dafür:

1.

Man vergisst das in so emotionalen Momenten wie diesen manchmal, aber: Es gab schon immer Menschen, die Angst vor den Folgen von Einwanderung und der "Überfremdung" hatten. Und meistens gab es irgendjemanden, der für sie sprach.

Es ist noch gar nicht so lange her, da machte zum Beispiel der Spitzenkandidat der CDU in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, mit Sätzen wie "Kinder statt Inder" Wahlkampf. Er wollte in Bildung investieren, statt IT-Spezialisten in Asien anzuwerben. Und auch in Hamburg war mal die Partei von Richter Gnadenlos, die Schill-Partei, an der Regierung beteiligt.

Das ist nicht das Gleiche, wie Rechtsradikale im Bundestag sitzen zu sehen – aber es zeigt, dass wir kein anderes Land sind als noch vor der Wahl. Wir müssen nur ehrlicher sein, wenn wir in den Spiegel gucken, und zugeben, dass die Bedürfnisse mancher Wähler ignoriert wurden. Und es zeigt, dass auch die Zeit von rechtspopulisitschen Protestparteien schneller wieder vorbei sein kann, als man sich jetzt gerade vorstellen kann.

2.

Wir, die wir an den Klimawandel glauben und dessen Folgen fürchten, die wir der Meinung sind, jeder solle heiraten und Kinder kriegen dürfen, die wir uns über Generationengerechtigkeit und ein kluges Einwanderungsgesetz sorgen machen, wir haben uns die Debatte von einer Wählergruppe abbringen lassen. 

Besonders im TV-Duell zwischen Merkel und Schulz konnte man sehen: Die AfD war einer der großen Gewinner, weil die Fragen an die Kandidaten so gestellt wurden, wie die AfD sie stellen würde. Das war in diesem Wahlkampf erschreckend. Aber es zeigt auch: Eine kleine Gruppe lautstarker Aktivisten kann einen Diskurs prägen. 

Der AfD wurde gerade, mit ihrem Einzug in den Bundestag, ein Lautsprecher in die Hand gedrückt. Von nun an werden sie ihre Botschaften noch besser anbringen können. 

Wenn wir politisch ein Gegengewicht bilden wollen, ist jetzt erst recht die Zeit, sich einzumischen. Wir müssen schlagfertiger werden, lauter auftreten, nie überheblich sein und weiter für all das eintreten, an das wir glauben. Denn: Eine kleine Gruppe lautstarker Aktivisten kann eine Debatte prägen.

3.

Ja, Rechtsradikale wurden soeben in den Bundestag gewählt. Und zwar eindeutiger, als es uns lieb sein kann. Aber, was man wirklich nie vergessen darf:

Mehr als 86 Prozent haben nicht die AfD gewählt.

Die große Mehrheit der Wähler hat sich gegen Populismus und Hetze entschieden. Dafür, dass Jahre voller Extreme hinter uns liegen, die uns mit Finanzkrisen, Eurokrisen, diplomatischen Krisen und Flüchtlingskrisen verunsichert haben, ist das vielleicht gar nicht so schlecht. 


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Wahlergebnis: Warum alles nach Schwarz-Gelb-Grün aussieht

24.09.2017, 18:03 · Aktualisiert: 24.09.2017, 21:39

CDU und CSU klar vorne, aber so schwach wie nie. Alptraum für Martin Schulz.

Die Union aus CDU und CSU ist nach den neuesten Hochrechnungen von Infratest dimap künftig stärkste Kraft im Bundestag. Die Union kommt auf rund 33 Prozent, die SPD lediglich auf rund 21 Prozent. Die AfD zieht als drittstärkste Kraft zum ersten Mal in den Bundestag ein – mit vielen Rechtsradikalen.

Der Überblick um 21.15 Uhr: 

  • CDU/CSU: 32,8 Prozent
  • SPD: 20,7 Prozent
  • AfD: 13,2 Prozent
  • FDP: 10,4 Prozent
  • Grüne: 9,1 Prozent
  • Die Linke: 9,0 Prozent

Die Wahlbeteiligung lag bei 76,5 Prozent.