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Bild: Reuters/Yannis Behrakis

Gerechtigkeit

Wenn WhatsApp-Freunde fremdenfeindlichen Mist schreiben

28.10.2015, 10:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:22

Wie gehe ich damit um?

Vor ein paar Wochen hat er angefangen, mir diese Nachrichten über WhatsApp zu schreiben. Es geht um Flüchtlinge, er schreibt mir, was er davon hält, dass Deutschland Flüchtlinge willkommen heißt: nämlich nichts. Ich kenne und schätze ihn schon seit Jahren, deshalb schreibe ich hier auch nicht, wer er ist. Durch seine fremdenfeindlichen Nachrichten lerne ich: Er ist anders, als ich dachte. Das macht mich traurig. Und ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll.

Es fängt Mitte September an: Da schickt er mir Screenshots von journalistischen Artikeln. Dazu sendet er Kommentare, die mich meist stutzig zurücklassen, Sätze wie: "Kauf’ dir schon mal ein Kopftuch." Ich lasse mir oft Zeit mit meinen Reaktionen, gehe dem Konflikt teilweise stundenlang aus dem Weg. Jedes Mal, wenn ich auf mein Handy blicke, ist da diese kleine rote Zahl, die mich daran erinnert, dass ich ihm noch antworten muss.

Muss ich das?

Viele Freunde, denen ich davon erzähle, meinen: Nein. Es könne mir doch egal sein, wenn er so etwas schreibt. Wenn ich ihn ignorierte, würde er schon damit aufhören. Er sei die Mühe nicht wert.

Ich glaube: Wenn ich aufhöre, ihm zu antworten, wäre der Diskurs vorbei. In seiner Umgebung gibt es niemanden, der den Gegenstandpunkt vertritt. Ich fühle mich in der Verantwortung.

Ich denke an mein Studium, an die Theorie der Schweigespirale. Die bezieht sich eigentlich auf Massenkommunikation. Im Prinzip sagt sie aus: Je weniger eine Meinung präsent ist, desto weniger wird sie geäußert. Unabhängig davon, ob tatsächlich weniger Menschen sie vertreten. Dadurch, dass ein Mensch seine Meinung nicht äußert, tut der Nächste dies vielleicht auch nicht, weil er denkt, er sei in der Minderheit – und so weiter. Eine Spirale des Schweigens. Die Folge: Wer laut ist, hat recht.

Dazu will ich es nicht kommen lassen. Also gehe ich auf seine Nachrichten ein, meistens zumindest. Ich antworte auf Fragen, argumentiere. Ich sage deutlich, dass ich Sätze wie "Die wollen alle nach Deutschland, weil es hier so schön ist aber halten an ihrem archaischen Glauben fest." rassistisch finde. Ich widerspreche, wenn er von "Steinzeit-Kultur" spricht. Irgendwann werde ich richtig wütend. Von ihm kommen oft auch “witzig” gemeinte Anmerkungen. Zumindest glaube ich, dass sie witzig sein sollen – wegen der Smileys. “Werde an meiner Islam-Phobie arbeiten. :)”

Ist es illusorisch von mir, zu denken, ich könnte ihn tatsächlich überzeugen?

Nein, meint Marcus Rautenberg, Psychologe und Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Aber: Ich bin es komplett falsch angegangen. Rautenberg erklärt: “Wenn Sie jemanden verändern wollen, dann erreichen Sie das nicht, indem Sie ihn mit Argumenten zuschütten, sondern indem Sie ihn ernst nehmen.”

Warum das so ist, erkläre die Kognitive Dissonanz Theorie. Sehr vereinfacht ausgedrückt bezeichnet Kognitive Dissonanz einen Zustand des Unwohlseins, der entsteht, weil Eindrücke nicht zusammenpassen. Ich stehe dem Gesprächsthema positiv gegenüber, er negativ. Rautenberg erläutert: "Wenn Sie mit Gegenargumenten kommen, dann wird er Sie als negativ abhaken." Er sehe mich nur dann als positiv, wenn ich ihm positiv begegne. So die Theorie. Das erhoffte Ergebnis: Weil er mich mag und ich ihm offen begegne (positiv), und ich Flüchtlinge willkommen heiße (positiv), muss auch er seine negative Einstellung ändern. Nur so könne er die Dissonanz auflösen, sagt Rautenberg.

Schweigen helfe nicht, sagt Rautenberg: Es gebe viele Menschen, die sich Sorgen machen, ob wir alle Flüchtlinge aufnehmen können. Ob in Deutschland genügend Platz ist. Ob das Geld reicht. "Wenn sich niemand mit den Leuten auseinandersetzt, die so denken, dann werden es diejenigen tun, die radikaler sind.”

Was also tun?

Ich hätte die Person erst mal fragen sollen, was ihre Befürchtungen sind und wovor sie Angst hat. Ich hätte Verständnis für die Sorgen zeigen sollen – auch wenn ich sie nicht teile.

Erst dann hätte ich diskutieren sollen. Hilfe bietet dabei Sokrates. Ich hätte “durch gezieltes Nachfragen, Nachhaken, noch mal Fragen" meinen Gesprächspartner am Ende dazu zu bringen können, dass er mir recht gibt.

Ein Beispiel für den sokratischen Dialog:

Er sagt: “Das sind zu viele Flüchtlinge.”
Sie fragt: “Was ist die Alternative?”
Er sagt: “Die sollen da bleiben.”
Sie sagt: “Aber die sind ja schon längst unterwegs.”
Er sagt: “Dann sollen die Grenzen zugemacht werden. Mit einem Zaun, einer Mauer, Stacheldraht.”
Sie fragt: “Meinst du, die Flüchtlinge lassen sich davon abhalten?”

Würde ich weiter diskutieren, müsste ich irgendwann wohl fragen: “Will man auf die Flüchtlinge schießen, oder will man das nicht?” sagt Rautenberg. Die Antwort auf diese Frage gibt das Grundgesetz: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”.

Was, wenn jemand auf diese Frage mit “ja” antwortet? “Dann sind Sie am Ende. Dann sind diesem Menschen diese Werte egal. Da können Sie nichts mehr sagen. Sie werden nicht mehr weiterkommen.”

Immerhin, eine Sache habe ich richtig gemacht: Rautenberg empfiehlt, bei einer solchen Diskussion zunächst nicht das Medium zu wechseln. Erst wenn der Gesprächspartner sich auf die Diskussion einlässt, sollte man vorschlagen, sich persönlich zu treffen, um in Ruhe weiterzusprechen.

Während ich diesen Artikel schreibe, weiß ich: Er liest jeden meiner Artikel. Auch diesen. Wahrscheinlich werde ich spätestens heute Abend eine Nachricht von ihm bekommen.