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Bild: dpa / Fredrik von Erichsen

Gerechtigkeit

Wie rassistisch denken deutsche Studenten?

26.02.2016, 10:59 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Eine Umfrage an der Uni Köln schockt den Asta.

"Erschreckend" – so bezeichnet Katharina Letzelter die ersten Ergebnisse einer Onlineumfrage an der Uni Köln. Letzelter sitzt im Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta), der sich seit einem Jahr in einem Projekt intensiv mit dem Thema Rassismus beschäftigt. Zum Abschluss sollte eine Umfrage konkrete Probleme an der eigenen Hochschule aufzeigen. Rund 1660 Studenten klickten sich Mitte Januar durch die gut 25 Fragen des Asta.

Noch wird die Umfrage ausgewertet. Aber schon die erste Sichtung schockierte die Asta-Mitglieder. Viele Studenten äußerten sich selbst rassistisch oder nationalistisch. "Es sind so viele, dass man nicht mehr von Einzelfällen sprechen kann", sagt Letzelter.

Besonders auf die abschließende, offen formulierte Frage nach Feedback reagierten laut Letzelter rund zehn Prozent der Antwortenden mit extremen Parolen wie "Alle Muslime raus" oder "Durch die Internationalisierung gehen unsere deutschen Werte verloren". Die möglichen Antworten für die eigene sexuelle Orientierung wurden den Teilnehmern in zufälliger Reihenfolge präsentiert. Wurde "Homosexuell" als erste Möglichkeit angezeigt, veranlasste auch das einige Studenten laut Asta dazu, Sätze zu schreiben wie "Sind Homos was Besseres? Warum werden die als Erstes gelistet? So weit kommt es schon…"

Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Letzelter betont außerdem, dass sie nicht im Zusammenhang mit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht steht – auch wenn sie kurz darauf freigeschaltet wurde. Den Link zum Fragebogen hat der Asta vor allem über seinen Studentenverteiler verbreitet. Dass er gezielt in rechten Netzwerken gepostet und die Ergebnisse so beeinflusst wurden, ist nicht ausgeschlossen.

Dennoch stellt sich die Frage: Wie weit verbreitet ist diskriminierendes Denken unter Studenten?

Die Frage wird selten diskutiert, noch seltener erforscht. Wassilis Kassis, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Osnabrück, hat an seinem Campus zu dem Thema 2013 die erste internationale Studie an einer deutschen Hochschule durchgeführt. Seither beschäftigt er sich in Erhebungen und Publikationen mit dem Thema.

Im Interview erklärt er, warum Bildungsbürger dieselben Vorurteile pflegen wie Pegidisten – und warum es der falsche Weg ist, über ihre Ängste zu lachen.

Professor Kassis, der Asta der Uni Köln zeigt sich erschrocken darüber, wie viele Studenten sich bei einer Umfrage rassistisch und nationalistisch geäußert haben. Hat Sie das auch überrascht?

Als Bürger bin ich jedes Mal aufs Neue erschrocken, dass Menschen sich so verallgemeinernd, dominant und gewaltaffin äußern können. Als Wissenschaftler weiß ich: Das passiert leider immer wieder, wenn Menschen mit Fremdem konfrontiert werden – auch an der Universität. Unsere Untersuchungen haben außerdem gezeigt: Das ist kein deutsches Phänomen, sondern kommt in allen untersuchten Ländern vor.

Wassilis Kassis ist Professor an der Uni Osnabrück

Wassilis Kassis ist Professor an der Uni Osnabrück

In der Asta-Umfrage haben Studenten "Alle Muslime raus" oder den "Schutz deutscher Werte" gefordert. Gibt es gar keinen Unterschied zwischen Vorurteilen am Pegida-Stammtisch und im Seminarraum?

Nein. Wir versuchen immer, gesellschaftliche Phänomene, die uns unliebsam sind, Menschen zuzuschreiben, die weit von uns entfernt ist. Als klassischen Rechtsradikalen hat man lange den männlichen, ostdeutschen Hauptschüler gesehen – wohlwissend, dass diese Verallgemeinerung falsch ist. Dasselbe macht man mit Pegida: Man betrachtet es als Bewegung unter Ungebildeten.

Woran forscht Kassis?

Wassilis Kassis, 55, ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Antisemitismus, antimuslimische Vorurteile, Gewaltsozialisation sowie die Genese und Verbreitung sozialer Vorurteile im Jugendalter.

2013 führte er die erste international vergleichende Studie zu Diskriminierung an einem deutschen Campus durch. Im Jahr 2015 wurde die Studie auf insgesamt 10 Länder (Deutschland, Griechenland, Italien, Kanada, Österreich, Polen, Russland, Schweiz, Ukraine, Ungarn) und 16 Universitäten mit mehr als 7464 Studenten europaweit und in Kanada erweitert.

Das Ergebnis in Kurzform: Eine Mehrheit der Studenten hatten an allen Universitäten menschenfeindliche Vorurteile gegen Muslime, Juden, Ausländer und Homosexuelle. Kassis ist in Griechenland aufgewachsen, hat in der Schweiz studiert und lebt heute in Osnabrück.

Das ist nicht der Fall?

Menschenfeindliche Einstellungen haben noch nie vor den Universitätstoren Halt gemacht. Pegida ist auch im Seminarraum. Und das nicht nur in der Rolle der Studierenden, sondern auch in der Rolle der Lehrenden.

Trotzdem wird Bildung doch als eine der wenigen wirksamen Waffen gegen Rassismus betrachtet.

Formale Bildung hilft nicht gegen Menschenfeindlichkeit. Mit Schulabschlüssen, glänzenden Noten und Promotionen erlangen wir Fachkompetenzen. Aber das geht nicht zwingend einher mit demokratischen Tugenden, die unsere Gesellschaft dringend benötigt. Ein Beispiel: Die reine Kenntnis von Platons Politeia – selbst wenn wir daraus zitieren können – macht uns nicht zu besseren Bürgern. Das werden wir erst, wenn wir fähig sind, den Inhalt des Buchs mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft zu verbinden.

(Bild: dpa/Arno Burgi)

Also lernen wir falsch?

Wir lehren falsch. Wir müssen uns die Frage stellen: Wollen wir Bildung einzig abstrakt betreiben, als reinen Kompetenzerwerb, als Ausbildung? Oder wollen wir Bildung auch an soziale Fragen binden und mit demokratischen Werten verknüpfen?

Sollte Letzteres nicht selbstverständlich sein?

Es steht so in jeder Uni-Satzung in Deutschland. Aber die Widersprüche der Demokratie zu ertragen, ist kompliziert. Sie erfordern ständige Diskussion und Reflexion. Die Universitäten müssen sich mit ihnen auseinandersetzen, wenn sie einen Beitrag zur demokratischen Gesellschaft leisten wollen. Im Moment tun die Unis das leider nicht beziehungsweise nicht so intensiv wie sie dies sollten.

Hat das Bachelor-System Auswirkungen auf die Entwicklung?

Das Bachelor-System ist für vieles verantwortlich. Aber ich glaube nicht, dass es Menschenfeindlichkeit fördert oder die Auseinandersetzung mit diesen Themen hemmt. Ich sehe nicht die Evidenz dafür, dass frühere Studenten-Generationen demokratiefreundlicher waren. Die einzige Ausnahme ist die Studentenbewegung der späten Sechzigerjahre, die tatsächlich Inhalte diskutiert und sich mit sozialen Fragen auseinandergesetzt hat.

Dabei hagelt es gerade vom Bildungsbürgertum Schmäh und Spott für die "Idioten" von AfD und Pegida.

Es ist ein ähnlicher Stigmatisierungs-Prozess, wie er von Pegida formuliert wird. Während Pegida "Alle Muslime" verurteilt, verurteilt das Bildungsbürgertum "Alle Pegidisten". Man weist die anderen weit von sich – als dumm, als erfolglos, als Wutbürger. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass die Menschen anders sind. Sie gehören zu uns. Das müssen wir erst einmal akzeptieren.

Diese Menschen dumm zu nennen, ist vergleichbar mit einer Fehldiagnose beim Arzt.

Wie gefährlich ist dieses Lächerlich machen?

Meine 77-Jährige Nachbarin hat sich gerade eine Trillerpfeife gekauft, um sich vor "dem Marokkaner" zu schützen. Man kann über ihre Ängste lachen. Ich tue das nicht. Diese Menschen dumm zu nennen, ist vergleichbar mit einer Fehldiagnose beim Arzt. Sie befriedigt vielleicht kurze Zeit, aber die Krankheit verschwindet nicht.

Sie haben an der Uni Osnabrück seit 2013 mehrere Erhebungen zum Thema Diskriminierung durchgeführt. Was sind weit verbreitete Vorurteile auf dem Campus?

Ein Beispiel zum Antisemitismus: Dem Satz "Die Juden in Deutschland sind krimineller als andere Deutsche" stimmen 30 Prozent der Studierenden mehr oder weniger zu. Bei dem Satz "Ausländer arbeiten nur dann einigermaßen anständig, wenn sie dauernd kontrolliert werden" sind es sogar 85 Prozent. Und 30 Prozent stimmen vollkommen dem Satz zu "Die hohen Geburtenziffern der muslimischen Frauen weisen daraufhin, dass das Christentum verdrängt wird".

Thilo Sarrazin: Sein Buch "Deutschland schafft sich ab" gehört zu den meistverkauften Sachbüchern in Deutschland

Thilo Sarrazin: Sein Buch "Deutschland schafft sich ab" gehört zu den meistverkauften Sachbüchern in Deutschland (Bild: dpa / Arno Burgi)

Ein klassischer Sarrazin...

..der auch Bildungsbürger und SPD-Mitglied ist.

Woher kommen diese Vorurteile bei Studenten?

Nur weil man sie an der Uni feststellt, heißt das nicht, dass sie dort entstanden sind. Studierende tragen auch menschenfeindliche Einstellungen in die Universität hinein, deren Ursprünge woanders liegen – zum Beispiel im Elternhaus. Aber die Uni kann diese Einstellungen beeinflussen. Sie kann sie verstärken, dulden, normalisieren, neu formieren.

Wie kann Bildung vor Vorurteilen schützen?

Wie bei den Anonymen Alkoholikern müssen wir uns zuerst eingestehen, dass wir überhaupt ein Problem haben. Da sind die Universitäten noch längst nicht angekommen. Es ist ja kein Wettbewerbsvorteil, wenn eine Statistik besagt: 30 Prozent der Studenten an Uni XY denken rassistisch.

Wie kann solch eine Diagnose gelingen?

An Universitäten wird die Einbeziehung der Studenten zentral sein. Es geht schließlich um die Lebenswelt dieser jungen Menschen. Ansonsten haben wir einen Leitstern in Deutschland: das Grundgesetz. Wir sollten uns wieder damit auseinandersetzen, was es besagt – und was das für uns heute eigentlich bedeutet.

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