Gerechtigkeit

Ehe oder Tattoo-Studio? Diese Inderin kämpft gegen Traditionen

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12.07.2017, 13:39 · Aktualisiert: 12.07.2017, 15:53

Als Archana 24 Jahre alt ist, will sie so ziemlich alles, wovor es den meisten indischen Eltern graust: Um die Welt reisen, in England studieren – und Tätowiererin werden. Ihr Kunststudium hat sie gerade abgeschlossen und sich für ein weiteres Studium in England beworben. Doch die Uni lehnt sie ab.

Archana gibt nicht auf. Sie beginnt, im Tattoo-Studio einer Freundin zu arbeiten. Im nächsten Jahr will sie es noch einmal an der Uni versuchen.

Doch ihr Vater sieht das anders. "Jetzt", sagt er, "ist es Zeit zu heiraten".

Ihre Freundinnen und Cousinen sind längst Ehefrauen, haben Kinder. Archana will so nicht sein. "Ich kenne so viele Frauen, die so viel mehr Talent haben als ich. Aber sie sitzen zu Hause, warten auf ihren Ehemann und kochen ihm das Essen. Viele sind glücklich damit – ich aber nicht."

Die junge Inderin lebt in der Millionen-Metropole Mumbai. Eigentlich ist die Stadt ein Symbol für das neue moderne Leben in Indien. Aber auch hier herrschen noch gefestigte Rollenbilder.

Besonders Frauen stehen unter hohem sozialen Druck. "Die vermeintliche Hauptaufgabe einer Frau ist, sich um die Familie und den Haushalt zu kümmern – nicht um ihre eigene Selbstverwirklichung oder ihren Job", erklärt die Frauenrechtlerin Kalpana Sharma.

Junge Menschen wehren sich zunehmend gegen solche feste Rollenbilder und Sexismus.

Heiraten ist in Indien Familiensache: Die meisten Hochzeiten sind arrangiert, Eltern suchen die passenden Partner für ihre Kinder aus. Sie schalten Heiratsanzeigen in indischen Zeitungen und tauschen Fotos und Lebensläufe ihrer heiratsfähigen Kinder im Bekanntenkreis aus.

Zwar wandelt sich das langsam. Vor allem im modernen Mittelschichtsleben können Männer und Frauen zunehmend mitbestimmen, mit wem sie ihr Leben verbringen wollen. Das bedeutet aber nicht, dass daraus Liebeshochzeiten entstehen: Die meisten treffen sich ein paar Mal und entscheiden dann, ob sie sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen können. Archana will das nicht.

Sie will selbstbestimmt leben und nicht nach den Regeln eines Ehemanns. Aber sie will auch ihre Familie nicht enttäuschen.

Auf ihren Unterarm hat sich Archana bunte Pfauenfedern tätowieren lassen, auf ihr Handgelenk eine Manga-Figur. In ihrer Nase trägt sie einen silbernen Ring, statt das traditionelle Gold. Nach außen hin gibt sie nicht unbedingt das Bild einer typischen indischen Frau. Vollständig lösen kann aber auch sie sich nicht von der gesellschaftlichen Ordnung.

Irgendwann, denkt sie, müsse sie sowieso heiraten. Also beugt sie sich dem Druck – und wird Nikhils Frau.

Wie geht es jungen Frauen in indischen Städten?

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Ihre Väter kennen sich beruflich, kennenlernten sich die beiden aber im Tattoo-Studio: Archana stach ihm eine kleine Sonne auf den Nacken. Sie wurden gute Freunde – und dann Ehepartner. Es war keine Liebe, aber es hat gereicht.

"Ich wusste, dass er auch gerne reist, viele Freunde hat und sein Leben lebt", sagt Archana. Sie dachte: Lieber jemanden heiraten, den sie mag – wenn auch nicht liebt – als einen Unbekannten.

Ein Fotograf macht auf besondere Weise auf die Situation indischer Frauen aufmerksam:

Doch bevor sie diese Entscheidung treffen, nimmt Archana Nikhil ein Versprechen ab: Er dürfe sie nicht einschränken, sondern müsse sie darin unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen.

"Männer haben in der indischen Gesellschaft die Oberhand", sagt die heute 29-Jährige. Zuerst entscheiden die Väter über das Leben ihrer Töchter, später sind es die Ehemänner. Wenn die nicht wollen, dass ihre Frau arbeitet, kann diese sich dagegen kaum wehren.

Welche Rolle spielt das Kastenwesen für junge Inder heute noch?

Aber Nikhil, heute 33, könnte sich das niemals vorstellen: "Ich will sie nicht zu Hause einschließen. Ich will der Welt zeigen, was sie kann."

Nach ihrer Hochzeit zieht Archana zu Nikhils Familie an den Stadtrand und lässt sich offiziell zur Tätowiererin ausbilden.

Seitdem ist ihr Leben ein ständiger Spagat zwischen Tradition und Selbstbestimmung.

Zuhause lebt sie das alte Leben einer indischen Frau: Sie trägt indische Kleider, wäscht, kocht und bedient die Männer der Familie. Erst wenn diese fertig sind, isst auch Archana. Draußen, in ihrem Job, lebt sie das neue, moderne Indien. Dort kann sie mehr sein als nur eine Frau. Die indischen Baumwollkleider weichen Jeans und T-Shirt. Essen bestellen sie online.

Und sie erfüllte sich einen Traum: Gemeinsam mit Nikhil eröffnet Archana 2012 – mit gerade mal 25 Jahren – ihr erstes Tattoo-Studio in Mumbai.

Heute haben sie zwei Studios und mehrere Angestellte. Nikhil und sie reisen um die Welt und nehmen an Tattoo-Conventions teil. Archana hat sich mit ihren filigranen Designs längst einen Namen in der Branche gemacht. Ihr Mann kümmert sich um die Finanzen und das Marketing.

Das Leben zwischen den Welten ist nicht immer leicht, aber ihre Arbeit macht Archana glücklich:

"Ich liebe meinen Job und als Künstlerin ist es egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist."

Auf Voice of Mother India (www.voiceofmotherindia.com) könnt ihr mehr über Archana erfahren. In der Webdoku erzählen sie und vier andere außergewöhnliche Frauen von ihrem Leben, der Vergangenheit und ihrem ganz persönlichen Alltag. Experten kommentieren die Themen sowie einzelne Situationen und geben einen Einblick in die indische Gesellschaft.


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