Gerechtigkeit

​Vergewaltigungen in Indien: Wie sicher fühlen sich Frauen?

20.10.2016, 10:35 · Aktualisiert: 20.10.2016, 12:38

Sechs Männer vergewaltigen eine junge Studentin in einem Bus, sie stirbt an den schweren Verletzungen. Tausende Inder gehen danach auf die Straße; sogar auf der ganzen Welt diskutieren Menschen über die Rechte von Indiens Frauen. Das war vor vier Jahren.

Seitdem hat Indiens Regierung einiges getan, um das Image des Landes aufzubessern, Frauenrechte zu stärken. So sind Busse in Neu Delhi nachts erleuchtet, Vorhänge und getönte Scheiben sind verboten. Stirbt das Opfer einer Vergewaltigung, droht den Tätern die Todesstrafe, bei Gruppenvergewaltigungen werden 20 Jahre Haft verhängt. Auch Stalker erhalten mittlerweile Haftstrafen.

Und trotzdem: Immer noch werden in Indien häufig Frauen vergewaltigt. Noch immer heißt es, das Mädchen, das in Delhi in dem Bus vergewaltigt wurde, wäre betrunken gewesen, hätte den Busfahrer geschlagen und wäre dafür bestraft worden.

Hat sich also wirklich etwas verändert? Wie sicher fühlen sich junge Inderinnen im Alltag, in Bussen? Nachts? Wie wehren sie sich? Wir haben mit drei Inderinnen gesprochen.

(Bild: Julia Jaroschewski)

Yashi Shekar, 24, Neu Delhi

Ich habe einige Zeit in Mumbai gelebt und bin vor fünf Tagen nach Delhi gezogen. Tatsächlich habe ich große Angst hier, weil es in Delhi so viele Vergewaltigungen gibt. Ich fahre hier zwar mit der Metro, aber ich habe meinen Chef gefragt, ob ich schon um 9.30 Uhr anfangen kann, damit ich spätestens um 19 Uhr nach Hause komme. Busse nutze ich gar nicht.

In Mumbai habe ich mich relativ sicher gefühlt, doch ich wurde von meinem Arbeitgeber nach Delhi versetzt. Ich arbeite als Business Development Manager in einer Bank.

Wenn ich ausgehe, dann frage ich Freunde und Bekannte, ob sie mich fahren können. Das ist nicht schön, ständig um diesen Gefallen zu bitten, aber Sicherheit steht bei mir an erster Stelle. Und wenn ich auf der Straße beleidigt oder sexuell belästigt werde, dann lasse mir das nicht gefallen: Ich werde laut.

In Mumbai haben sich meine Eltern wenig um mich sorgen müssen. Obwohl meine Schwester auch in Delhi wohnt, rufen meine Eltern jeden Tag an, fragen mich, wo ich bin, wie es mir geht, sagen, dass ich auf mich aufpassen soll. In meiner Heimatstadt Lucknow ist es noch schlimmer: Nach 19 Uhr darfst du als Frau nicht einmal daran denken, nach draußen zu gehen.

Meine Eltern haben mich zu einer unabhängigen Frau erzogen. Ich habe eine gute Bildung bekommen, das ist das wichtigste. Meine Mutter arbeitet und sie meint, ich hätte es viel leichter als sie. Sie hätte sich alles erkämpfen müssen und ich bekäme alles geschenkt, ich könne einfach ausgehen. Aber ganz so leicht ist es nicht, auch wenn ich daran glaube, dass Indien sich ändern wird.

Im Slider: Wie die Vergewaltigung Neu Dehli verändert hat

Getty Images / niel Berehulak
Getty Images / Daniel Berehulak
Getty Images / Daniel Berehulak
Imago
Imago
Imago
Getty Images / Phil Walter
Getty Images / Daniel Berehulak
Getty Images / Daniel Berehulak
1/12

Wir haben über den Vergewaltigungsfall damals geredet und sprechen auch heute viel davon. Wenn jemand sagt, das Mädchen sei betrunken gewesen oder sie habe sich nicht richtig verhalten, dann kann ich nur sagen: Es ist ihr Leben. Sie kann trinken und sich mit Männern treffen. Das ist nichts Verwerfliches.

Aber hier in Uttar Pradesh und in Delhi wird jede Schuld im Endeffekt auf die Mädchen geschoben. Sie sind immer diejenigen, die nicht richtig gehandelt haben. Das ist nicht richtig.

Wir kommen nur weiter, wenn alle lernen, dass wir als Frauen gleiche Rechte haben. Und dafür brauchen wir auch die Medien. Ich glaube, dass sich vielleicht etwas ändert, wenn wir über soziale Medien Aufmerksamkeit schaffen, oder Journalisten berichten.

(Bild: Julia Jaroschewski)

Glancy Pinto, 20, aus Mumbai, Maharashtra

Ich kann mir nicht vorstellen, welche unendlichen Schmerzen diese Frau ausgestanden haben muss. Ich weiß, wie es schmerzt, wenn ich mir in die Hand schneide – sie haben der Frau eine Stange durch die Genitalien geschoben, das ist unvorstellbar brutal.

Es gibt Leute, die sagen: Sie hätte so spät nicht unterwegs sein sollen. Diese Menschen verstehen nicht, dass es Nein heißt, wenn eine Frau Nein sagt.

Auch heute hören viele nicht zu, wenn eine Frau versucht, über ihre Rechte zu sprechen. Sie sagen: Was wisst ihre Frauen denn schon, ihr seid nicht wie Männer, ihr seid nicht stärker als wir, ihr arbeitet nicht so hart wie wir.

(Bild: Julia Jaroschewski)

In Mumbai fühle ich mich als Frau schon sicher, weil ich mich hier auskenne und gut einschätzen kann, wenn etwas nicht so läuft wie es sollte. Anders ist das mit Delhi. Selbst wenn ich eine Reise geschenkt bekäme, würde ich diesen Ort nicht besuchen.

In Bandra, Mumbai, fühle ich mich wohl, auch wenn es hier Männer gibt, die mich anstarren. Ich fahre mit dem Zug, mit Rikschas oder Taxis. Für lange Strecken ist der Zug die beste und sicherste Wahl, da er spezielle Frauenabteile hat.

Eine Beziehung möchte ich noch nicht, ich denke erst an meine Karriere. Wenn meine Familie sagt, "das ist ein passender Mann, den kannst du heiraten", dann sage ich: Heiratet ihr ihn doch. Ich studiere lieber, gehe arbeiten und dann kann ich über Heirat und Familie nachdenken. Sonst stehe ich in Handschellen vor einem Mann, der mir all das verbietet.

Laxmi ist noch nicht verheiratet – sie hat sich nur einmal das Kleid ihrer christlichen Freundin angezogen. Weil es ihr so gefallen hat

Laxmi ist noch nicht verheiratet – sie hat sich nur einmal das Kleid ihrer christlichen Freundin angezogen. Weil es ihr so gefallen hat

Laxmi Chundawat, 26, Sangramgarh, Rajasthan

Ich denke, mein Dorf ist sicher. Anders ist es in größeren Städten, dort machen Männer obszöne Kommentare. An der Bushaltestelle sind das meist LKW-Fahrer, die betrunken sind - oder die sich grundsätzlich ziemlich mies verhalten.

Ich wohne seit 26 Jahren in Sangramgarh, dem Dorf, in dem ich geboren wurde, zusammen mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder. Meine Familie schränkt mich nicht ein, sie hat mich und meinen Bruder gleich erzogen. So konnte ich auch zur Schule gehen, was ich großartig finde. Heute arbeite ich als Lehrerin, ich unterrichte Hindi und Mathematik in einer Schule.

Für meine Sicherheit bin ich selbst verantwortlich, deswegen gehe ich nie allein aus dem Haus, wenn es dunkel ist. Sollte ich nach Sonnenuntergang rausgehen, dann nehme ich zum Beispiel meinen Bruder mit. Und wenn es bei der Arbeit später wird, rufe ich meine Familie an, damit sie sich keine Sorgen machen.

Im Slider: Mit diesen Fotos will der indische Fotograf Ganesh Toasty Vergewaltigungen verhindern

Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
Ganesh Toasty
1/12

Im Großen und Ganzen unterstützt meine Dorfgemeinschaft Mädchen. Die Mädchen aus meinem Dorf sind stark und laut, sie beschweren sich, wenn sie sich bedroht fühlen.

Eine meine Schülerinnen wurde auf dem Nachhauseweg von einem Jungen aus dem Nachbardorf verfolgt. In dieser Gegend gibt es nicht außer einem ausgetrockneten Fluss. Auf dem Weg hat sie nichts unternommen, doch als sie das Dorf erreichte, hat sie mit ihren Sandalen auf den Jungen eingehauen.

Das versammelte Dorf hat sich beide Versionen angehört, dem Mädchen geglaubt und den Jungen geschlagen. Zurück im Nachbardorf wurde der Junge wiederum von seinem Vater zurechtgewiesen.

Der Fall in Delhi 2012 hat uns allen das Gefühl gegeben, sehr angreifbar zu sein. Es ist beängstigend zu wissen, dass es mir auch passieren kann. Aber es wird mich nicht aufhalten, mein Leben so zu leben wie bisher. So fahre ich weiterhin jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit – aber es hat mir eine Zeitlang große Angst gemacht.

In den Städten tragen manche Mädchen Pfefferspray mit sich – ich habe immer rotes Chilipulver dabei, für den Notfall. Man weiß ja nie.

Mehr Indien


Today

Mission gescheitert? Marssonde "Schiaparelli" sendet keine Signale

20.10.2016, 08:29

Es ist eines der derzeit spannendsten Projekt der Raumfahrt: Die Erkundung des Mars. Am Mittwoch ist die europäisch-russischen Sonde "Schiaparelli" auf dem Planeten gelandet. Doch sie sendet kein Signal.

Vielleicht hat sie einen Felsen oder einen Krater gerammt, vielleicht kann sie auch einfach nicht mehr kommunizieren. Die Weltraumagentur Esa weiß das gerade nicht so genau. (tagesschau.de)