Bild: bento/Steffen Lüdke

Gerechtigkeit

"Ob Ali, Mohammed oder Josef – egal": So soll Deutschland 2036 aussehen

14.10.2016, 16:04 · Aktualisiert: 17.10.2016, 09:57

Acht junge Menschen erzählen von ihren Utopien.

Wie soll Deutschland in Zukunft aussehen? Kaum ein Politiker entwirft wirklich große Ideen. Wo ist der Mut geblieben?

Bundespräsident Joachim Gauck hat deswegen 100 Menschen zwischen 15 und 25 Jahren ins Schloss Bellevue eingeladen. Kommen durfte nur, wer sich sozial und politisch engagiert. Seit September hatten die Teilnehmer in einem Online-Forum und in WhatsApp-Gruppen debattiert, Ideen gesammelt und sich gestritten. Auf dem Podium mit Gauck und Moderator Michel Abdollahi durften sie ihre Ideen endlich loswerden.

Gaucks Bitte:

"Utopien sind heute erlaubt, sogar ausdrücklich!"

Zeit zum Träumen also, die Teilnehmer hielten sich daran. Acht von ihnen haben wir gefragt, wie sie sich Deutschland im Jahr 2036 wünschen. Das sind ihre Utopien:

Phillip Walz, 23

Ob der Kollege jetzt Ali, Mohammed oder Josef heißt – völlig egal.

2036 müssen hoffentlich nicht mehr so viele Menschen flüchten, ihre Schule wechseln und eine völlig neue Sprache lernen. Aber wenn Flüchtlinge zu uns kommen, dann integrieren wir sie viel schneller als heute. Vor allem weil wir gar nicht mehr so viel darüber nachdenken.

Ob der Kollege jetzt Ali, Mohammed oder Josef heißt – völlig egal. Hautfarbe und Religion spielen keine Rolle mehr.

Yagmur Celik, 24

Niemandem wird das Medizinstudium verwehrt, nur weil er es sich nicht leisten kann, zu studieren.

In meinem Stadtteil von Hamburg wohnen viele eher ungebildete und arme Menschen. Gerade bekommen wir noch ein Flüchtlingsheim, es bilden sich Ghettos. Die Menschen dort haben nicht die gleichen Chancen wie in anderen Stadtteilen.

2036 ist mein Stadtteil viel durchmischter und jeder kann endlich die Ziele erreichen, die er sich setzt. Niemandem wird das Medizinstudium verwehrt, nur weil er es sich nicht leisten kann, zu studieren. Niemand sucht vergebens nach einem Arbeitsplatz, nur weil er keine guten Kontakte hat.

Auch Menschen, die noch kein Deutsch sprechen, wissen, welche Chancen sie hier haben – weil wir genug Menschen beschäftigen, die sich um sie kümmern.

Samim Noori, 24

Wir feiern zusammen Weihnachten – und auch das Zuckerfest.

Einwanderer werden 2036 ein ganz anderes, weltbürgerliches Deutschland erleben: Deutsche und Einwandererfamilien feiern zusammen Weihnachten und später zum Ende des Ramadan auch das Zuckerfest.

In 20 Jahren sitzen wir gemeinsam an einem Tisch – und sind viel stärker noch füreinander da als derzeit. Die Kulturen haben sich vermischt – und wir lernen endlich voneinander.


In der Fotostrecke: So stellt sich Joachim Gauck sein Land in 20 Jahren vor

dpa
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Linn Kreutschmann, 18

Niemand hält eine Frau mehr für eine Hilfskraft, obwohl sie die Chefin ist.

Frauen werden 2036 nicht mehr benachteiligt. Sie bekommen den gleichen Lohn wie Männer. Frauen können Karriere machen, wenn sie wollen – dann bleibt halt der Mann zu Hause.

Niemand hält eine Frau mehr für eine Hilfskraft, obwohl sie die Chefin ist. Gleichberechtigung ist Normalität geworden.


Kevin Siol, 23

Jeder Flüchtling weiß sofort, wie sein Schicksal aussehen wird.

Wer in 20 Jahren nach Europa flüchten muss, wird innerhalb von zwei Wochen in ein europäisches Land gebracht, in dem er auch bleiben darf, weil die Mitgliedsstaaten sich auf Quoten geeinigt haben.

Er kann sofort einen Sprachkurs machen und lernen, welche Werte im neuen Heimatland wichtig sind. Menschen helfen ihm, mit der Bürokratie klarzukommen: Er weiß, wie sein Schicksal aussehen wird und hat eine faire Chance, Staatsbürger zu werden.

Johanna Ulbricht, 19

In 20 Jahren engagieren sich viel mehr Menschen als heute. Das ist meine Utopie.

Seitdem ich angefangen habe, mich in geschichtlichen und religiösen Projekten zu engagieren, kann ich Anderen und mir besser Fehler zugestehen, bin viel lockerer und auch reifer geworden. Ich habe von Anderen gehört, wie sie sich die Welt vorstellen, wie sie leben wollen. Dadurch bin ich selbst auf neue Gedanken gekommen, die meine Lebensweise beeinflussen.

Eine Freundin macht gerade Gemeindearbeit in Estland und hat dort gelernt, dass sie nicht erst Dinge abschließen muss, um etwas Neues anzufangen. Wir müssen nirgendwo ankommen. Solche Erfahrungen machen in 20 Jahren noch viel mehr junge Menschen, weil sie sich persönlich engagieren. Das ist meine ganz persönliche Utopie.

Salome Wörner, 20

In 20 Jahren gehen die besten Lehrer selbst an die Uni und bilden neue Lehrer aus.

2036 gehen alle Schüler gern zur Schule, weil unsere Lehrer anders ausgebildet werden: Es halten nicht mehr nur irgendwelche Professoren die meisten Vorlesungen. In 20 Jahren gehen die besten Lehrer selbst an die Uni und bilden neue Lehrer aus.

Dann kämpfen sich die Schüler hoffentlich nicht mehr nur durch den Tag, sondern fühlen sich wohl. Und auch die Lehrer haben das Gefühl, dass sie etwas bewegen können. Wenn wir erst mal die Schule reformiert haben, wird Stück für Stück auch der Rest der Gesellschaft emphatischer und freundlicher.

Ayhan Boran Javuz, 18

Eigentlich müsste es ein europäisches soziales Jahr geben.

2036 fühlen wir uns als Weltbürger und Europäer. Eigentlich müsste es ein europäisches soziales Jahr geben. Vor dem Schulabschluss oder direkt danach fahren junge Menschen durch Europa – und danach können sie sich entscheiden, wo sie studieren oder arbeiten wollen.

Wie können wir denn von Europa reden, wenn wir in Frankreich und Spanien niemanden kennen? Wenn wir nicht wissen, wie es sich dort lebt? Wenn ich die Kultur woanders schöner finde, kann ich dort leben.

Ohne Probleme, ohne Pass, einfach so.


Lass uns Freunde werden!

Einfach mal machen? Diese Flüchtlingshelfer berichten, wie sie die Zeit am Hamburger Hauptbahnhof erlebt und die Erfahrungen sie verändert haben:

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