Gerechtigkeit

"Ich habe nie wirklich daran geglaubt": Was Türken zum EU-Beitritt sagen

24.11.2016, 09:08 · Aktualisiert: 24.11.2016, 13:48

Die Europäische Union (EU) und die Türkei stecken in einer Beziehungskrise. Am Donnerstag hat das EU-Parlament in einer Abstimmung gefordert, dass die Verhandlungen zum Beitritt der Türkei gestoppt werden (bento). Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, das Volk über eine Fortführung der Verhandlungen abstimmen lassen zu wollen.

Wir haben mit Frauen und Männern aus Istanbul darüber gesprochen, was sie über die aktuellen Diskussionen denken.

Eren, 25, studiert Sport in Istanbul

Die Beitrittsgespräch zwischen der EU und der Türkei kamen wir von Anfang an nicht ehrlich vor. Die EU schien nie wirklich zu wollen, dass die Türkei Mitglied wird. Für mich und meine Freunde ist ein Ende der Verhandlungen also ziemlich vorhersehbar.

Ich bin noch nie in Europa gewesen, habe aber viele Europäer getroffen und bin mit einigen befreundet. Ich finde nicht, dass die Türkei Mitglied der EU werden sollte.

Auch abgesehen von den politischen Faktoren ist der Lebensstil in der Türkei ein ganz anderer als in Europa. Ich glaube nicht, dass die Türkei bereit ist, sich dem anzupassen. Die Europäer führen ein deutlich friedlicheres Leben. Sollte die Türkei EU-Mitglied werden, hätte ich Angst, dass sie den europäischen Frieden stören könnte.

Andererseits hat unser Land auch gerade andere Probleme als die Frage nach einem Beitritt in die EU. Diese ist mit ihren Regeln und Vorschriften sehr weit entfernt von der Realität der Menschen hier. Uns ist derzeit zum Beispiel relativ egal, ob das Rauchen in Restaurants verboten ist. Ein viel größeres Problem ist das schlechte Bildungssystem und die Unterdrückung der Presse.

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

Epa / Sedat Suna
Epa / Sedat Suna
Epa / Sedat Suna
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Epa / Sedat Suna
Epa / Cem Turkel
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Epa / Tolga Bozoglu
Epa / Tolga Bozoglu
Epa / Tolga Bozoglu
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Epa / Sedat Suna
Epa / Deniz Toprak
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Epa / Senat Suna
Epa / Sedat Suna
Epa / Sedat Suna
Epa / Sedat Suna
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Nach den Verhaftungswellen der vergangenen Monate haben viele Türken Angst, ihre Meinung öffentlich zu äußern. So wie Esra, die eigentlich anders heißt. Die 24-jährige Studentin der Politikwissenschaft möchte deshalb lieber anonym bleiben.

Ich finde es traurig und enttäuschend, dass die Beitrittsgespräche kurz vor dem Scheitern stehen. Allerdings hatte ich es schon erwartet. Unsere Regierung scheint schon lange nicht mehr zum Ziel zu haben, Mitglied er EU zu werden.

Ich war und bin immer noch sehr froh über den Einfluss, den die EU auf den Demokratisierungsprozess der Türkei hatte. Sie hat dazu geführt, dass die Todesstrafe hier abgeschafft wurde.


Ich hatte sehr gehofft, dass die Türkei eines Tages Teil der EU wird. Vor allem um den Willen der jungen und zukünftigen Generationen. Wir hätten durch den Beitritt viel mehr Möglichkeiten, könnten leichter in Europa studieren und arbeiten. Und es würden auch mehr Jobs in der Türkei entstehen.

Aber mir ist klar, dass viele EU-Staaten gegen die Mitgliedschaft der Türkei sind: ihre geopolitische Position, die Nähe zu den Konfliktzonen im Nahen Osten und allein die Bevölkerungsgröße der Türkei – das alles sind verständliche Gründe, warum die EU die Türkei als Mitglied ablehnt.

Ich hoffe wirklich, dass sie trotzdem eine Basis finden, auf der sie weiter verhandeln können. Aber ich fürchte das ist Wunschdenken.

Selin, 25, studiert Materialwissenschaften und hat gerade ihren Master in Aachen begonnen.

Ich hatte ehrlich gesagt von Anfang an keinerlei Hoffnungen in die Beitrittsgespräche gesetzt. Wenn man in etwas aufgenommen werden möchte, muss man sich erst mal fragen, ob man es denn überhaupt verdient hat, dort aufgenommen zu werden.

Jetzt, wo ich in Europa lebe und studiere, kann ich deutlich sehen, dass die Türkei noch einen weiten Weg vor sich hat. Zum Beispiel der Gesetzesentwurf vor ein paar Tagen: Wenn die Regierungspartei Straffreiheit für Vergewaltiger fordert, wie kann sie dann noch ernsthaft glauben, in die europäische Union aufgenommen zu werden? (SPIEGEL ONLINE)

Allerdings finde ich es gut, dass Erdogan ein Referendum vorschlägt, um uns über ein Ende der Verhandlungen abstimmen zu lassen. Die Bevölkerung weiß immer am besten, was gut für sie ist.

(Bild: privat)

Tahsin, 28, arbeitet als Lehrer und leitet Debattier-Clubs.

Wenn die Verhandlungen scheitern sollten, wäre das ein Verlust für beide Seiten. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass die Verhandlungen komplett beendet werden. Dazu haben beide Parteien zu viele gemeinsame Ziele. Vielleicht werden sie vorübergehend eingefroren.

Ich war selbst immer zögerlich und habe keine große Hoffnungen auf einen Beitritt in die EU gesetzt. Aber selbst wenn wir niemals Teil der EU werden, haben allein die Beitrittsverhandlungen unserem Land viel gebracht.

Die Türkei sollte dennoch auf jeden Fall anstreben, EU-Mitglied zu werden. Obwohl Europa gerade auch einige Probleme hat und kritisiert werden muss, haben sie immer noch den höchsten Standard an Freiheits- und Menschenrechten der Welt.

Hier glauben mittlerweile viele, dass sich die Türkei auch mit Russland oder China zusammenschließen könnte. Aber meiner Meinung nach ist das überhaupt keine Alternative, das kann man gar nicht vergleichen.

Ich befürchte, dass bei einem Referendum die Mehrheit gegen die Fortführung der Beitrittsgespräche stimmen wird. Die Türkei durchlebt gerade eine schwere Zeit, das ist klar. Ich denke aber, dass die EU zwar die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei anprangern sollte, aber auch versuchen muss, das Land am Verhandlungstisch zu halten. Sonst wird hier alles nur noch schlimmer.


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