Bild: Marc Röhlig

04.01.2018, 15:53 · Aktualisiert: 04.01.2018, 16:12

Die Türkei lockert weiter die Vorschriften für Kinderehen – und entmündigt die Eltern. Das zeigt eine neue Empfehlung der obersten türkischen Religionsbehörde Diyanet. Auf der Homepage der Behörde hieß es seit Dienstag, Mädchen seien bereits ab dem Alter von neun Jahren heiratsfähig, Jungen ab dem Alter von zwölf Jahren.

Der Grund: Ab dann kämen Mädchen und Jungen in die Pubertät. Mädchen sind also laut Diyanet bereits ab neun Jahren gebärfähig. Entsprechend könnten sie dann bereits heiraten, eine Zustimmung von Eltern oder anderen Schutzbefohlenen zur Ehe sei nicht nötig.

Nach zwei Tagen der Entrüstung hat Diyanet die Empfehlung am Donnerstag zerknirscht zurückgenommen.

Das Manöver sorgt in der Türkei trotzdem weiter für Aufregung: Kritiker fürchten, dass nun mehr Kinderehen möglich werden.

Bisher liegt das Mindestalter für Eheschließungen in der Türkei bei 17 Jahren, in Ausnahmefällen bei 16 Jahren. Die Jugendlichen brauchen aber die Zustimmung eines Erziehungsberechtigten. Erst ab 18 können sie frei heiraten.

Trotzdem arbeitet die Regierungspartei AKP daran, Kinderehen zu legalisieren: Erst im vergangenen Herbst hatte das türkische Parlament bereits den Weg für ein umstrittenes Gesetz freigemacht, das den Geistlichen im Land mehr Rechte bei der Schließung von Ehen zugesteht.

Bisher durften nur Standesbeamte rechtsgültige Trauungen vollziehen, nun sind auch die sogenannten Mufti-Ehen ("Imam Nikahı") erlaubt. Das sind Ehen, die von islamischen Gelehrten geschlossen werden, vergleichbar mit der kirchlichen Trauung in Deutschland.

Das neue Statement von Diyanet, auch Neunjährige seien bereits heiratsfähig, war nun der nächste Schritt.

Was ist Diyanet?

Die höchste Religionsbehörde in der Türkei. Sie ist direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt und legt fest, wie religiöse Vorschriften in der Gesellschaft umgesetzt werden sollen.

Ihr untergeordnet sind auch alle Imame im Land – und Imame türkischer Gemeinden im Ausland. Das heißt, Diyanet kontrolliert auch den deutsch-türkischen Verband Ditib und trägt somit maßgeblich dazu bei, was Türken in Deutschland bei Predigten hören.

Das birgt vor allem für Frauen Gefahren: Oft sind es minderjährige Mädchen, die in islamischen Ländern zwangsverheiratet werden. Die Ehe wird von den Eltern beschlossen, sie selbst haben kein Mitspracherecht.

Die Türkei ist eigentlich ein säkularer Staat, das heißt, Religion und Politik werden getrennt – islamische Gelehrte dürfen auf die Gesetzgebung keinen Einfluss nehmen.

Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich die Türkei jedoch verändert, der Staat entwickelt sich langsam zu einem islamisch geprägten Land. Vor einigen Jahren machte Erdogan sich beispielsweise für eine Kopftuchpflicht stark. Die Kopfbedeckung für Frauen ist nun seit einigen Jahren wieder in Behörden und Universitäten erlaubt – es war dort lange Zeit verboten.

Erdogan will damit vor allem konservativen Wählern gefallen und so seine Macht sichern – auch die erleichterte Ehe für Minderjährige wird von ihm gefördert.

Zur Info

In Deutschland ist heiraten erst von 18 Jahren an erlaubt. Kinderehen sind verboten. Ehen von Minderjährigen, die nach ausländischem Recht verheiratet wurden, werden automatisch unwirksam. Bei 16- bis 18-jährigen Verheirateten kann noch mal ein Gericht entscheiden. (Bundesregierung)

Die umstrittene Empfehlung der Religionsbehörde sorgt für Verwirrung.

Nachdem sich erste türkische Medien über den Vorschlag aufregten – die türkische Zeitung "Sözcü" nannte ihn eine "Schande – veröffentlichte Diyanet eine Pressemitteilung und behauptete, gar keine Altersgrenzen empfohlen zu haben. Gleichzeitig war der Eintrag jedoch weiter auf der Homepage zu finden – mit Altersangaben. (Hier ist eine archivierte Ansicht der Seite)

Diyanets Sprecher Ali Ekber Ertürk verteidigte den umstrittenen Vorschlag. Die Ehe sei nötig, um den "Fortbestand der Menschheit" zu sichern und Unzucht zu verhindern. (Cumhurriyet auf Türkisch/Ahval News auf Englisch)

Erst am Donnerstag ruderte Diyanet zurück und löschte den Eintrag. In einer neuen Erklärung bestätigte die Behörde das bisherige gesetzliche Heiratsalter: 17 Jahre. (Diken, auf Türkisch)

Was ist von dem Hin und Her zu halten?

Diyanet kommuniziere hier bewusst mit "einer strategischen Mehrdeutigkeit", sagt der Türkei-Experte Aykan Erdemir zu bento. Erdemir saß im türkischen Parlament, jetzt beobachtet er für die Stiftung "Defend Democracy" die politische Lage in der Türkei.

"Diyanets Offizielle sind sich bewusst, dass vor allem in konservativen Kreisen das Gesetz gerne mal ignoriert wird – und Imame daher auch Minderjährige verheiraten", sagt Erdemir. Also würde sich die Behörde hüten, diese Praxis mit klaren Worten zu verbieten.

Außerdem sei die Regierungspartei AKP eng mit Diyanet verwoben:

Die AKP schaut nach Schlupflöchern in der Gesetzgebung, um de facto Kinderehen zu ermöglichen.
Aykan Erdemir

Da in der Türkei sowohl ziviles als auch islamisches Recht gilt, fürchten Kritiker nun, dass die Diyanet-Änderung das islamische nun aufwertet. "Viele AKP-Anhänger halten es für unakzeptabel, dass das Zivilrecht über dem religiösen sehen soll", sagt Erdemir.

  • Bereits 2015 sei in mehr als fünf Prozent aller in der Türkei geschlossenen Ehen mindestens ein Partner 16 oder 17 Jahre alt gewesen, sagt Erdemir. In absoluten Zahlen: bei 31.000 von insgesamt knapp 603.000 geschlossenen Ehen.

"Das heißt, mehr als 30.000 Minderjährige wurden 2015 in der Türkei verheiratet", sagt Erdemir. "Höchstwahrscheinlich konnten viele nicht frei über diese Ehe entscheiden." Da oft die Eltern über das Schicksal der Kinder bestimmen, sieht der Experte mit der neuen Lockerung weitere Probleme:

Die Versuche der AKP, die Ehe für Minderjährige zu erleichtern, wird Zwangsehen ermöglichen und damit auch zu Vergewaltigung und Missbrauch Minderjähriger beitragen.
Aykan Erdemir

Das Gesetz zur "Mufti-Ehe" sei der erste Schritt gewesen, sagt auch die Gender-Forscherin Nazan Moroğlu. Es sei eine klare Beschneidung der Frauenrechte. (Guardian)

Der Präsident und AKP-Vorsitzende Erdogan hatte damals für Kritiker nur eine Antwort: "Ob ihr es wollt oder nicht, das Gesetz wird kommen."

So hatte Erdogan die Einführung der islamischen Ehen im November verteidigt. Die Regierung argumentierte damals, die neue Regelung diene dem Schutz der Frauen und Kinder, weil die Muftis an die Bestimmungen des Zivilrechts gebunden seien und gar keine Kinderehen absegnen dürften.

Wenn nun die Religionsbehörde Diyanet jedoch Heiraten für Kinder empfiehlt, passiert genau das, wovor die Kritiker warnten – und das Gesetz wird weiter aufgeweicht.


Gerechtigkeit

Das sind die sechs absurdesten Passagen aus dem Trump-Enthüllungsbuch

04.01.2018, 15:13 · Aktualisiert: 04.01.2018, 17:32

Einst waren US-Präsident Donald Trump und der Breitbart-Journalist Stephen Bannon beste Kumpel. Bannon organisierte Trumps Wahlkampf und zog als dessen Chefstratege mit im Weißen Haus ein. 

Mittlerweile ist von der Männerfreundschaft nicht mehr viel übrig. Bannon hat bereits im Sommer das Weiße Haus verlassen, mittlerweile wütet Trump, dass er wohl seinen Verstand verloren habe. (bento)

Der Grund: Bannon soll in einem neuen Enthüllungsbuch über Trump herziehen. Und schmutzige Wäsche über dessen Präsidentschaft waschen.