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Gerechtigkeit

Was ich beim Chat mit meinem Troll gelernt habe

18.03.2016, 09:40 · Aktualisiert: 20.09.2016, 09:53

"Die Höchststrafe ist wohl ein Beitrag ganz ohne Kommentare"

Als Redakteurin stehe ich mit meinem Namen und Gesicht im Internet. Wenn ich Artikel schreibe, die eine politische Tragweite haben, weiß ich, dass sie kommen werden: die Hasskommentare. Sie wirken wie Treibsand und führen den faktenbasierten Dialog ad absurdum. Es dauert nur wenige Minuten, bis sich jemand über Gender-Wahnsinn aufregt. Die Frauenquote. Oder Gutmenschen-Propaganda. Bis mir Ratschläge erteilt, Dummheit und Unwissen unterstellt werden.

Mit meiner Meinung mache ich mich angreifbar. So geht es wahrlich nicht nur mir, sondern vielen Journalistinnen und auch Journalisten. Hass scheint ein Teil des Deals zu sein. Etwas, das man eben aushalten müsse. Ich bekomme Öffentlichkeit und nutze im Gegenzug meine Stimme, um über Themen zu berichten, die trotz gesellschaftlicher Relevanz wenig Beachtung erfahren. Ob es Spaß macht, seine Arbeit jeden Tag aufs Neue gegenüber Fremden zu rechtfertigen? Nein. Ob es wichtig ist, weiterzumachen? Vermutlich.

“Don’t read the comments” lautet eine Regel der Netzcommunity. Löschen und blockieren - so läuft das verzweifelte Standardverfahren im Kampf gegen Trollbeiträge. Ist Ignoranz der richtige Weg? Die Diskussionskultur im Netz wird kaum verbessert, indem Störfaktoren für kurze Zeit beseitigt werden, nur um wenig später unter einer anderen IP-Adresse erneut aufzutauchen.

Ich möchte mit einem täglich wiederkehrenden Bento-Troll sprechen. Christian ist mir aufgefallen, manchmal hat er was gegen Frauen. Wer steckt dahinter? Was geht in jemandem vor, der ellenlange Kommentare in Foren hinterlässt? Die meisten Nutzer haben aufgegeben mitzulesen. Der Bereich unter den Artikeln ist leider oft verseucht.

Ich möchte herausfinden, ob Christian so hart ist wie er tut. Nachfragen, was ihn dazu veranlasst, Autorinnen und Autoren im Internet zu maßregeln.

Was ist ein Troll?

Trolle versuchen, mit naiven oder dummen Fragen User zur Weißglut zu bringen. Aufregung finden Trolle lustig - ihr Verhalten ist vergleichbar mit Scherzanrufen. Trolle haben einen pubertären Humor und attackieren Internetnutzer ohne erkennbaren Grund, um mit plumpen Beleidigungen beim Gegenüber Hass auszulösen.

Die britische Forscherin Claire Hardaker hat verschiedene Troll-Strategien ausfindig gemacht. So schweifen Trolle gerne ab, um die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken, die wahrscheinlich ergebnislos bleibt und für die Teilnehmenden frustrierend ist. Sie reagieren auf einen Beitrag mit unverhältnismäßiger oder pedantischer Kritik. Zum Beispiel werden die Tippfehler der anderen hervorgehoben, was andere Nutzer motiviert, die kritisierte Person zu verteidigen. Die ganze Diskussion dreht sich letzten Endes dann um die Frage, ob ein falsch geschriebenes Wort Zeichen eines fehlenden Intellekts ist - die Diskussion wurde gekapert.

Sie schockieren mit Worten, Bildern oder Videos, mit denen Tabus gebrochen und damit die Moralvorstellungen der anderen verletzt werden. Generell gilt: Die Bandbreite des Trollens ist groß. Sie reicht von relativ harmlosen, skurillen Sprüchen bis hin zu verletzendem Mobbing.

Wir verabreden uns zum Chat.


Bianca: Hey Christian! Du bist da.

Christian: Hi Bianca.

Bianca: Ich wollte immer schon mal mit einem Menschen schreiben, der unter meine Artikel Sachen postet, die mir nicht unbedingt in den Kram passen.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Christian: hihi, das kann ich gut verstehen, so ist die Kommunikation ja doch manchmal etwas einseitig.

Bianca: Hast du “Lieblingsautoren”, bei denen du immer kommentierst?

Christian: Nö, eigentlich nicht. Es gibt Seiten, die ich lese, aber keine speziellen Redakteure. Da bin ich neutral.

Bianca: Liest du jeden Artikel, den du kommentierst?

Christian: In der Regel ja, zumindest jeden Absatzanfang. Ihr hattet kürzlich aber einen Artikel über eine Band, ewig lang, mit der Essenz, dass die Autorin sich beklagte, dass die Band jetzt Erfolg hat. Den hab ich nicht geschafft.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Bianca: Bist du ein Troll?

Christian: Manchmal. Vielleicht ein höflicher Troll. Nein mal im Ernst… Es gibt Artikel, die laden zum Trollen ein. Dann wird zurückgetrollt, weitergetrollt, es schaukelt sich hoch. Und dann gibt es wieder wirklich gute Artikel, die ich gerne lese, und die zu einer ernsthaften Diskussion einladen.

Bianca: Ist es geil, Autorinnen auf ihre Fehler aufmerksam zu machen?

Christian: Geil im Sinne von "fühlt sich gut an" oder meinst du da auch die sexuelle Komponente, weil du explizit Autorin schreibst?

Bianca: Hm, wenn du es schon erwähnst. Kritisierst du lieber Frauen?

Christian: Nein, ich ziehe genauso gerne über Max (Anm. d. Redaktion: Unser Sex-Kolumnist) her, wenn das Thema es hergibt. und das tut es bei ihm deutlich häufiger als bei dir.

Deine Wahrnehmung könnte daher kommen, dass Du häufig über Themen schreibst, die Deinen Kern als Frau berühren. Deshalb hast du den Eindruck, es könnte an dem Geschlecht liegen.

Bianca: Gerade Kommentare, die persönlich sehr untergriffig und beleidigend sind, führen dazu, dass Frauen darüber nachdenken, ob sie noch mal über ein Thema schreiben möchten. Zum Beispiel über Abtreibung, Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt.

Christian: Du postulierst, dass Frauen irgendwie anders betroffen wären von Kommentaren als Männer, dass es etwas anderes mit ihnen macht, und sie deshalb eine Art Sonderbehandlung verdienen. Läuft das nicht der feministischen Grundidee zuwider, dass Frauen und Männer gleich sind? Ich streite die Prämisse ab.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Ich habe schon einige Artikel gelesen von Männern, beispielsweise von einem Vater, dem nach der Scheidung durch die Mutter die Kinder vorenthalten wurden. Der Stil der Kommentare war ziemlich mäßig, übrigens insbesondere von Frauen, und ich vermute mal, es ging ihm auch nicht am Allerwertesten vorbei. Deshalb ersetze ich in der Frage das Wort “Frauen” durch “Menschen”.

Bianca: Ist das Ziel von Kommentaren, Menschen mundtot zu machen?

Christian: Wer einen Artikel schreibt, tritt in Kommunikation. Ich halte die Meinungs- und Redefreiheit für ein hohes Gut. Wer das nutzt, darf aber nicht als gegeben nehmen, dass ihm alle zustimmen, nur weil es seine Meinung ist.

Der Zweck der Kommentare ist nicht, Menschen mundtot zu machen. Aber wenn ich bei einem meinungsstarken Artikel nach meiner Meinung gefragt werde, dann sage ich sie auch. Sie muss nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Ich halte die Meinungs- und Redefreiheit für ein hohes Gut.

Bianca: Was willst du denn? Dass man dir antwortet?

Christian: Was ich will ist doch nicht so wichtig. So wichtig nehm ich mich nicht. Aber wenn ich mir was wünschen darf: Ich finde meinungsstarke Artikel gut, aber eben keine belehrenden. Belehrung erzeugt Widerspruch, und der manifestiert sich halt im Forum.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Bianca: Die Regeln der Communitys werden – wenig überraschend – nicht immer eingehalten. Wie soll denn kommentiert werden, wenn es nach dir geht?

Christian: Regeln sind notwendig. Ebenso sind Leute notwendig, die die Einhaltung der Regeln prüfen, Moderatoren. Diese brauchen Regeln, auf die sie verweisen können, wenn sie jemanden vor die Türe setzen, denn sonst artet es schnell in Willkür aus. Und es sind genauso Leute nötig, die die Regeln immer wieder übertreten. Eine rein regelkonforme Kommunikation ist vorhersehbar und langweilig.

Eine rein regelkonforme Kommunikation ist vorhersehbar und langweilig.

Dynamik gewinnt Kommunikation erst, wenn Regeln fortwährend neu ausgelotet werden, Regeln immer wieder gerechtfertigt werden müssen.

Bianca: Mit dir zu chatten ist jedenfalls sehr viel netter als mir deine Kommentare durchzulesen

Christian: Na das hoffe ich doch, ich bin doch eigentlich ein ganz Lieber.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Bianca: Ist ein Beitrag tatsächlich nur so gut, wie die Kommentare darunter?

Christian: Das wäre zu einfach. Die Höchststrafe ist wohl ein Beitrag ganz ohne Kommentare. Es gibt Themen, die sind schwierig, neutral zu diskutieren. Selbst ein guter Beitrag wird zerrissen, weil das Thema einfach vergiftet ist. Aus solchen Themen halte ich mich aber auch weitgehend raus, obwohl die Artikel okay sind.

Flüchtlinge wäre so ein Thema. AfD wird auch gerne genommen.

Bianca: Kennst du deine Mittrollenden?

Christian: Nein, real kenne ich niemanden.

Bianca: Die Diskussionskultur in Foren ist in den meisten Fällen wirklich grauenhaft. Es wird geschrien, gepöbelt, fertiggemacht.

Christian: Gepöbelt wird, geschrien vielleicht, aber fertiggemacht? Nein, das sehe ich nicht, zumindest nicht von mir. Ein Post auf erster Ebene ist ja direkt an den Autor gerichtet oder an das Plenum. Hier kann ich den Artikel loben, hinterfragen, die schlechte Qualität beklagen oder die in meinen Augen falsche Sichtweise des Autors.

Hört nicht auf den Hate, hört nicht auf zu schreiben

Bianca: Und warum sollte sich das der Leser antun?

Christian: Frag mich nicht, ich kann nur für mich reden. Mir macht die Diskussion Spaß. Ich gebe zu, der Reiz ist temporär, denn die Diskussionen wiederholen sich zu oft.

Bianca: Warum sollte man als Autor in die Kommentare schauen, wenn man ohnehin schon weiß, was einen erwartet?

Christian: Weil es Euer Job ist. Sorry das so hart zu sagen, take it or leave it. Die direkte Kommunikation mit dem Leser ist ein Merkmal von Online-Magazinen. Wer als Autor nicht in den Kontakt mit seinen Lesern treten möchte, wäre vielleicht bei Print besser aufgehoben. Oder er soll Tagebuch schreiben.

(Bild: Auszug aus Christians Bento-Kommentaren )

Bianca: Kommentierst du während der Arbeitszeit?

Christian: Manchmal. Ich habe den Luxus, mir meine Arbeit sehr frei einteilen zu können.

Bianca: Manchmal hat man das Gefühl, die Abneigung gegenüber Journalistinnen und Journalisten kommt daher, dass man selbst gerne einer wäre.

Christian: Nee, bitte nicht. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich schreibe selber gelegentlich Artikel. Dabei habe ich es noch vergleichsweise leicht, weil es Fachartikel sind.


Ich beende das Gespräch und bleibe: zwiegespalten.

Der Christian, mit dem ich gechattet habe, wirkt nachsichtiger als jener, den ich aus den Kommentaren kenne. Gerade weil er für Troll-Verhältnisse relativ bedacht ist, lässt er mich als Autorin über seine Beweggründe nachdenken. Während Journalisten für Artikel ausführlich recherchieren, Interviews führen und Persönliches preisgeben, liest er oft nur einzelne Passagen an – bevor er an­o­ny­mi­sie­rt zum Machtwort ansetzt. Wer sich im Internet äußert, sollte im Hinterkopf behalten, dass das später ein anderer Mensch liest. Konstruktive Kritik hat für mich nichts mit Polemik zu tun.

Immerhin: Durch unseren Chat konnten wir uns besser kennenlernen. Christian weiß ganz genau, dass es einen Unterschied macht, ob man sachlich bleibt oder persönlich angreift. Ich wiederum verstehe seine inhaltliche Kritik an journalistischen Formaten, die nun mal nicht genau dem entsprechen, was er erwartet. Seine Vorgehensweise kann ich weiterhin genauso falsch finden, wie er manche meiner Argumente. Über Feminismus haben wir nicht weiter gesprochen – das wäre an dieser Stelle zu kurz gekommen. Eine neue Studie des Guardians, in der 70 Millionen Onlinekommentare auf der Seite seit 2006 untersucht wurden, hat inzwischen bewiesen, dass acht von zehn Autoren, die online diskreditiert werden, Frauen sind.

Es gibt unzählige Hater da draußen, die weniger kooperativ sind und schlimmere Dinge schreiben als Christian. Die Kolleginnen und Kollegen Gewalt androhen. Stalken und diffamieren. Wenn die Angst überhand nimmt, wird ein geregeltes Arbeitsleben unmöglich.

Es ist sicherlich niemandes Job, sich beleidigen zu lassen.
Das Internet ist real.

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