Gerechtigkeit

Sieben Transmenschen erzählen, wie es sich anfühlt, im falschen Körper aufzuwachsen

26.01.2017, 15:28 · Aktualisiert: 01.02.2017, 16:43

"Wir verdienen den gleichen Respekt wie alle anderen."

Kaum jemand kann sich das Gefühl vorstellen, in einem Männerkörper zu stecken und sich als Frau zu fühlen. Nur wenige können nachvollziehen, wie es ist, als unnormal zu gelten. Annie Tritt will uns helfen, diese Gefühle zu verstehen.

Die New Yorker Fotografin hat für ihr Projekt "Transcending Self" junge Transmenschen auf der ganzen Welt fotografiert und befragt.

Die Interviews sind intim – und zeigen die Jugendlichen in ihrer ganzen Einzigartigkeit.

Wer die Berichte liest, taucht ein in eine Welt, in der Geschlechtergrenzen verschwimmen und das körperliche Geschlecht nicht der eigenen Identität entspricht. "Ich will, dass Transgender nicht nur hin-, sondern auch angenommen werden", sagt Annie Tritt. Sie tritt dafür ein, dass alle Menschen so leben können, wie sie möchten, auch Transgender. Und so stellen ihre Porträts eine unausgesprochene Frage: Was wäre eigentlich, wenn es kein großes Ding mehr wäre, Transgender zu sein? Was, wenn es ganz normal wäre? Urteilt selbst.

Zak, 13, Transjunge

"Mit fünf wusste ich, dass ich kein Mädchen bin. Aber was ich war, wusste ich auch nicht. Das Verhalten der Mädchen verwirrte mich. Ich hasste die Art, wie sie sich gegenseitig kopierten.

In Mädchenkleidung fühlte ich mich gefangen. Alles war eng und unpassend. Jungenkleidung sah einfach besser aus und fühlte sich auch besser an.

Was bedeutet Transgender?

Die Begriffe Transsexualität, Transgender oder Transidentität werden meist synonym verwendet und beschreiben den Zustand, wenn die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem biologischen Geburtsgeschlecht übereinstimmt. Hierbei definiert sich die Geschlechterrolle jedoch nicht durch nur die Sexualität, sondern durch die ganze Persönlichkeit des Menschen. Transidente wollen in erster Linie sozial als Angehörige des anderen Geschlechts akzeptiert werden.

Meine Tante outete sich als Transgender, als ich 12 war. Da ist mir ein Licht aufgegangen. Ich war erleichtert, dass ich nicht einfach nur ein Spinner bin und es einen Grund für mein Gefühl gab. Zuvor hatte ich noch geglaubt, schwul zu sein.

Aber es ergibt Sinn: Ich bin ein heterosexueller Junge in dem Körper eines Mädchens.

Seitdem ich als Junge lebe, bin ich glücklich. Es fühlt sich einfach richtig an – ich fake nichts. Als Mädchen hatte ich immer lange Haare. Ich schnitt sie ab – und es war das beste Gefühl der Welt. Ich dachte, ich könnte sofort Hormone bekommen und operiert werden. Mittlerweile weiß ich, dass das alles sehr lange dauert und ich noch keine Hormone nehmen darf.

Ich weiß sehr genau, dass ich männlich bin. Trotzdem werde ich wie ein kleines Kind behandelt. Es ist unfair, dass Transgender im falschen Körper leben müssen. Ich finde, es verstößt gegen die Menschenrechte.

Mein Körper sieht nicht wirklich männlich aus. Ich mache mir Sorgen darüber, was andere Menschen bei meinem Anblick denken. Wenn sie mich als Mädchen wahrnehmen, ist es unerträglich. Deshalb verdecke ich meinen Körper, so gut es geht. Selbst im Badezimmer trage ich Shorts und T-Shirt. Wenn ich aus dem Haus gehe, verberge ich meine Brüste mit Hilfe einer Binde. Mein Körper ist deformiert, er macht mich traurig."

Kyla, 18, nicht-binär

Kyla wurde im Körper eine Frau geboren, kommt aus den USA, und lebte während eines Austauschjahres in Deutschland.

Kyla wurde im Körper eine Frau geboren, kommt aus den USA, und lebte während eines Austauschjahres in Deutschland. (Bild: Annie Tritt)

"Meine Gender-Identität ist nicht-binär. Für mich heißt das, dass ich mich weder als Mann noch als Frau fühle. Ich fühle mich in dem Raum zwischen den beiden binären Geschlechtern am wohlsten, dort kann ich meine eigenen Vorstellungen von meinem sozialen Geschlecht umsetzen. Das bedeutet auch, dass ich mich eher maskulin als feminin fühle. Viele verstehen das nicht.

Nicht-binär zu sein, bedeutet auch, dass ich von der Gesellschaft niemals wirklich akzeptiert werde. Wenn mich jemand fragt, ob ich Junge oder Mädchen bin, muss ich überlegen, welche Antwort für mich sicherer ist.

Wenn mich ein alter Mann am Bahnhof fragt, sage ich "Junge". Wenn ich auf die Frauentoilette gehe, sage ich "Frau".

Ich lebe mit dem Wissen, dass ich wahrscheinlich für den Rest meines Leben für meine Rechte kämpfen muss.

Ich stehe außerhalb der Gender-Norm und glaube, dass die klassischen Rollenbilder von Frauen und Männern ein Teufelskreis sind. Wir laufen durch die Welt und haben all diese Vorurteile: Frauen sind ruhig, sauber, hübsch und sanftmütig; Männer sind laut, Chaoten und selbstbewusst. Und diese Vorstellungen geben wir unseren Kindern mit auf den Weg, dabei sind sie oft gar nicht wahr. Wir wollen diese strikten Geschlechteridentitäten nur nicht anzweifeln, weil wir Angst haben, etwas zu verändern.

Chloe, 20, Transfrau

Chloe kommt aus der irischen Grafschaft Cork.

Chloe kommt aus der irischen Grafschaft Cork. (Bild: Annie Tritt)

"Ich war sechs oder sieben, als ich das erste Mal verstanden habe, dass mein Gender wichtig ist. Ich erinnere noch, wie meine Mutter, meine Schwester und ich in einen Laden gingen und uns die Barbies anschauten. Wir versuchten so zu tun, als ob die Barbies nicht für mich wären – schließlich waren die ja "etwas für Mädchen", wie sollte ich das meinen Klassenkameraden erklären?

Erst mit 19 habe ich dann wirklich verstanden, dass ich etwas ändern musste, um glücklich zu sein. Nach meinem Coming-out war ich total verstimmt; ich hatte Probleme, das Haus zu verlassen und in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Es gab Momente, in denen ich dachte, ich tue das Richtige. Und im nächsten Augenblick glaubte ich, verrückt zu werden.

Meine Familie zu verlieren, die Depressionen, die Angst, die Beschimpfungen, ignorante Kollegen – das alles waren sehr große Herausforderungen.

Meine Mutter hilft mir sehr, sie hat mit mir die guten und die schlechten Zeiten durchgestanden. Auch meine anderen Verwandten versuchen, damit klarzukommen, das ist alles, was ich verlange. Wir verdienen denselben Respekt wie alle anderen. Ich werde mich nicht von Geschlechterrollen kontrollieren lassen. Eines Tages kann ich hoffentlich eine eigene Familie haben und eine Mutter sein, die ihre Kinder bedingungslos liebt. So wie meine Mutter."

Models, Mode und Dokus – das sind unsere Texte zu Transsexualität

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Nathan, 19, Transmann

(Bild: Annie Tritt)

"Mit 16 Jahren erklärte ich meinen Online-Freunden, dass ich ein Junge aus Irland bin und kein Mädchen aus Irland. Als ich die Worte tippte, wusste ich, dass es kein Zurück mehr gab. Zuvor hatte ich geglaubt, irgendwann einfach zu sterben, ohne ein echtes Leben gehabt zu haben.

Nun fühlte ich zum ersten Mal im Leben, als hätte ich eine Zukunft.

Am 20. Dezember 2013 schnitt ich mir die Haare ab. Fortan trug ich zwei Sport-BHs. Männerklamotten trug ich schon vorher. Die Haare und die BHs waren der letzte Schritt vor der Testosterontherapie.

Ich erzählte es meiner Mutter und war mit den Nerven am Ende. Ich weinte für Stunden und brachte es doch kaum über die Lippen. Es fühlte sich an, als ob ich meine Familie ins Chaos stürzte. Ein Chaos, das sie nicht verdienten.

Als Junge zu leben, fühlt sich fantastisch an. Ich habe nun so viele Möglichkeiten. Plötzlich fand ich sehr schnell viele neue Freunde. Mein wahres Ich ist viel freundlicher und offener als die Person, die ich vor meinem Coming-out war. Zuvor war ich nur online so, jetzt kann ich auch im echten Leben so sein.

Ich bin kurvig und habe einen großen Arsch. Ich ringe mit meinem Körper – trotz meiner Koteletten, meiner tiefen Stimme, der flachen Brust, der Haare auf meinem Körper und dem "männlich" auf allen offiziellen Dokumenten. Ich werde meinen Körper entweder ändern müssen, oder meinen Frieden mit ihm schließen. Oder beides.

Ich bin mehr als nur trans. Ich bin auch asexuell, autistisch, ein Schauspieler, Sänger, Theaterautor, Geschichtenerzähler, Geek und Künstler.

Ich liebe Star Trek, Harry Potter, Pokémon, habe ein Notizbuch mit mehr als 60 fertigen Zeichnungen und schon ein Theaterstück geschrieben.

Wenn eine Cis-Frau verstehen möchte, was es heißt, transgender zu sein, sollte sie sich fragen: "Was wäre, wenn ich so sehr wie ein Mann aussehe, dass ich, eine Frau, vorgeben muss, ein Mann zu sein?" Aber vielleicht müssen Cis-Menschen es auch nicht verstehen. Vielleicht müssen sie uns nur sein lassen, wer wir sind."

Hayley, 14, Transmädchen

Hayley wohnt in Liverpool.

Hayley wohnt in Liverpool. (Bild: Annie Tritt)

"Ich will nicht lügen, es ist hart. Niemand sucht sich freiwillig aus, transgender zu sein. Wir wurden nicht so geboren, wie wir sein wollen. Und dann müssen wir auch noch damit zurecht kommen, dass andere Leute irgendwelche Probleme mit uns haben.

Aber das macht uns so stark, irgendwann stehen wir da drüber.

Ich möchte einen Job haben, ein schönes Haus, ein Auto und einen tollen Partner. Meine zwei Kinder sollen zu großartigen Personen heranwachsen, die niemanden aufgrund von Stereotypen verurteilen, wie es leider diese Generation zu tun scheint."

Finley, 19, Transmann

Finley kommt aus Köln.

Finley kommt aus Köln. (Bild: Annie Tritt)

"Ein paar Tage vor meinem 18. Geburtstag erzählte ich meiner Mutter, dass ich ein Junge sein wollte. Ich weiß auch nicht, wie das kam. Ich wusste es einfach. Sie war echt geschockt, aber jetzt ist sie cool damit – genau wie der Rest meiner Familie."

Jetzt bin ich frei und kann zum ersten Mal ich selbst sein.

Zum Durchklicken: Warum Transmenschen ein erhöhtes Suizidrisiko haben

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Sky Noah, 15, Transjunge

Sky Noah lebt im Westen Deutschlands.

Sky Noah lebt im Westen Deutschlands. (Bild: Annie Tritt)

"Bis 14 trug ich Make-up, kurze Röcke und sogar Push-up-BHs. Aber dann fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl in meinem Körper und irgendwann fragte ich mich, ob es mehr ist als nur eine Phase. Ich fing an, Brustbinder zu tragen, zunächst benutzte ich ganz normale Mullbinden und meine Lunge fing an zu schmerzen.

Dann riet mir ein Freund, die Netflix-Serie "Orange is the new black" zu schauen. Ich konnte mich total mit der Situation der Figur Laverne Cox identifizieren, das ist eine Transgender-Frau in der Serie.

Endlich hatte ich begriffen, wer ich war.

In meiner Gaming-Community habe ich mich zuerst geoutet. Die Leute fingen an, Fragen zu stellen, und ich musste ihnen alles erklären. Ich war ziemlich glücklich. Letztendlich habe ich ein LGBTQ+ Counter-Strike-Team gegründet.

Irgendwann änderte ich meinen Namen auf Instagram und schrieb "FtM" in die Bio (das steht für Female to Male, d. Red). Einige meiner Klassenkameraden sahen das, also schrieb ich eine Mail an alle, in der ich alles erklärte. Sechs Stunden später rief mein Lehrer an und ich sagte zu meiner Mutter: "Äh, Mama, da ist mein Lehrer am Telefon – und übrigens, ich habe mich heute als Transgender geoutet!" Sie war ziemlich angepisst.

Im März habe ich endgültig aufgegeben, mich extra männlich zu verhalten.

Ich bin männlich genug, auch wenn ich eine hohe Stimme und eine Vagina habe.

Wenn Leute fragen, sage ich immer, ich sei 85 Prozent männlich, 10 Prozent agender und 5 Prozent Keks. (Das mit dem Keks ist'n Witz.)"


Annie Tritt hat mittlerweile 25 Jugendliche in fünf Ländern fotografiert.

  • Um noch mehr Menschen porträtieren zu können, hat sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.
  • Hier kannst du noch mehr Fotos aus der Reihe "Transcending Self" sehen.

Haha

Wie schlägst du dich im Buchstabier-Quiz?

26.01.2017, 15:25 · Aktualisiert: 27.01.2017, 08:52

Hättest du es besser gemacht?

"Voll die Legastheniker-Gruppe", stöhnt Hanka, während die Schlangen um ihren Kopf wuseln. An Tag 13 im Dschungel haben sich die Camper ganz besonders doof angestellt.

Sie durften die vor wenigen Tagen von Honey abgebrochene Dschungelprüfung wiederholen. Mit dem Kopf in Terrarien voller Schlangen und Kleingetier mussten Hanka, Thomas, Kader, Florian, Marc und Jens Wörter buchstabieren. Und die Tiere waren dabei nicht die größte Herausforderung.