Bild: Reuters/Dado Ruvic

Gerechtigkeit

Wie eine Toilette Flüchtlingen helfen soll

08.02.2016, 13:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Wir haben mit einem Unternehmer gesprochen, der eine mobile Multikulti-Toilette auf den Markt bringt.

Wo können sie wohnen? Wie schnell finden sie Arbeit? Wann und wie können sie sich integrieren? Und was bedeutet das überhaupt: Integration? Viele Fragen sind in der Flüchtlingsdebatte schon öffentlich gestellt und diskutiert worden. Aber eine bisher kaum.

Zugegeben, es gibt drängendere Fragen, trotzdem sind viele Flüchtlinge täglich mit ihr konfrontiert: Wie benutze ich eine deutsche Toilette?

Wir haben mit Peter Fliegenschmidt, Geschäftsführer von Global Fliegenschmidt, gesprochen. Er hat eine mobile Toilette entworfen, mit der viele Menschen, die derzeit nach Deutschland flüchten, besser klarkommen dürften.

Gehen viele Flüchtlinge anders auf die Toilette als Deutsche?

Fliegenschmidt: In arabischen Ländern sowie in Afrika und in Teilen Asiens ist es üblich, dass die Toilette nicht im Sitzen benutzt wird, sondern im Hocken. Wohlhabendere Menschen kennen die westliche Toilette aus Hotels oder haben sie selbst zu Hause. Aber der Großteil der Bevölkerung geht in die Hocke.

Viele nutzen kein Toilettenpapier.

Ja, wir sind es hierzulande gewohnt, dass wir uns mit Papier den Hintern säubern. Aber in weiten Teilen der Welt macht man das mit Wasser.


Viele Deutsche kennen wahrscheinlich den Moment der Unsicherheit oder des Erstaunens bei der ersten Reise in Arabien, Afrika oder Asien: Loch im Boden, kein Klopapier, und was soll bitte schön dieser Schlauch!? Dabei sind Hocktoiletten weltweit viel weiter verbreitet als ihr westliches Pendant (wobei auch immer mehr öffentliche Einrichtungen im arabischen Raum mindestens eine Sitztoilette haben).

Von Ghana über Indien bis nach Japan verrichtet ein Großteil der Weltbevölkerung sein Geschäft im Hocken und nicht im Sitzen. Die im 18. Jahrhundert am englischen Königshaus eingeführte Sitztoilette ist vielen Menschen auf der Welt fremd, genauso wie die ebenfalls vor allem auf die westliche Welt beschränkte Angewohnheit, sich den Hintern mit Papier statt mit Wasser zu säubern.


(Bild: dpa/Peter Steffen)

Ihre Multikulti-Toilette kann man also sowohl im Hocken als auch im Sitzen benutzen?

Fliegenschmidt: Ja, genau. Vorher hatten wir auch Toiletten im Angebot, die man nur im Hocken benutzen kann. Das Problem ist dabei aber, dass sie schwieriger zu reinigen sind. Wenn man auf einer Toilette sitzt, kann man ja nicht daneben machen. Wenn man aber hockt und das Loch weiter unten ist, ist es schwieriger zu treffen. Deshalb haben wir eine Kombination entwickelt: Die Toilette, die wir kommende Woche fertig gestellt haben werden, kann man auf beide Arten nutzen: Man kann sich darauf hocken oder darauf setzen.

Gibt es schon Anfragen von Flüchtlingsunterkünften für Ihre neue Toilette?

Unsere Zielgruppe sind vor allem Toilettenvermieter. 60 Prozent unserer Toiletten stehen auf Baustellen, 30 Prozent bei "Special Events" – zum Beispiel bei Rockkonzerten, Gartenpartys und Weihnachtsmärkten, auch beim Papstbesuch. Aber unsere mobilen Toiletten werden auch in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge aufgestellt. Dort wissen wirklich viele Menschen nicht, wie sie die Standard-Modelle nutzen sollen. Das heißt, viele von ihnen haben überall hin gemacht, nur nicht dorthin, wo es sein sollte.


Dieses Modell hat Fliegenschmidt inspiriert. Entworfen hat es die Industrie-Designerin Sabine Schober

Dieses Modell hat Fliegenschmidt inspiriert. Entworfen hat es die Industrie-Designerin Sabine Schober (Bild: TUHH / Triften Design / Sabine Schober)

Die Multikulti-Toilette sieht kaum anders aus als eine herkömmliche Baustellen-Toilette. Der Unterschied: links und rechts neben der Klobrille befinden sich zwei Fußtritte zum Hocken. Neben der Klopapierrolle hängt ein Wasserschlauch.

Die Anregung für die Toilette bekam das anhaltinische Unternehmen von der Hamburger Industrie-Designerin Sabine Schober. Für ihre "Toilette der Zukunft" bekam sie 2012 den "World Toilet Organization Design Award", den Preis verleiht die WTO in Zusammenarbeit mit Ralf Otterpohl, Professor an der Technischen Universität Hamburg. Auf dieser Toilette kann man nicht nur hocken und sitzen, sie verwandelt Urin und Kot unter Beigabe von Holzkohle auch zu Schwarzerde.

Viele Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge haben inzwischen auf das Toilettenproblem reagiert: Piktogramme erklären die richtige Benutzung.


Profitiert Ihr Unternehmen von den vielen Flüchtlingen?

Die Auswirkungen sind relativ gering. Wir reden von einer Umsatzsteigerung von maximal zehn Prozent. Mehr ist es bei uns nicht. Wir leben ja aber inzwischen in einer multikulturellen Gesellschaft. Viele Muslime haben sich mittlerweile an unsere deutschen Toiletten-Gewohnheiten angepasst. Ihr Anteil liegt in Deutschland zwar nur bei fünf Prozent, aber zum Beispiel im Baugewerbe ist der Prozentsatz deutlich höher. Da sehen wir unseren Markt der Zukunft: Beim Bauarbeiter, der die Toilette so benutzen kann, wie er es gewohnt ist – egal woher er kommt.

Wie gehen denn beispielsweise Bauarbeiter in Pakistan bisher auf Toilette?

Dort wird es kaum mobile Toiletten geben. Das Thema ist stark kulturell beeinflusst. Ich war vor einem Jahr in China und habe dort herumgefragt: Dort gibt es gerade mal eine Toiletten-Vermietfirma in Shanghai und eine in Peking. In der DDR gab es gar keine mobilen Toiletten. In Amerika ist es hingegen selbstverständlich, dass man mobile Toiletten in der Landwirtschaft benutzt. Auch in öffentlichen Parks stehen in Amerika überall mobile Toiletten. Unser Unternehmen liegt in der Nähe des Wörlitzer Parks, da stehen Bäume. Es dauert auch bei uns eine Zeit lang, bis sich Gewohnheiten ändern.

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