Gerechtigkeit

Tod eines Jungen: Das sagt die Sekte

20.10.2015, 11:22 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

In einer kleinen Hanauer Glaubensgemeinschaft ist vor Jahren ein vierjähriger Junge gestorben, jetzt ermittelt deswegen die Staatsanwaltschaft. Was steckt hinter den Vorwürfen?

Worum geht es?

Die Gemeinschaft hat sich in den Achtziger Jahren in Hessen von der Evangelisch-methodistischen Kirche gelöst und kann deswegen als Sekte bezeichnet werden. Heute gehören rund 20 Personen der Gemeinschaft an, sie leben größtenteils in Hanau. Viele Mitglieder arbeiten dort in einem Unternehmen, das einem der Gründer der Gemeinschaft gehört.

Der hat früher als protestantischer Pastor in einer Gemeinde gearbeitet. Seiner Frau, so der Glaube, erscheint Gott in ihren Träumen

1982 wollte die Evangelisch-methodistische Kirche den Pastor aus dem kirchlichen Dienst entlassen, doch schied er aus eigenem Wunsch aus und kam so einer Entlassung zuvor. (Pressemitteilung der Evangelisch-methodistischen Kirche

Vor rund einem Jahr berichtete die "Frankfurter Rundschau“ erstmals über die Vorwürfe gegen die Gemeinschaft. Ehemalige Mitglieder berichteten gegenüber der Zeitung unter anderem von "Gehirnwäsche und Gewalt“. (Frankfurter Rundschau)

Dieser Frau soll Gott in ihren Träumen erscheinen, außerdem, so der Glaube, kann sie die Träume anderer deuten

Dieser Frau soll Gott in ihren Träumen erscheinen, außerdem, so der Glaube, kann sie die Träume anderer deuten

Was sind die Vorwürfe?

Übereinstimmend berichten ehemalige Mitglieder, dass früher Kinder in der Gemeinschaft vernachlässigt und geschlagen wurden. Am 17. August 1988 ist in der Gemeinschaft ein damals vierjähriger Junge gestorben, er soll an seinem Erbrochenen erstickt sein. Die "Frankfurter Rundschau“ zitiert aus einer Akte der Staatsanwaltschaft: Demnach habe es keine Hinweise auf Fremdverschulden gegeben, deswegen seien die Todesermittlungen eingestellt worden.

Inzwischen, rund 27 Jahre später, hat die Staatsanwaltschaft Hanau diese Ermittlungen wieder aufgenommen. Aussteiger hätten angedeutet, "dass der Tod des Kindes auf Unregelmäßigkeiten beruhen könnte“, teilt der zuständige Staatsanwalt auf Nachfrage mit.

Diejenigen, die sich jetzt zu Wort melden, haben sich nicht freiwillig der Gemeinschaft angeschlossen - sie wurden hineingeboren. Neben Manuel, dem Sohn des Gründers, haben sich weitere ehemalige Mitglieder an die Presse gewendet.

(Bild: bento / Frauke Lüpke-Narberhaus)

Manuel hat bento von seiner Kindheit in der Gemeinschaft erzählt. Zum Tod des Jungen sagt er: 

"Aus heutiger Sicht würde ich sagen, der Junge hatte autistische Züge, er sprach kaum und hatte oft Wutanfälle. Wenn er nicht auf die Toilette wollte, musste er im Flur auf dem Töpfchen sitzen, bis etwas kam, wenn er nicht essen wollte, stopften sie ihm Brei in den Mund. Wenn er sich wehrte, schlug meine Mutter zu, wenn er schrie, drehte sie Musik laut.

Zum Schlafen steckten sie ihn oft in einen engen Leinensack, zogen die Kordel über dem Kopf zu und legten ihn ins Badezimmer auf den Boden, bewegen konnte er sich darin kaum. In diesem Sack musste er sich übergeben. Daran ist er erstickt.“

Im März hatten Beamte die Häuser der Eltern des Verstorbenen durchsucht sowie die des Gründers. Dabei stellten sie 30 Umzugskartons mit Unterlagen sicher, unter anderem angebliche Briefe von Gott. Der Junge sei ungezogen gewesen, stehe unter anderem in den Briefen, schreibt die "Frankfurter Rundschau“. Deswegen sei er als nicht gottesfürchtig betrachtet worden. "Außerdem habe sich das Bedauern nach seinem Tode in Grenzen gehalten.“ (Frankfurter Rundschau)

Der Gründer der Sekte sagt: "Zahlenmäßig sind wir eine kleine Runde, die bequem um eine familienübliche Kaffetafel herum Platz findet"

Der Gründer der Sekte sagt: "Zahlenmäßig sind wir eine kleine Runde, die bequem um eine familienübliche Kaffetafel herum Platz findet" (Bild: Manuel)

Was sagt die Gemeinschaft?

Der Gründer der Gemeinschaft wehrt sich in einem mehrseitigen Schreiben gegen die Vorwürfe, er spricht von einer "skrupellosen Hetzjagd“, von einer "Rufmordkampagne" und von "Hetzern", die nur ein Ziel verfolgen würden: sein Unternehmen nachhaltig zu schädigen.

Zum Tod des Jungen schreibt er, die Staatsanwaltschaft ermittle gegen "Unbekannt", er und seine Frau würden als Zeugen befragt, nicht als Beschuldigte. "Da die Staatsanwaltschaft also keine Vorwürfe gegen uns erhebt, können wir auch zu keinen solchen Vorwürfen Stellung nehmen." Richtig sei, dass er lange und ununterbrochen versucht habe, den Jungen wiederzubeleben. Zu dem Vorwurf, der Junge habe in einem Leinensack schlafen müssen, äußerte er sich nicht.

Er weist von sich, die Gemeinschaft sei eine "Sekte": Dieser Vorwurf sei "ungeheuerlich“. Er schreibt: "Wir haben keine Glaubenslehre, kein 'Medium' und keine Kultgegenstände, keine Symbole, keine Liturgien und keine Rituale.“ Und weiter: "Wir führen keinen Gemeinschaftsnamen und haben keinen Internetauftritt, wir missionieren nicht und werben nicht für uns, entfalten auch sonst keine Aktivitäten nach außen.“ Zahlenmäßig seien sie eine kleine Runde, "die bequem um eine familienübliche Kaffeetafel herum Platz findet“.

In den vergangenen Jahrzehnten hätten sich Menschen der Gemeinschaft angeschlossen, andere hätten die Gemeinschaft verlassen. "Keinen von ihnen haben wir aufgehalten oder auch nur den Versuch dazu unternommen“, schreibt er.

Wie geht es weiter?

Die Staatsanwaltschaft sagt, die bisherigen Ermittlungen hätten kein eindeutiges Bild ergeben. Deswegen will sie nun weitere Zeugen befragen: Die Eltern des verstorbenen Jungen sowie den Gründer der Gemeinschaft sowie seine Frau. Bis Ende November sollen die Ergebnisse der Ermittlungen vorliegen.

(Bild: Manuel)

Manuel wollte eigentlich nie öffentlich über seine Kindheit reden. Er will nicht, dass andere in ihm ein Opfer sehen könnten, jammernd und klagend. Jetzt spricht er doch, sein Ziel stets im vor Augen: Er will andere vor Sekten warnen, damit nicht noch jemand durchmachen muss, was er erlebt hat. Hier geht es zum Artikel.