Bild: dpa/Martin Schutt

Gerechtigkeit

6000 Nazis feierten ein Rock-Festival in einem 3000-Einwohner-Dorf. So wehrte es sich

16.07.2017, 13:26 · Aktualisiert: 19.07.2017, 08:45

A

Als es ihr zu bunt wird, stolpert die Rentnerin Barbara Morgenroth unversehens in die Rolle der Rebellin. Plötzlich bekommt sie einen Strafbefehl, weil sie ein Plakat an einem Laternenpfahl angebracht hat, obwohl es verboten war.

Plötzlich kriegt sie Ärger mit dem Bürgermeister, dem das alles zu viel wird.

An diesem Samstag im Juli schnappt sie sich ihren alten Bollerwagen aus Holz, pappt ein Schild daran und marschiert mit eiligen Schritten ins Zentrum des südthüringischen Städtchens Themar. Auf dem Schild steht: "Sag deine Meinung".

Sie hat ihre eigene über die Tausende Neonazis, die an diesem Tag zu einem Rechtsrock-Festival in den Ort mit seinen 2913 Einwohnern strömen. "Rock gegen Überfremdung" nennen sie ihre Veranstaltung, und Barbara Morgenroth findet das unerhört.

In Themar und überhaupt in Thüringen gibt es nur wenige Ausländer – und Morgenroth kann den Hass, der Migranten von den Rechtsextremen entgegenschlägt, nicht ausstehen.

Ihr Mann Arnd war bis zur Rente Pfarrer in Themar, noch heute wohnen die beiden Mittsiebziger gegenüber von der Kirche. Sie engagieren sich im Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit aus dem drei Kilometer entfernten Kloster Veßra. Mit dem Christentum seien Hass und Hetze unvereinbar, sagen sie. Darum machen sie sich am Morgen auf den Weg in den Ortskern.

Sie mit dem klapprigen Bollerwagen, er auf dem Fahrrad. Sie passieren bunte Schilder, die sie zusammen mit anderen Themeranern gemalt haben. Jedes einzelne ein liebesvolles Werk des Widerstands:

  • "Nazis mögen keine Katzen, denn Katzen kratzen ihre Glatzen."
  • "Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild gemalt."
  • "Fremdenhass, das ist bekannt, endet oft am Dönerstand."
Protestaktion in Themar

Protestaktion in Themar (Bild: dpa/Martin Schutt)

An Themar lässt sich ablesen, wie Neonazis sich einen Ort für ihre Konzerte und Versammlungen aussuchen – und wie die Bevölkerung sich klein, aber fein dagegen wehrt. Am Ende dieses Samstags feiern 6000 Rechtsextreme auf einer Wiese am Ortsrand von Themar, trinken, grölen, hören dröhnenden Hassrock aus den Lautsprechern. Und nein, es werden sich ihnen nicht mehrere Tausend Demonstranten entgegengestellt haben. Sitzblockaden wie in Dresden oder Jena?

Unterstützung aus anderen Städten, die busweise anreist, um zu protestieren?

Fehlanzeige. Ob eine Stadt sich erfolgreich gegen rechts wehrt, bemisst sich aber nicht an der Zahl derer, die zum "Nazis raus"-Rufen herbeieilen. Es bemisst sich daran, wie beharrlich der Protest ist und wie stark er in der Gesellschaft verankert ist.

Die Bewohner des kleinen Ortes halten zusammen. Sie füllen ihre kleine Kirche bei einem ökumenischen Friedensgottesdienst am Vorabend des braunen Spektakels fast bis auf den letzten Platz und singen "Dona nobis pacem". Die Pensionen vermieten am Festival-Wochenende kaum Zimmer, weil sie nicht riskieren wollen, Neonazis zu beherbergen.

Der einzige Wirt, der Festivalbesucher aufgenommen hat, beliefert andere Gasthäuser mit Wein – und bekam prompt eine Lieferung zurück, als Quittung für seine Gastauswahl. Die Supermärkte verteilen auf Initiative eines Bürgerbündnisses Tüten mit Sprüchen gegen Fremdenhass, in denen die Bürger ihre Einkäufe nach Hause tragen.

Etwa 6000 Rechte haben in Themar gefeiert.

Etwa 6000 Rechte haben in Themar gefeiert. (Bild: dpa/Martin Schutt)

An neun Versammlungsorten bringen sie am Samstag ihren Unmut über die Neonazis zum Ausdruck. Manche von außerhalb mokieren sich später, die Proteste seien "mau" gewesen. Gemessen an der Zahl der Anwesenden: vielleicht. Wenn man aber danach geht, ob Themar ein Rezept gefunden hat, das es auch in Zukunft durchhalten kann, dann sieht das Ergebnis anders aus. Dann haben die Bürger sich auf der Straße getroffen, diskutiert und Bratwurst gegessen – in dem Wissen, dass sie den Neonazis nicht den öffentlichen Raum überlassen wollen.

"Ich habe viele Hassmails bekommen"
Bürgermeister Hubert Böse

Barbara Morgenroth steht nicht gern im Mittelpunkt. Trotzdem kann sie nicht anders als sich bei den Protesten einzubringen. "Es überrascht mich, wie viele Menschen aus Themar plötzlich auftauchen und mitmachen wollen", sagt sie. Sie und viele andere finden: Ohne Bürgermeister Hubert Böse wäre es nicht so weit gekommen. Er habe sich an die Spitze des Ortes gestellt.

Dafür zahlt der ehrenamtliche Stadtchef einen hohen Preis: "Ich habe viele Hassmails bekommen", sagte er im Gottesdienst. "Der Rückhalt in der Stadt hilft mir, das zu verarbeiten." Applaus brandete auf, die Leute trampelten begeistert mit den Füßen auf die Holzbänke. Barbara Morgenroth schneuzte in ihr Taschentuch.

Die Polizei hat den Bewohnern zugesagt, Neonazi-Gruppen nicht in der Stadt zu dulden. Einzelne schaffen es dennoch, durch den Ortskern zu fahren oder betont langsam hindurchzulaufen. Eine Provokation – spätestens als ein paar von ihnen auch noch den Hitlergruß zeigen.

Sie ziehen zu der Wiese, auf der die Veranstalter hinter Absperrzäunen ein riesiges Zelt und Kontrollstationen aufgebaut haben, in denen Besucher auf verbotene Gegenstände und Symbole überprüft werden.

In langen Schlangen rücken sie aufs Gelände vor, auf ihren T-Shirts bekennen sie sich als "Division Sachsen", "Blutszeuge" oder "Der III. Weg".

Reisebusse laden Neonazis aus ganz Deutschland, aus Tschechien, Ungarn und Russland ab. Sie kommen vor allem, um die Auftritte von Szene-Bands wie "Stahlgewitter" und der "Lunikoff Verschwörung" zu sehen.

Dafür zahlen sie 35 Euro Eintritt, obwohl die Veranstaltung als öffentliche Versammlung gilt. So hatte es das Oberverwaltungsgericht Weimar entschieden und das Konzert damit unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt. Ein Sänger brüllt später mehrmals "Sieg Heil", die Polizei ermittelt.

In Themar ist jetzt Durchhaltevermögen gefragt, denn die Rechtsextremen werden hier nicht so schnell verschwinden. Das liegt zum einen an Tommy Frenck, einem 30-jährigen Koch und Szene-Star, der in Kloster Veßra eine Gaststätte betreibt. Bauernschlau und geschäftstüchtig sei er, sagen viele aus dem Ort über ihn. Bei ihm laufen die Fäden für das Festival in Themar zusammen.

Unterstützt wird er vom Besitzer der Wiese: Bodo Dressel, bis vor Kurzem Mitglied der Thüringer AfD. Er vermietete das Grundstück an Frenck – und trat kurz darauf aus der Partei aus, die die Vermietung "missbilligte", wie es hieß. Die Wiese bleibt, Frenck und Dressel tun es auch.

Große Rechtsrock-Konzerte werden Barbara Morgenroth und ihre Nachbarn jetzt noch öfter beschäftigen: Am 29. Juli ist schon das nächste angemeldet.

Dieser Artikel erschien zuerst bei SPIEGEL ONLINE.


Gerechtigkeit

SPD-Ministerien hissen zum Berliner CSD Regenbogenflaggen – obwohl es verboten ist

16.07.2017, 13:11 · Aktualisiert: 16.07.2017, 13:11

In Deutschland ist CSD-Saison. Viele Städte feiern im Juli den Christopher Street Day, um ein Zeichen der Akzeptanz für die LGBT-Gemeinde zu setzen. Entlang der Feierrouten hängen viele Regenbogenflaggen aus ihren Fenstern, mal Anwohner, mal Geschäfte. 

Aber bitte keine offiziellen Gebäude der Bundesregierung – denn so will es Innenminister Thomas de Maizière.

Der CDU-Politiker beruft sich auf den sogenannten Flaggenerlass, der detailliert festlegt, wann wie ein Bundesgebäude beflaggt werden darf. Die Regenbogenfahne ist dabei nicht vorgesehen – erlaubt sind nur Fahnen mit hoheitlichem Staatssymbol.