Bild: bento

20.07.2017, 11:17 · Aktualisiert: 25.12.2017, 14:38

E

r schaut sich um und grinst. "Schon witzig, dass die ganzen Hipster hier um mich rum nicht wissen, dass sie direkt neben einem radikalen Salafisten sitzen", sagt er. Am Nachbartisch sitzen zwei junge Frauen und nippen an Milchkaffees in dicken Schalen, einen Tisch weiter schneidet jemand einen Toast mit Avocado.

Und mittendrin er, der Islamist.

Er fällt tatsächlich nicht auf, trägt beige Baggypants und einen braunen Sweater, keine religiösen Gewänder. Die Haare sind kurz rasiert, kein Bart.

Was er auch nicht hat, ist einen Namen. Zumindest nicht in dieser Geschichte – das war seine Bedingung für ein Treffen.

Er hatte mal einen deutschen Vornamen, war ein Mike, ein Thomas, ein Basti. Als er konvertierte, legte er seine deutsche Identität ab und gab sich einen islamischen Kampfnamen, der an einen Weggefährten von Muhammad erinnert. Heute hat er wieder einen anderen Namen, er gab ihn sich in Anlehnung an seine erste Tochter.

Er war schon im Knast. Drei Jahre lang, weil er im Netz islamistische Propagandavideos und Botschaften vom ehemaligen Al-Kaida-Chef Osama bin Laden verbreitet hat. Und aktuell laufen gegen ihn Ermittlungen wegen seiner Sympathien für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). "Es wäre also gut, wenn die Polizei kein neues Material über mich bekommt", sagt er.

Material hat sie aber. Denn er ist als islamistischer Gefährder eingestuft.

Das hat sich bento von mehreren Quellen bestätigen lassen. Aktuell gibt es laut Bundeskriminalamt 680 islamistische Gefährder in Deutschland. Gefährder – das Wort ist in den vergangenen Monaten zum Modewort geworden, vor allem seit dem Lkw-Anschlag von Anis Amri auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin.

Aber wer genau ein Gefährder ist, ist gesetzlich nicht klar definiert. Sicherheitsexperten und Politiker streiten darüber, ob und wie sie am besten beobachtet werden sollen. Die Polizei agiert in jedem Bundesland anders. Und Pädagogen warnen, dass man junge Islamisten nicht einfach wegsperren dürfe – sondern ihnen mit Deradikalisierungsprogrammen helfen müsse.

Und er? "Alles Hampelmänner", sagt er über die, die ihn überwachen oder ihm helfen wollen.

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Um einen einzigen Gefährder zu überwachen, braucht es 30 Beamte. Wenn man also alle Gefährder in Deutschland rund um die Uhr überwachen wollte, wären 20.400 Polizisten nur dafür im Einsatz.

So viel Personal hat die Polizei aber nicht. Also muss sie einstufen, wie gefährlich welcher Gefährder wirklich ist. Und schauen, bei wem sich die Ausspähung des Smartphones lohnt.

Früher war es Beamten nur möglich, Telefonate abzuhören und SMS mitzulesen, vor Kurzem hat der Bundestag die Überwachung auch auf Messenger wie WhatsApp und Telegram ausgeweitet (bento). Aber: Wer es ernst meint und wer nur in Chats prahlen will, ist schwer herauszufinden.

Ihn muss das nicht kümmern. Mit Handy ist er nie unterwegs, er nutzt Telefonzellen. Zuhause klinkt er sich immer wieder in verschiedene Hotspots ein. So will er es der Polizei möglichst schwer machen, ihn abzuhören.

Auf den Kanälen, auf denen er unterwegs ist, hat er einen Warnhinweis als Profilbild hochgeladen: "Run. Hide. Tell." Die Botschaft hatten britische Polizeistellen nach den jüngsten Anschlägen von Manchester und London verbreitet. Es ist seine Art von Humor.

Er wuchs in einer deutschen Kleinstadt auf. Zum Islam konvertierte er, als er 17 war. Damals sei viel Scheiße passiert, er hatte getrunken, hatte die falschen Freunde, wie er heute sagt. Zuhause flog er früh raus. Gepennt hat er mal in Jugendhäusern, mal bei Freunden. Schließlich beim Schwager. "Er hat mich gefragt, ob ich an Gott glaube", erinnert er sich. "Und da habe ich 'Ja' gesagt."

Keine Woche später sprach er die sogenannte Shahada, das Glaubensbekenntnis des Islam. Wer sie vor Zeugen spricht, wird Muslim. Es war konvertieren im Eiltempo. Das sagt er selbst so, "der Islam gab mir erstmals Halt im Leben". Die Behörden, das Jugendamt, alle hätten auf ihn "geschissen": "Denen war völlig Latex, was mit mir passiert."

Latex, solche Formulierungen haut er gerne raus. Aber nur, wenn es um sein Leben geht, um die Stadt, in der er lebt, um die Familie, an die er sich zurückerinnert. Dann spricht er mit einer schnöseligen, derben Sprache, in seinen Sätzen liegt ein norddeutscher Singsang. Er klingt dann wie ein normaler junger Erwachsener.

Redet er hingegen über den Islam, wechselt seine Stimme ins Hochdeutsche. Die Sätze werden klarer, knapper, auch härter.

Seine Rechtfertigungen, warum es okay ist, zu töten, trägt er vor wie ein Professor. Als sei das Regelwerk des Islam das Einzige, was ihm Autorität verleiht.

Mit seinem Schwager besuchte er Moscheen, Verfassungsschützer sagen heute, es waren die falschen. Er war unter anderem in jener Moschee in Hamburg zu Besuch, in der auch die Attentäter von 9/11 gebetet hatten, als sie ihre Tat planten. Zu der Zeit tüftelte er mit Rohrbomben in Mamas Garten. "Das, was dumme Jungs halt machen", sagt er.

Als 20-Jähriger muss er für drei Jahre ins Gefängnis. Es ist die Zeit, in der er sich richtig radikalisiert. Er selbst nennt es anders, er sagt: "Ich hatte Zeit zum Literaturstudium."

Heute ist er in der deutschen Salafistenszene gut vernetzt. Er hat Kontakte zu Deutschen, die in Syrien kämpfen, auch mit jenen, die Anschläge in Europa planen. Einige geben ein deutschsprachiges Dschihad-Magazin heraus, mit Tipps, wie man staatlicher Überwachung entgeht (hier erklären wir, was das Magazin so gefährlich macht).

Was sind Salafisten?

Der Begriff kommt aus der Anfangszeit des Islam und beschreibt die ersten Anhänger des Propheten Muhammad. Heute versteht man darunter strenggläubige Muslime – und auch Radikale, die den Islam politisch durchsetzen wollen.

In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz etwa 8350 Salafisten. Rund 680 von ihnen sind als "Gefährder" eingestuft. Das bedeutet, dass ihnen Gewalttaten zugetraut werden (Stand Juni 2017).

Für ihn ist Salafist sein nichts Verwerfliches. Es heiße lediglich, ein guter Muslim zu sein.

Der Islam gründet auf dem Koran und den Hadithen, so werden die gesammelten Texte über das Leben des Propheten Muhammad genannt. Aus diesen Überlieferungen formen Gelehrte Regeln, viele davon sind widersprüchlich, viele sehr streng.

Salafisten entscheiden sich für eine besonders strenge Auslegung – und leiten daraus ab, über anderen zu stehen. Er hat diese Ideologie verinnerlicht, er hat sich Regeln zurechtgelegt.

  • Der Dschihad? "Eine religiöse Pflicht."
  • Das Töten? "Getötet werden darf jeder, der den Islam bekämpft."
  • Selbst Unschuldige? "Das deutsche Volk hat eine Regierung gewählt, die Muslime in Afghanistan und Syrien tötet. Also hat jeder eine Mitschuld, also gilt jeder als Feind."
  • Und selbst Muslime? "Ja, es gibt Muslime, die immer diese Sure vom Frieden herunterbeten – 'wenn du eine Person tötest, bla bla bla' – aber das sind keine richtigen Muslime mehr."

Seine Frau ist eine Syrienheimkehrerin, gerade sind beide zum zweiten Mal Eltern geworden. Deshalb kann er sich auch nicht vorstellen, was "zu machen". Denn: Falls er stirbt, müsste er ja Frau und Kinder in Feindesland, sprich: Deutschland, zurücklassen.

Dass er trotzdem in diesem "Feindesland" lebt, ist für ihn okay.

Er könne ja seinen Islam hier gut leben, trotz all der Ungläubigen. Es ist seine Art, sich Regeln und religiöse Gesetze zurechtzubiegen.

Sein Kampf für eine islamistische Ordnung – manchmal wirkt sie wie ein bloßes Räuber-und-Gendarm-Spiel. Wären dann nicht die Momente, in denen er durchscheinen lässt, wie er vernetzt ist und wie wohl er sich in der Welt des globalen Dschihad fühlt.

"Man kann ja schließlich auch kein extremer Demokrat sein, nur weil man sich an das Grundgesetz hält."
Der Gefährder über sein Islamverständnis

Überwachung ist sein Kernthema: Wie kann man die eigene Person, das eigene Handeln im Netz den Blicken der Geheimdienste entziehen? Er schreibt an verschlüsselten Messengern – ähnlich WhatsApp – und gibt in Videos Ratschläge, wie man der Überwachung durch den Staat entgehen kann.

Gefährder werden in drei Aktionstypen eingestuft: Führungspersonen, Akteure und Logistiker. Er gehört wohl am ehestens zur dritten Kategorie. Die Frage ist, wie deutsche Behörden ihn im Blick behalten können.

Bundesweit koordinieren die je 16 Landesämter für Verfassungsschutz und Landeskriminalämter ihre Arbeit im GTAZ – dem "Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum". Das Zentrum wurde 2004 in den Nachwehen von 9/11 gegründet. Damals tauschten sich die Teams pro Woche über ein bis zwei Gefährder aus, heute sind es fünf bis sechs Fälle am Tag.

"Die Zusammenarbeit findet täglich statt", sagt Marcus Gerngroß. "Unser Ziel ist es, der Polizei mit unseren Informationen zu extremistischen Szenen weiterzuhelfen." Er ist Sprecher des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Seine Behörde beobachtet die salafistische Szene in Hessen, für die Einstufung als Gefährder ist aber das dortige Landeskriminalamt zuständig. Das wiederum darf nicht jeden Gefährder direkt überwachen – sondern braucht dafür eine richterliche Anordnung.

LKA und Verfassungsschutz schauen also unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Kompetenzen auf Gefährder – was es denen erlaubt, immer wieder durch das Raster zu fallen.

Schwierig sei vor allem, wenn man Personen über Jahre im "Radikalisierungsprozess begleitet", sagt Gerngroß, diesen aber nicht durchbrechen könne - sondern nur zuschauen. Da seien vor allem ergänzende Präventionsangebote wichtig. In den vergangenen Jahren schaute Gerngroß immer mehr Personen bei ihrer Radikalisierung zu:

"In Hessen gab es 2011 um die 500 Salafisten, im vergangenen Jahr waren es 1650."
Marcus Gerngroß, Verfassungsschutz Hessen

Etwa jeden Vierten stuft der hessische Verfassungsschutz als gewaltorientiert ein, die meisten Akteure der Szene sind unter 30 Jahren.

Es war vor allem der IS, der die Szene aufgemischt hat und viele Jugendliche animierte, nach Syrien zu reisen. "Da war plötzlich ein riesiger Hype da", sagt Gerngroß. "Als gelte man plötzlich nichts mehr, wenn man nicht in Syrien war."

So entstand der IS:

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Derzeit ist die Sogwirkung des IS deutlich rückläufig, sagt Gerngroß, "aber obwohl das dschihadistische State Building nicht mehr so zieht, ist die Gefährdungslage höchst angespannt". Der IS hatte Muslimen ein eigenes Land auf dem Staatsgebiet von Syrien und dem Irak versprochen – tatsächlich kontrolliert die Miliz nur Landstraßen und Wüstenabschnitte. Aus den meisten großen Städten wurde sie mittlerweile zurückgedrängt. Ihr "Kalifat" blieb eine Utopie.

Der IS musste seine Strategie wechseln, um für junge Islamisten attraktiv zu bleiben. "Bleibt, wo ihr seid und begeht Anschläge in unserem Namen", das sei nun die Botschaft der Terrormiliz, sagt Gerngroß.

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ber solche Analysen kann er, der Gefährder, nur lachen. Viele würden den Islam nicht richtig verstehen, sagt er dann. Weder die Deutschen noch all die liberalen Muslime, die, die trinken oder Schwule akzeptieren. "Das sind für mich Sekten."

Minutenlang kann er sich über den vermeintlich richtigen Weg zu Gott auslassen. "So zu leben wie Muhammad ist der reinste Islam und daran ist nichts extrem", sagt er. Ein liebender Vater zu sein und trotzdem darüber zu philosophieren, wie scharf ein Messer sein muss, damit man "nach Gottes Vorschrift" Menschen enthauptet, ist für ihn kein Widerspruch. Er sieht jeden, der seine Islam-Interpretation nicht teilt, einfach nicht mehr als lebenswert an.

Der Anti-Terrorexperte Ali Soufan bezeichnet solches Denken als "Holter-die-Polter-Logik":

"Mach deine eigene Version vom Islam nur restriktiv genug, und schon gibt es kein Limit mehr, wie viele Menschen du dir erlauben kannst, zu ermorden." Hinter all dem stecke keine Religion mehr, sondern nur noch Ideologie.

Auch Thomas Mücke hält den Salafismus für eine Ideologie, die nichts mehr mit dem Islam zu tun hat. "Im Grunde ist es eine faschistische Denke", sagt Mücke, "Islamisten wollen eine gleichgeschaltete Gesellschaft voller Gläubiger, wer anders denkt, wird verfolgt."

Mücke leitet das Violence Prevention Network, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, radikalisierte Jugendliche wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Er versucht, Islamisten dabei zu helfen, Dinge zu hinterfragen – vermeintliche Islam-Regeln nicht einfach hinzunehmen. Das hält er für den besten Weg, gegen Gefährder vorzugehen. Wie gut das gelingt, erzählt er hier im Interview:

Auch die Politikerin Irene Mihalic wünscht sich eine besser – und bundesweit vernetzte – Deradikalisierungsarbeit. "In der Präventionsarbeit und bei Deradikalisierungsprogrammen passiert fast nichts", sagt sie. Mihalic hat früher als Polizistin gearbeitet, heute ist sie innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

"Der Staat schaut oft nur zu, wie sich Jugendliche radikalisieren und verliert in dem Augenblick das Interesse, wenn sie nach Syrien ausreisen."
Grünenpolitikerin Irene Mihalic

Sie mache fassungslos, wie wenig Polizei und Verfassungsschutz mit privaten Trägern zusammenarbeiten, die Deradikalisierungsprogramme anbieten. Wenn es mehr Gelder und eine bessere Vernetzung für solche Programme gäbe, könnten junge Islamisten wieder Teil der Gesellschaft werden. Außerdem brauche es eine Art Bereitschaftspolizei für Observationen, mit der sich die Bundesländer untereinander unterstützen können.

In seiner derzeitigen Stadt fällt er kaum auf.

In seiner derzeitigen Stadt fällt er kaum auf. (Bild: Marc Röhlig)

Es helfe nicht, immer mehr Menschen als Gefährder einzustufen "und die Öffentlichkeit jeck zu machen", sagt Mihalic. Auch von Maßnahmen wie Fußfessel oder Präventivhaft hält sie nichts, die rücken radikalisierte Jugendliche nur noch mehr ins Abseits. "Die beste Art, Terrorismus zu verhindern, ist zu verhindern, das es Terroristen gibt."

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urück im Café, zwischen den Hipstern. Bei ihm hat noch kein Sozialpädagoge und kein Streetworker nachgefragt, sagt er. Weder nachdem er konvertierte, noch während seiner Zeit im Gefängnis. Nur die Polizei komme zweimal die Woche und klingele "dann immer wie Geisteskranke". Er mache aber nie auf, ihn kann ja keiner zwingen.

Zum Schluss holt er sich einen Kaffe zum Mitnehmen. Eigentlich ist Ramadan, er dürfte erst nach Sonnenuntergang trinken. Im Fastenmonat verzichten Muslime tagsüber auf Essen und Trinken, um besonders gottgefällig zu leben. Nur in Ausnahmefällen – einer beschwerlichen Reise oder bei Krankheit – darf man aussetzen und das Fasten später nachholen.

Für ihn gelte so eine Ausnahme heute, sagt er. Er spaziere zu Fuß heim, das entspreche also einer kleinen Reise. Und der Prophet habe auf Reisen auch immer sein Fasten unterbrochen. "Man muss nur die Regeln des Islam genau kennen", sagt er.

Dann nippt er am Becher und verschwindet in der Masse der Fußgänger.

Wie wir recherchiert haben:

Dem Treffen mit dem islamistischen Gefährder gingen mehrere Monate Recherche voraus. Wir haben islamistische Gruppen im Netz und in Messengerdiensten beobachtet. Über Telegram sind wir auf eine deutsche Chat-Gruppe aufmerksam geworden – und haben Kontakt aufgenommen.

Dem Treffen gingen einige Chats und ein Telefonat voraus. Was uns geschildert wurde, haben wir mit Verfassungsschützern, Pädagogen und Polizisten abgeglichen – um zu prüfen, ob die Erzählungen authentisch sind. 

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