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Gerechtigkeit

Junge Menschen in Brüssel: "Irgendwie haben wir alle darauf gewartet"

23.03.2016, 17:15 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Wie sie die Anschläge erlebten und wie es jetzt weitergeht

Antonia, 21, arbeitet seit Ende Juli 2015 für einen deutschen Verband in Brüssel

(Bild: Privat)

Mein Büro liegt nur etwa 500 Meter von der Station Maelbeek entfernt, jeden Morgen fahre ich mit der U-Bahn dorthin, auch gestern. Gegen 8.30 Uhr stieg ich aus, etwa 40 Minuten später war der Anschlag. Als ich auf der Arbeit ankam, erreichten mich die ersten WhatsApp-Nachrichten von Freunden und Familie. Dadurch erfuhr ich erst, was passiert war.

Ich bekam totales Herzrasen, ich sah die Bilder von der Maelbeek-Station im Fernsehen und dachte: Da war ich gerade. Trotzdem versuchte ich, normal zu arbeiten. Wir bekamen die Anweisung, das Gebäude nicht zu verlassen. Abends organisierten wir Fahrdienste mit Taxen und Autos, damit alle Kollegen sicher nach Hause kommen. Auch heute Morgen wurde ich mit dem Auto abgeholt. Es herrscht immer noch Verkehrschaos, die Tunnel sind gesperrt.

So traurig es klingt, aber irgendwie hatte man das Gefühl, dass irgendwann etwas passieren muss. Man hat nicht jeden Tag damit gerechnet, aber irgendwie lag es in der Luft. Schon bevor ich hierher gezogen bin, wusste ich, dass Brüssel nicht ganz ungefährlich ist. Aber dass es so hochkocht, hätte ich nicht erwartet.

Deswegen in eine andere Stadt zu ziehen, halte ich aber für sinnlos. So ein Anschlag kann überall passieren, in Deutschland, im Urlaub, man ist nirgends davor geschützt. Trotzdem werde ich in Zukunft häufiger das Fahrrad nehmen und nicht U-Bahn fahren, zumindest in der nächsten Zeit.

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Laura, 21, die Belgierin studiert an der Freien Universität Brüssel

(Bild: Eline D.)

Natürlich hatte ich irgendwie damit gerechnet, dass in Brüssel etwas passieren würde, gerade nach der Verhaftung von Salah Abdeslam am Freitag. Ich dachte aber, dass Polizei und Armee einen Anschlag verhindern würden. Aber klar, das ist so gut wie unmöglich: Man kann nicht immer und überall jeden kontrollieren, das wäre kein Leben mehr.

Ich fühlte mich hilflos, war wütend.

Ich mache gerade ein Praktikum, eigentlich hätte ich gestern zur Arbeit gehen müssen. Aber ich rief im Büro an und sagte, dass ich zu Hause bleiben würde. Normalerweise ist es sehr laut in meiner Wohnung, ich wohne direkt an einer vielbefahrenen Straße, aber gestern war alles ruhig. Ich schaute Nachrichten, der Fernseher lief den ganzen Tag. Später kamen Freunde vorbei, wir saßen zusammen und sprachen über die Anschläge, versuchten, uns gegenseitig Halt zu geben.

Ich wollte etwas tun, aber ich konnte nicht, das war frustrierend. Ich fühlte mich hilflos, war wütend – wütend darüber, dass einige Menschen über Leben und Tod anderer entscheiden. Wie können Menschen so etwas tun?

Ich werde in der nächsten Zeit nicht U-Bahn fahren. Und am Flughafen werde ich in Zukunft immer ein komisches Gefühl haben: Normalerweise ist das ein fröhlicher Ort, sobald ich dort ankomme, bin ich in Urlaubsstimmung. Das wird nie wieder so sein, ich werde immer daran denken, dass dort so viele Menschen gestorben sind.

Jo, 37, der Belgier lebt seit sieben Jahren in Brüssel und arbeitet als Architekt

(Bild: Privat)

Es war schockierend, aber nicht überraschend. Nach den Anschlägen von Paris war das Risiko sehr hoch, dass etwas Ähnliches bei uns passieren würde. Ich habe diesen Gedanken aber nicht täglich mit mir rumgetragen. Aber das Thema ist hier in Brüssel sehr präsent. Soldaten am Straßenrand gehören zum Stadtbild. Dass Brüssel ein Anschlagsziel ist, war offensichtlich.

Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe. Mein Leben plane ich jetzt nicht um. Ich liebe es, die Metro zu nutzen. Maelbeek ist eine besonders schöne Station, mit schönen Zeichnungen an der Wand. Bei einem Meeting gestern mussten wir erst einmal die Situation verarbeiten, auch mit meinen Eltern habe ich lange gesprochen. Was viele jetzt beschäftigt: Tun wir genug und das Richtige gegen den Terrorismus?

Justine, 24, die Belgierin studiert Design in Brüssel

(Bild: Privat)

Nach dem Aufwachen habe ich von den Explosionen als erstes in der WhatsApp-Gruppe meiner Rugbymannschaft erfahren. Dort tauschten sich meine Mannschaftskolleginnen darüber aus, wer was gehört hat. Dann habe ich direkt den Fernseher angeschaltet und Nachrichten geschaut. Ich war natürlich total geschockt, nochmal deutlich stärker als bei den Anschlägen in Paris. Aber trotzdem muss ich sagen, dass man in Brüssel die Spannungen in den letzten Monaten gespürt hat.

Seit Paris haben wir alle irgendwie darauf gewartet, dass so etwas auch in Brüssel passiert. Trotzdem hat es uns total verunsichert, auch weil die Hintergründe noch so unklar sind. Es herrscht eine große Verunsicherung und Anspannung, das ist klar.

Solche Anschläge können überall passieren.

Ich hatte gestern keine Univeranstaltungen und wollte zu Hause arbeiten, deshalb stellte sich für mich die Frage nicht, ob ich das Haus verlasse. Vor dem U-Bahn-Fahren habe ich auf jeden Fall mehr Angst als vorher. Aber ich werde nicht meine Art zu leben ändern, das würde gar nichts bringen. Ich habe es gut, ich wohne nah an der Universität und muss sowieso nicht oft öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Aber aufgrund des Anschlags jetzt Flughäfen zu meiden, finde ich sinnlos. Solche Anschläge können überall passieren, das ist leider heute so.

Was in Brüssel geschah – der Überblick in der Fotostrecke

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Erik, 25, kommt aus Prag und lebt seit zwei Jahren in Brüssel

Ich bin gerade in Prag im Urlaub, aber gedanklich war ich gestern bei meinen Freunden in Brüssel. Ich schrieb sofort alle an, ob es ihnen gut geht. Auch ich bekam lauter Anrufe, Facebook- und WhatsApp-Nachrichten. Ich war so beschäftigt, dass ich die Details der Anschläge gar nicht richtig verfolgen konnte.

Ich denke, es gibt einige Parallelen zwischen Brüssel und Paris. Das normale Leben wird weitergehen, trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl. Ich glaube, ich gehe jetzt lieber zu Fuß, statt die Metro zu nehmen. Ich denke vielleicht zweimal darüber nach, wohin ich am Wochenende feiern gehen werde – vielleicht besser an nicht so überfüllte Plätze.

Es sind die Menschen, die das Leben einer Stadt ausmachen. Die Angst wird bald wieder einem normalen Gefühl weichen. Ich habe trotzdem Angst, dass da jetzt etwas im Hinterkopf ist, was man nie richtig ausschalten kann.

Nelly, 29, arbeitet gerade für einen Fernsehsender in Brüssel

Mindestens ein Attentäter ist noch auf freiem Fuß. Das macht mir Angst. In Brüssel scheint es eine Szene zu geben von diesen Menschen. Sie decken sich gegenseitig. Wie hätte sonst Abdeslam vier Monate hier einfach rumspazieren können. Er soll tagsüber an der Polizeistation vorbeigelaufen sein, nach den Attentaten in Paris beim Friseur gewesen sein und Klamotten gekauft haben.

Mich macht das wütend und ich kann es nicht verstehen. Was denken diese Menschen, dass sie unschuldige Zivilisten töten. Ich kann nur sagen, das ist so krank. Die sind so krank. Ich habe Angst vor diesen Menschen. Wann schlagen sie wieder zu? Ich denke, nicht hier in Brüssel, aber in wenigen Monaten woanders, vielleicht in Deutschland?

Ich werde weiter das tun, was ich machen will: In ein Restaurant, in eine Kneipe gehen, mit der Metro zum Hauptbahnhof fahren, um dort shoppen zu gehen. Ich lasse mich nicht einschüchtern oder einschränken von diesen Menschen. Ein mulmiges Gefühl wird allerdings da sein, wenn ich das nächste Mal in eine Metro steige.