Bild: Russiaworks

Gerechtigkeit

Aufnahmen aus der Apokalypse

02.02.2016, 08:29 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Im Netz verbreitet sich ein spektakuläres Drohnenvideo aus Syrien. Dahinter steckt das russische Fernsehen.

Die Kamera schwebt über einer Stadt der Toten. Sie umkreist eine durchlöcherte Moschee, hebt sich über von Granaten zerfressene Wohnhäuser. Trümmer und Kriegsreste erstrecken sich beinahe endlos in die Ferne. Drei Jungen, ein Motorrad, später ein Auto kreuzen die Straße, während die Kamera über allem schwebt – sonst bleibt die Stadt leer.

Die Szenen stammen aus einem Video, das sich seit einigen Tagen rasant in der arabischen Netz-Community verbreitet. Die Aufnahmen wurden mit einer Drohne gefilmt, die langsam eine vom Krieg zerstörte Stadt überfliegt.

Auf Facebook hat ein Upload in zwei Tagen über 1,2 Millionen Views erhalten, auf YouTube kommen 20.000 weitere hinzu. Das Video und auch arabische Nutzer im Netz weisen die zertrümmerte Stadt als das syrische Homs aus, eine Millionenstadt nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Die "New York Times" attestierte früheren Dronenvideos bereits ihre Echtheit. ("New York Times")

(Hinweis: Das Originalvideo wurde vom YouTube-Konto des Betreibers gelöscht. Dies ist eine Kopie auf einem arabischen Kanal.)

Die Aufnahmen faszinieren und verstören

Der syrische Bürgerkrieg ist ein Moloch, dessen Monstrosität von unabhängigen Beobachtern kaum noch erfasst werden kann. Die Vereinten Nationen schätzten zum letzten Mal vor einem halben Jahr die Zahl der Toten auf 250.000. Wie viele Menschen tatsächlich unter dem Krieg leiden, hungern müssen oder vertrieben werden, lässt sich nur schwer sagen. Zugleich ist der syrische Bürgerkrieg jedoch so gut dokumentiert wie kaum ein anderer Konflikt zuvor – obwohl Journalisten kaum noch ins Land kommen.

Syrische Medien, Rebellen und Islamisten buhlen um Aufmerksamkeit und schicken Videos, Fotos und Tweets um die Welt. In hochauflösenden Bildern kann sich jeder die Wirklichkeit Syriens (oder was er dafür hält) auf seinen Bildschirm holen. Genau damit spielt das Drohnenvideo.

Hinter dem Video steckt das russische Fernsehen

Das Video gehört zu einer Reihe der Firma Russiaworksdie Imagevideos für russische Staatssender produziert. (sueddeutsche.de) Auf dem YouTube-Kanal von Russiaworks finden sich noch weitere Drohnenflüge über Syrien, sowohl über das vom Krieg bislang gänzlich unberührte Stadtzentrum von Damaskus, wie über gerade stattfindende Panzerangriffe auf Rebellengebiete am Stadtrand. In einem "How we work"-Video zeigen sich junge Männer beim Starten der Drohnen, neben ihnen stehen syrische Polizisten.

Dass russischen Filmern solch gestochen scharfe Aufnahmen mitten aus der Hölle des syrischen Krieges gelingen, ist kein Zufall: Syriens Präsident Baschar al-Assad verdankt einen Teil seiner Macht der Unterstützung Russlands. Russland fliegt Luftangriffe in Syrien, vornehmlich gegen Stellungen von Islamisten, vor allem aber auch gegen liberale Rebellen.

Die militärische Hilfe dient auch Russland: So lange Assad im Amt ist, können die Russen ihren Militärhafen im syrischen Tartus halten – dem einzigen russischen Zugang zum Mittelmeer. Außerdem befinden sich unter den in Syrien kämpfenden Islamisten auch Tausende Russen.