Bild: Nicole Tung

Gerechtigkeit

Nicole Tung, 29, zieht in den Krieg und fotografiert. Warum?

09.03.2016, 10:06 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

"Ich entscheide, mich in Gefahr zu bringen"

Sie hat mit 29 die größten Konflikte erlebt: Die amerikanische Fotojournalistin Nicole Tung reiste allein nach Libyen, um den Arabischen Frühling zu dokumentieren, sie war in Hong Kong bei Studentenprotesten dabei und ist mehrfach in den Krieg nach Syrien geflogen.

Im Video und anhand von Bildern erzählt sie uns, wie sie sich als junge Frau in Krisengebieten fühlt und was sie motiviert.

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Ein Student protestiert in Hong Kong 2014 gegen die chinesische Regierung. 

Ein Student protestiert in Hong Kong 2014 gegen die chinesische Regierung.  (Bild: Nicole Tung)

Die "Regenschirm-Revolution“ in Hong Kong: "Ich hatte den inneren Drang, dabei zu sein“

Nicole Tung bahnt sich ihren Weg über Barrikaden, vorbei Richtung Protestcamps. Studenten halten Regenschirme in die Luft. Seit September protestieren sie für mehr Demokratie. Es ist schon dunkel im Viertel Mong Kok, niemand ahnt, dass am nächsten Tag die Polizei das Camp räumen wird.

Tung könnte eine von ihnen sein. Sie ist in Hong Kong aufgewachsen und erst mit 18 zum Studium in die USA gezogen. Warum sie unbedingt über die Proteste im Herbst 2014 berichten wollte? "Ich hatte den inneren Drang, dabei zu sein."

Sie erinnert sich noch gut daran, wie unpolitisch ihre Klassenkameraden zu Schulzeiten waren. Schon früh hat sie gelernt, zu beobachten. Tung sagt: "In Hong Kong war ich ein Alien, auch in den USA habe ich mich nicht wie eine Amerikanerin gefühlt." Obwohl sie durch ihren amerikanischen Vater einen US-Pass hat.

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Erst 2006 in Bosnien scheint sie sich gefunden zu haben. Als Fotoreporterin, die überall dort zu Hause ist, wo es Konflikte gibt oder gab. Sie ist im Auslandsjahr in Florenz, als sie ihre Ferien nutzt, um allein Richtung Balkan zu reisen. Sie trifft Frauen aus Srebrenica, die auch zehn Jahre nach Ende des Krieges noch immer in provisorischen Behausungen wohnen.

"Ich sah in ihren Gesichtern, wie es sich anfühlen muss, wenn Konflikte nie wirklich enden, obwohl sie offiziell vorbei sind", sagt sie. "Die Bilder sagen so viel mehr, als ich aufschreiben kann." Von da an legte sie ihre Kamera nicht mehr aus der Hand.

Libysche Rebellen fliehen vor Snipern. 

Libysche Rebellen fliehen vor Snipern.  (Bild: Nicole Tung)

Arabischer Frühling in Libyen: "Ich bin schlecht darin, nur aus der Ferne hinzuschauen"

Wenige Tage bevor Libyens Machthaber Muhammad al-Gaddafi 2011 gefasst wurde, ist Nicole Tung bei den letzten Kämpfen um Sirte dabei. Ihr erster richtiger Job als Fotografin. Fast ein Jahr berichtete sie über den Bürgerkrieg im Land.

Wer ist Nicole Tung?

Nicole Tung arbeitet frei für verschiedene Medien in den USA und weltweit. Ihre Bilder wurden in der "Vanity Fair" und im "Time Magazine" abgedruckt. Bekannten Fotofestivals wie "Visa Pour l‘Image" zeigten ihre Bilder. Sie zählt zu den Photo Districts News "Emerging Photographers 2013". Aktuell lebt sie in der Türkei und berichtet von dort aus hauptsächlich über die Flüchtlingskrise.

"Ich bin ganz schlecht darin, nur aus der Ferne hinzuschauen, wenn etwas passiert", sagt sie. Tung war 24, die meisten Demonstranten waren in ihrem Alter. Das half, schnell Vertrauen zu gewinnen.

Als Frau in einem Kriegsgebiet wie Libyen unterwegs zu sein, war für Tung nicht immer einfach, aber oft von Vorteil. Sie habe häufig mit anderen Frauen in den Hinterzimmern und Küchen sprechen können. "Männliche Fotografen können solche Bilder nicht machen", sagt sie.

Auf dem Friedhof von Anadan beerdigen Männer den 30-jährigen Fawaz Omar Abdullah. 

Auf dem Friedhof von Anadan beerdigen Männer den 30-jährigen Fawaz Omar Abdullah.  (Bild: Nicole Tung)

Bürgerkrieg in Syrien: "James hätte gewollt, dass wir weitermachen"

Von Libyen reist Tung weiter nach Syrien. Sie fotografiert Bombenopfer, rennt, wenn sie selbst unter Beschuss gerät, und besucht Beerdigungen wie die von Fawaz Omar Abdullah, der von Snipern getötet wurde. Ihre Kamera ist dabei ihr Schutz. Ein Schutz, der ihr hilft, nicht starr vor Angst zu sein: "Wenn ich ein Foto mache, verstehe ich oft nicht zu 100 Prozent, was eigentlich passiert." Die Bilder und Szenen des Krieges holen sie erst später ein und begleiten sie lange.

Wie die Fernsehbilder von James Foley, der in einem orangenen Overall in der Wüste kniet. Neben ihm ein schwarz gekleideter Henker des sogenannten Islamischen Staates.

Ans Aufhören hat Tung trotzdem nicht gedacht. "James hätte gewollt, dass wir weitermachen", sagt sie. Der Islamische Staat würde über die Medien siegen, wenn Journalisten wie sie nicht mehr über Syrien berichten würden.

Syrische Flüchtlinge erreichen die griechische Insel Lesbos im Dezember 2015.

Syrische Flüchtlinge erreichen die griechische Insel Lesbos im Dezember 2015. (Bild: Nicole Tung)

Flüchtlingskrise in Griechenland: "Sie haben nichts mehr zu verlieren"

Dass der Krieg in Syrien weit von einem Ende entfernt ist, sieht Tung an den Booten vor der griechischen Insel Lesbos. Die Flüchtlingskrise sei eine direkte Konsequenz des Krieges.

Tung lebt mittlerweile mit ihrem Freund, einem Fotografen, in Istanbul. 2015 ist sie einige Male auf die griechischen Inseln gefahren und hat eine syrische Flüchtlingsfamilie nach Mazedonien begleitet. "Sie gehen so viel Risiko ein, weil sie nichts mehr zu verlieren haben", sagt sie.

Kriegsfotografin zu sein, sei ein egoistischer Beruf. "Ich entscheide, mich in Gefahr zu bringen. Aber wenn ich sterbe, müssen meine Eltern und Freunde damit klar kommen", sagt Tung. Ihre Familie unterstütze sie bei ihrer Arbeit, ihre Eltern fragen sie trotzdem regelmäßig, wie lange sie noch so weiter arbeiten möchte.

Ihr Freund helfe dabei, die Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn sie von einem Auftrag zurückkomme, brauche sie ein paar Tage Ruhe und Einsamkeit. "Um den Ärger zu verarbeiten, der in mir aufsteigt, wenn ich an die vielen Toten denke", sagt sie.

Erst wenn sie merke, dass sie nicht mehr wütend werde, dass sie abgestumpft sei und ihre Gefühle taub würden, dann würde sie ihre Kamera zur Seite legen. "Ich könnte dann keine guten Fotos mehr machen", sagt sie.

Diese Tipps würde Nicole Tung heute ihrem 24-jährigen Ich geben:

  • Journalismus an der Uni zu studieren, bereitet dich nicht auf den Job als Kriegsreporterin vor. Studier ein Fach, das dich interessiert und lerne von älteren Journalistinnen und Journalisten.
  • Fang mit Themen an, die vor der Haustür liegen. Du brauchst nicht gleich in die gefährlichste Region der Welt zu reisen.
  • Mache so früh es geht ein Sicherheitstraining.
  • Lerne, wie man Erste Hilfe leistet.
  • Sei so gut vorbereitet, wie es geht. Die wenigsten Medien haben feste Fotografen. Viele arbeiten mit Freien. Die am Ende oft für sich selbst verantwortlich sind.
  • Treffe dich mit Redakteuren, zeig ihnen dein Portfolio.
  • Vernetze dich mit anderen Freien

Das Verteidigungsministerium bietet in Hammelburg Journalistentrainings für Kriegsgebiete an. Dort lernen Journalisten, wie sie sich sicher in Kriegs- und Krisenregionen bewegen.

Deutsche und internationale Kriegsfotografen erzählen im Buch "Bilderkrieger: Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen" über ihre Erfahrungen.

ARTE zeigte am 8.3. den Dokumentarfilm "Kriegsfotografinnen".

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