Gerechtigkeit

Warum in der Türkei entlassene Professoren auf der Straße unterrichten

17.02.2017, 10:20 · Aktualisiert: 17.02.2017, 14:37

"Die Frage ist nicht mehr, ob wir unseren Job verlieren, sondern wann" – mit diesem Facebook-Post beschreibt eine Instanbuler Psychologieprofessorin perfekt die Situation, in der sich türkische Wissenschaftler gerade befinden. Denn: Alle paar Wochen veröffentlicht die Regierung Listen mit Namen der Beamten, die entlassen wurden.

Wer morgens seinen Namen auf der Liste findet, braucht ab sofort nicht mehr zur Arbeit zu gehen.

Vergangene Woche hat es wieder 330 Wissenschaftler von mehr als 20 Universitäten getroffen – Professoren der renommiertesten Universitäten der Türkei. Zum Teil sind nun ganze Fakultäten ohne Personal, wie etwa das Department für Theater der Universität Ankara. (vocaleurope)

Eine von ihnen ist Süreyya Karacabey. Die Professorin für Theater erfuhr über ihre Entlassung per Telefonnachricht, als sie sich gerade ihr Abendessen kochte.

Anstatt in Schockstarre zu verharren, hat sie jedoch gemeinsam mit Kollegen beschlossen, weiter zu lehren. Sie gründeten die Sokak akademisi – eine "Straßenakademie". Es ist die bekannteste mehrerer alternativen Universitäten, die gerade im ganzen Land entstehen.

Süreyya Karacabey hält ihre Vorlesung auf einem Platz in Ankara

Süreyya Karacabey hält ihre Vorlesung auf einem Platz in Ankara

Alle zwei Wochen treffen sie sich und halten ihre Vorlesungen in Parks und auf öffentlichen Plätzen, Stichpunkte notieren sie auf Klapptafeln.

Mittlerweile nehmen Dozenten aus dem ganzen Land daran teil. Die meisten aus den liberalen Geistes- und Sozialwissenschaften, sie haben als regierungskritische Stimmen am meisten unter den Entlassungen gelitten.

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

Epa / Sedat Suna
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Epa / Cem Turkel
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Epa / Tolga Bozoglu
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Epa / Sedat Suna
Epa / Deniz Toprak
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Epa / Senat Suna
Epa / Sedat Suna
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Im Dezember gab es die erste Vorlesung, mittlerweile sind es fünf. Die Themen sind politisch aktuell: Sie sprechen zum Beispiel über den gesellschaftlichen Einfluss von Verschwörungstheorien oder über "Widerstand leisten mit Theater". Die Vorlesungen werden per Video live auf Facebook und Twitter ausgespielt.

"Sie haben uns zwar aus der Uni rausgeschmissen. Aber eine Schule ist ja nicht an ein Gebäude gekettet. So kamen wir auf die Idee, aus der Straße eine Schule zu machen", erzählt Süreyya. Die Open-Air-Vorlesungen haben auch noch einen weiteren Vorteil: So können die Straßenakademiker nicht nur ihre ehemalige Studenten erreichen, sondern auch bildungsferne Arbeiter.

Die Professoren sehen sich auch als Brückenbauer in der polarisierten türkischen Gesellschaft – zwischen dem liberalen akademischen Lager und der mehrheitlich konservativ eingestellten Arbeiterschicht. "Ich sehe das auch als Möglichkeit, Universität demokratischer zu machen und alle Schichten zu erreichen", sagt Süreyya.

(Bild: Twitter/Sokak Akademisi)

Von den Studenten wird die alternative Uni gut aufgenommen – etwa 100 Personen nahmen an der Vorlesung am vergangenen Sonntag teil. "Wir haben eine riesige Unterstützung unserer Studenten – ganz unabhängig von ihren politischen Einstellungen", sagt Süreyya.

Unter dem Hashtag #HocamaDokunma ("Rühr meine Dozenten nicht an") zeigen sich junge Menschen auf Facebook oder Twitter solidarisch mit ihren Dozenten und organisieren Demonstrationen.

Vergangene Woche besetzten sie das Universitätsgelände in Ankara und forderten die Wiedereinstellung ihrer Professoren. Die vom Universitätsdekan gerufene Polizei ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstranten vor.

Die Straßenakademie hat bisher zwar noch keine Drohungen oder Polizeireaktionen erhalten. "Trotzdem halten wir unsere Vorlesungen kurz und machen keine offensive Werbung, um die Aufmerksamkeit der Polizei nicht auf uns zu ziehen", berichtet Süreyya.

Während viele türkische Akademiker im Moment versuchen, das Land zu verlassen, kommt das für die Straßenakademiker nicht in Frage. Süreyya sagt:

"Natürlich hoffen wir, dass diese Projekte und die Proteste etwas verändern können. Wenigstens werden wir uns nicht vorwerfen müssen, an diesem Zeitpunkt der Geschichte geschwiegen und nichts unternommen zu haben. Wir sind auf der Straße und wir werden sie nicht mehr verlassen."


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Facebook will jetzt die Krisen der Welt beenden

17.02.2017, 09:07 · Aktualisiert: 17.02.2017, 10:25

Was ist passiert?

In einem sehr ausführlichen Post hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu einer globalisierten Gemeinschaft bei Facebook aufgerufen – um Ungerechtigkeiten im Bereich Gesundheit und Infrastruktur zu bekämpfen und mehr Menschlichkeit zu zeigen.

Statt wie bisher vor allem Freunde und Familien zu vernetzen, will das Unternehmen in Zukunft verstärkt auf ziviles Engagement setzen – alle Gesellschaftsschichten sollen mit eingeschlossen werden. (axios.com/ zeit.de)