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Gerechtigkeit

Junge Menschen in Ostdeutschland: So kämpfen wir gegen Fremdenhass

19.05.2017, 11:48 · Aktualisiert: 19.05.2017, 16:58

Die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe steigt rasant. Es gibt Brandanschläge, Hetzjagden, Tötungsdelikte.

Am stärksten steigt sie in Ostdeutschland (tagesschau). Ein Forscherteam des Göttinger Instituts für Demokratieforschung wollte deshalb jetzt herausfinden, wie tief die rechtsextremen Einstellungen in der Gesellschaft verankert sind.

Sie untersuchten drei Orte: Freital, Heidenau und den Erfurter Stadtteil Herrenberg. Und benannten verschiedene Faktoren, die dazu führen können, dass sich jemand eher rechts orientiert. Zum Beispiel das Gefühl, gedemütigt zu werden, ein Mangel an politischem Wissen, oder ein Streben nach Ordnung. (Spiegel Online)

Jetzt könnte man sich die Studie angucken und einfach deprimiert ins Netflix-Universum verschwinden. Oder eben erst recht was machen.

Wir haben vier Leute in Ostdeutschland gefragt, wo sie sich engagieren – und was sie uns empfehlen.

Jeder Mensch, der auf die Straße geht, setzt ein Zeichen
Tobias Wallrath, 19, findet, dass Engagement gegen rechts für jeden anders aussehen kann

(Bild: privat)

In Mecklenburg-Vorpommern ist Rechtsextremismus leider sehr präsent. Bei Landtags- und Kommunalwahlen sieht man auf den Dörfern an jedem Laternenpfahl NPD-Plakate. Und dann gibt es noch rechte Demonstrationen und die freie Kameradschaftsszene. Mir war früh klar, dass ich etwas gegen Faschismus und Rassismus in meiner Heimat tun will. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mit 14 Jahren den Jusos beigetreten bin.

In meiner Heimatstadt Stralsund habe ich mich bei Rock gegen rechts und bei "Stralsund für alle" beteiligt. Seit ich fürs Studium nach Magdeburg in Sachsen-Anhalt gezogen bin, engagiere ich mich bei dem überparteilichen Aktionsnetzwerk Block Magdeburg, dass sich gegen rechte Aufmärsche in Magdeburg wendet

Ich glaube, dass viele junge Menschen Angst haben, auf Demonstrationen zu gehen. Viele denken bei Demos gegen rechts an Linksradikale, die mit Steinen schmeißen. Oder sie denken, dass schon genügend andere Menschen auf die Straße gehen. Das stimmt nicht. Das ist wie beim Wählen: jede Stimme zählt und jeder Mensch, der auf die Straße geht, setzt ein Zeichen.

Engagement gegen rechts kann aber für jeden anders aussehen. Es hilft schon, sich zu informieren. Damit man in der Lage ist, zu widersprechen, wenn man im Alltag auf rechte Vorurteile stößt.

Ich kann Stendal nicht zur Weltoffenheit bekehren
Dorothea Lübbe, 30, leitet ein Theaterprojekt für Geflüchtete und Deutsche am Theater der Altmark in Stendal

(Bild: Privat)

Kleinstädte sind schwierige Orte. Man muss sich hier anders mit Rechtsextremismus und auch mit Geflüchteten auseinandersetzen als in einer Großstadt, wo man einfach aneinander vorbei leben kann.

Mein Projekt setzt deshalb im Kleinen an. Ich kann Stendal damit nicht zur Weltoffenheit bekehren, aber den Anspruch habe ich auch nicht. Ziel ist es, dass eine Gruppe entsteht und gemeinsam etwas erschafft, was in der Öffentlichkeit gezeigt werden kann.

Ich arbeite mit 14 Schauspielern zusammen, die aus vier verschiedenen Ländern kommen und alle in Stendal leben: Geflüchtete aus Iran, Syrien, Afghanistan und Studenten aus Deutschland. Gemeinsam entwickeln wir ein mehrsprachiges Theaterstück. Am Ende sollen die Zuschauer ein Bild davon bekommen, wie die Schauspieler auf Stendal blicken.

Gefördert wird das Ganze über "Dehnungsfuge – auf dem Lande alles dicht?". Die Initiative will strukturschwache Regionen beleben. In Stendal gibt es noch weitere Projekte, zum Beispiel eine Percussion-Gruppe, Tanzworkshops oder einen Nähworkshop. 

Ich glaube, jeder kann sich im Kleinen engagieren. Hier in Stendal gibt es zum Beispiel Geflüchtete, die gerne Basketball spielen würden, aber sie finden niemanden. Man muss einfach mit offenen Augen durch die Welt gehen und gucken, welche Bedürfnisse es gibt – und wie man da mit seinem Können etwas verändern kann.

Die Hemmschwelle ist gesunken
Robert Kusche, 34, arbeitet für die Opferberatung rechter Gewalt des RAA in Sachsen

(Bild: Robert Kusche)

Wir stehen Opfern von rechter Gewalt zur Seite: mit rechtlichen Informationen, durch die Begleitung zur Polizei oder mit einer psychosozialen Beratung. Was und wie etwas passiert entscheidet dabei ganz alleine der oder die Betroffene.

Die rechtsmotivierte Gewalt ist in Sachsen seit zwei Jahren massiv angestiegen. Allein 2016 haben wir 437 Angriffe gezählt – davon waren ganze 306 rassistisch motiviert und in 53 Fällen Asylunterkünfte das Ziel. Auch wegen der Flüchtlingskrise. Allerdings hatten wir in Sachsen auch schon lange vorher ein Problem mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit: Rassistische Schmierereien und Aufkleber auf der Straße, Hassparolen im Internet, regelmäßige Demos. Der Rechtsextremismus wird hier nicht nur hinter verschlossenen Türen besprochen. Die Hemmschwelle ist gesunken, mittlerweile werden sogar vermehrt Kinder und Jugendliche angegriffen.

Deswegen ist es wichtig, dass wir aufmerksam und sensibel für rechte Gewalt bleiben. Wir müssen den Betroffenen zeigen, dass wir sie unterstützen und im Falle eines Angriffes auch einschreiten. Doch ist das manchmal leichter gesagt als getan. Ich habe einen riesigen Respekt vor den Menschen, die sich vor allem in lokaleren Gegenden gegen die Fremdenfeindlichkeit engagieren – denn oft werden sie dadurch selber zur Zielscheibe. 

Dennoch: Unser Engagement ist wichtig. Wenn man sich einer bestehenden Initiative anschließt und nur die nötigsten Informationen von sich preisgibt, ist man schon sicherer. Ansonsten kann man sich ja auch online engagieren – wie es zum Beispiel Straßengezwitscher macht.

Am wichtigsten ist es, bei der Familie, bei Freunden oder auf der Arbeit klar Stellung zu beziehen
Konrad*, 20, hat vor zwei Jahren die Facebook-Seite "Heidenau ist bunt" mitgegründet

Fährt man mit dem Fahrrad durch einen Park in Heidenau ist es sehr wahrscheinlich, dass man zum Beispiel Menschen in Thor-Steinar-Klamotten sieht (Anm. d. Red.: Ein Modelabel, das als Erkennungszeichen extremer Rechter gilt). Kommt man mit ihnen ins Gespräch, erzählen sie gerne von den ganzen Islamisten, die angeblich zu uns kommen würden.

Mit "Heidenau ist bunt" wollen wir zeigen, dass man mit "den Fremden" auch reden kann – und sollte. 

Wir posten Fotos von Flüchtlingsheimen, damit die Leute sehen, dass das ganz und gar keine Luxusunterkünfte sind. Wir reden mit den Bewohnern, erzählen ihre Geschichten und zeigen Möglichkeiten, wie man sich miteinander austauschen kann, zum Beispiel in Begegnungscafés. Oder wir begleiten Aktionen, die sich gegen den Rechtsruck in Heidenau stellen, wie etwa das Willkommensfest kurz nach den Ausschreitungen 2015.

Trotzdem fühle ich mich unwohl dabei, öffentlich zu zeigen, dass ich die Facebook-Seite mit gegründet habe. Die rechte Szene ist gut vernetzt und ich habe auch schon mal Bekanntschaft mit denen gemacht. Nichts Schlimmes, es kam nicht zu Gewalt, aber ich habe dabei einfach kein gutes Gefühl.

Am wichtigsten ist es, bei der Familie, bei Freunden oder auf der Arbeit klar Stellung zu beziehen. Auch mal sagen "Hey, es ist nicht ok, was du da gerade sagst". Initiativen sind auch gut, wie etwa die Begegnungscafés, aber ich glaube, diejenigen, die schon eine feste Meinung haben, erreicht man damit nicht. Dafür brauchen wir persönliche Gespräche.   

*Konrad heißt eigentlich anders und möchte in diesem Artikel, wie im Text beschrieben, anonym bleiben

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Fühlen

HIV-Forscher: Es gibt einen Charlie-Sheen-Effekt

19.05.2017, 11:16

Am 17. November 2015 war Charlie Sheen so mutig wie wahrscheinlich selten in seinem Leben. In der "Today"-Show des US-Senders NBC erklärte der für seine Skandale bekannte Schauspieler vor Millionen Fernsehzuschauern, dass er sich mit dem HI-Virus infiziert hat.

Die Entscheidung, seine Krankheit öffentlich zu machen, fiel nicht ganz freiwillig. Vor dem Outing hatten Klatschblätter tagelang über eine mögliche HIV-Infektion spekuliert. Auch erklärte Sheen, von einer Prostituierten erpresst worden zu sein, die seine Medikamente fotografiert hatte. Dem wollte er ein Ende bereiten.