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Gerechtigkeit

Wie soziale Netzwerke helfen, über sexuelle Gewalt zu sprechen

08.01.2016, 18:40 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

#WhyISaidNothing

Als Linda Kirkpatrick ihrer Mutter von der Vergewaltigung erzählt, rät diese ihr den Mund zu halten. "So läuft das eben in Hollywood“, sagt sie. Gegen einen Bill Cosby würde Kirkpatrick keine Chance haben. Niemand würde ihr glauben. Niemals. Das war 1981. (SPIEGEL ONLINE)

Heute haben wir Twitter, Instagram und Facebook. Die Möglichkeiten, über sexuelle Übergriffe zu kommunizieren, sind nicht mehr technisch begrenzt. Genau das hat alles verändert.

Schamgefühle, Stigma, Zweifel: Es hat verschiedene Gründe, warum Opfer von sexuellem Missbrauch schweigen. Oft steht Aussage gegen Aussage, manche haben Angst vor der Bürokratie, andere wollen die Tat vergessen. Möglichst schnell.

Immer wieder hört man auch von “Rape Culture”. Gemeint ist damit eine Gesellschaftskultur, in der viele Männer meinen, einen Anspruch auf den weiblichen Körper zu haben. Dazu gehört auch, dass sie entscheiden, was mit dem weiblichen Körper getan werden darf und was nicht.

Vielen Frauen wird nicht nur nicht geglaubt, wenn sie den Vorfall bei der Polizei melden, es schwingt zusätzlich ein Vorwurf mit: "Du hast es doch gewollt!“

(Bild: gettyimages.de / Scott Barbour )

Als Cosby die ersten Frauen missbraucht haben soll, war das, was er tat, noch nicht einmal als sexuelle Gewalt bekannt. Die gängige Vorstellung einer Vergewaltigung implizierte die Geschichte einer jungen Frau, die auf dem Heimweg von einem Fremden ins Gebüsch gezerrt wird.

"Hast du denn keine Angst, ganz allein?"

Wer nachts unterwegs ist, und zufällig dem weiblichen Geschlecht angehört, der darf sich über solche Fragen nicht wundern. Mehr dazu findet man im Blog von der Journalistin Olja Alvir.

Daran glauben auch heute noch viele. Was gerne vergessen wird: Die meisten Vergewaltigungen finden nicht in dunklen Korridoren auf offener Straße statt, weil es die Frau gewagt hat, betrunken von einer Party nach Hause zu laufen. Die Täter sind Bekannte und Freunde. In Deutschland wird rund jede vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt, das zeigt eine repräsentative Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004.

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Auch Kirkpatricks kannte Cosby. Er soll ihr Drogen zugeführt und sich danach auf sie gelegt haben, da war sie bereits bewusstlos. So erzählt sie es. Als die Frau schließlich im Januar 2015 Mut fasst und zu einem Rechtsanwalt geht, erhält sie eine ähnliche Antwort wie damals von ihrer Mutter: Es gäbe keine Beweise, außerdem sei der Fall verjährt.

Heute werfen insgesamt 46 weitere Frauen Bill Cosby sexuelle Vergehen vor. Die Staatsanwaltschaft in Los Angeles entschied am 7. Januar, in zwei der Fälle keine Anklage zu erheben. Sie seien verjährt. (SPIEGEL ONLINE)

Hier spiegelt sich das Dilemma wider, wie die Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht: Es braucht erst eine Masse an Stimmen, um Ungerechtigkeit auch als solche wahrzunehmen. Indem Freunde, Familienmitglieder oder Polizeibeamte Rape Culture leugnen, nehmen sie denjenigen die Stimme, die sich nicht zu den Taten äußern können, weil sie zum Beispiel traumatisiert sind.

Viele Frauen, denen ähnliches passiert ist wie Kirkpatrick, fühlen sich erst durch Social Media ermächtigt, öffentlich über ihren Missbrauch zu sprechen. Das liegt auch daran, dass in den vergangenen Jahren vermehrt junge Frauen im Netz über sexuelle Übergriffe (STORIFY) sprechen. Denn Social Media ist für Betroffene zu einer Plattform geworden, über die sie ihre Erfahrungen einer breiten Masse zugänglich machen können, ohne von bürokratischer Seite abgewiesen und entmutigt zu werden.

Menschen berichten unter Hashtags wie #WhyISaidNothing, #IBelieveYou oder #Aufschrei über strukturellen Sexismus und stoßen damit Debatten zu einvernehmlichem Sex (FEMINSPIRE), Revenge Porn und Rape Culture an. Sie helfen dadurch, Vorurteile, Stereotype, Mythen zu hinterfragen, bestenfalls zu widerlegen.

Einzelfälle sind plötzlich keine Einzelfälle mehr. Die betroffenen Frauen stehen nicht mehr allein da, wenn sie sich mit anderen solidarisieren, über ihre Traumata sprechen. Ihre Tweets und Post werden gelikt, geteilt, oft von Journalisten aufgegriffen und weiter verarbeitet.

Je mehr ein Post verbreitet wird, desto legitimer scheint plötzlich die Aussage. Erst kürzlich brachte Twitter eine Debatte über den Schuldspruch eines Polizisten hervor, der über ein Dutzend Frauen vergewaltigt hatte. (GUARDIAN) Ende Dezember postete die amerikanische Komikerin Beth Stelling ein Foto auf Instagram, das ihre mit blauen Flecken übersäten Arme und Beine zeigt: Ihr damaliger Freund hatte sie vergewaltigt und missbraucht. Auch die Pornodarstellerin Stoya nutzte Twitter, um aufzuzeigen, dass ihr Partner James Deen sie sexuell belästigt hat. (SLATE)

Beth Stelling über die Bedenken, den Missbrauch öffentlich zu machen

"Weil er mein Vorgesetzter war & wer glaubt schon der ‘hässlichen Dicken’" @Kleinstadtsissi

Ende Dezember wurden unzählige Tweets zum Thema verfasst. Die Re-Initiatorin des hashtags #WhyISaidNothing, Bloggerin und Journalistin Marlies Hübner, möchte zeigen, dass es "uns gibt; dass wir viele sind und eine Stimme haben“. Auf vice.com schreibt sie: “Zu schweigen heißt zu einem gewissen Teil auch, es zu akzeptieren. Ich möchte nicht akzeptieren, möchte nicht hinnehmen, dass Derartiges unzählige Male geschieht.”

Soziale Netzwerke legitimieren die Aussagen von Menschen, denen vorher nicht richtig zugehört wurde. Sie schwemmen Themen an die Oberfläche, die es davor nicht in den Fokus der Mainstream-Presse geschafft hätten.

Mit dem wachsenden Einfluss von Facebook, Snapchat und Twitter wird es zunehmend schwerer, Aussagen wie "Sie lügt" oder "Sie hat es doch selbst so gewollt“ ernst zu nehmen. Denn kein Mensch hat danach gefragt oder darum "gebettelt“, Gewalt zu erfahren. Durch Tweets entwickeln Kollektiverfahrungen das Potential, um die Welt zu gehen und den Blickwinkel der Menschen zu verändern. Wahrheiten werden Viral Content.

Wobei genau hier auch die Gefahr liegt: Kein Richter hat Bill Cosby bislang verurteilt. Tatverdächtige können diskriminiert und voreilig schuldig gesprochen werden, wenn sich etwaige Falschmeldungen durch Social Media Kanäle wie von selbst verbreiten. Der dadurch entstandene Imageschaden hält meist ein Leben lang an. Und natürlich sind Männer nicht per se böse und durch ihre unkontrollierbaren "Instinkte" dazu angehalten, andere Lebewesen zu vergewaltigen.

30 Jahre später helfen die neuen digitalen Möglichkeiten den vergessenen Opfers Cosbys. Dass die Fälle gerade jetzt neu aufgerollt werden, ist kein Zufall. Die Betroffenen möchten sich nicht länger vorschreiben lassen, wie sie über den erfahrenen Missbrauch zu sprechen haben. (MEDIUM) Autorin Sarah Berger möchte andere Menschen vor allem sensibilisieren: "Gewalt und Grenzüberschreitungen jeglicher Form sind Verletzungen gegen das Mensch-sein an sich, und das betrifft jeden Menschen, selbst wenn er solche Erfahrungen nicht persönlich gemacht hat."

Onlineaktivismus findet eben nicht in einer diffusen Parallelwelt statt, die unseren Alltag nur am Rande streift. Die angesprochenen Themen tragen langfristig dazu bei, Rape Culture zu reflektieren und im besten Fall: sogar ganz abzuschaffen. Bis dahin bleibt es wichtig, jenen zuzuhören, die jahrelang geschwiegen haben. Aus Angst vor der Reaktion ihres beruflichen Umfelds, ihrer Freunde, ihres Partners.

Jene zu respektieren, die heute den Mut haben, mit ihrem Gesicht und Namen über Vorfälle zu berichten, die sie nicht provoziert haben. Es ist ein politischer Akt, der Frauen weltweit zeigen soll: Ihr seid nicht alleine.