Bild: dpa/Daniel Reinhardt

Gerechtigkeit

"Mir ist schlecht geworden" – Michel Abdollahi rechnet mit der AfD und "besorgten Bürgern" ab

07.06.2016, 17:24 · Aktualisiert: 11.06.2016, 13:27

Wir haben mit dem Künstler über seinen wütenden Facebook-Post gesprochen.

Michel Abdollahi ist Deutscher. Und Muslim. Und im Iran geboren. Das geht, es ist sogar fast normal: Immerhin rund 20 Prozent der deutschen Bevölkerung hatte 2014 ausländische Wurzeln (Statistisches Bundesamt). Trotzdem sind offenbar noch nicht alle Deutschen in dieser neuen Realität angekommen. Im Alltag haben Muslime mit plumpen Vorurteilen zu kämpfen, auch Michel Abdollahi kennt das. Immer wieder ärgert er sich darüber.

Jetzt hat er deswegen bei Facebook einen langen, wütenden Post veröffentlicht, in dem er sich über die AfD und "besorgte Bürger" aufregt. Mehr als 4000 Menschen haben den Text bereits geteilt oder gelikt.

Beim NDR mimt Michel Abdollahi, 35, den Reporter für "kulturelle Kuriositäten". In die Fußgängerzonen stellt er sich mit einem Schild, darauf steht: "Ich bin Muslim, was wollen sie mir sagen?" Es sind auch die Vorurteile ganz normaler Bürger, die Abdollahi mit solchen Aktionen entlarvt (mehr dazu hier bei bento). Jüngst zog er für vier Wochen ins mecklenburgische Jamel und versuchte dort mit Nazis ins Gespräch zu kommen. Mit der Reportage gewann er den Deutschen Fernsehpreis.

Abdollahis Filme spiegeln vor allem eine Frage: Wie normal ist es, Muslim zu sein und gleichzeitig Deutscher? Mit feinem Humor zeigt Abdollahi, dass auch er zu Deutschland gehört. Genau darum geht es auch in seinem Post.

Was war passiert?

Eine Diskussion unter einem Facebook-Post der Bundesregierung ist der Grund für Abdollahis wütenden Post. Einige deutsche Muslime fasten, seit Montag der islamische Fastenmonat begonnen hat (bento). Das Social-Media-Team der Bundesregierung nutzte die Gelegenheit und wünschte ihnen Sonntag auf Twitter und Facebook einen gesegneten Ramadan.

Morgen beginnt der Fastenmonat der Muslime: #Ramadan. Für etwa 1,6 Milliarden Menschen weltweit und vier Millionen...

Posted by Bundesregierung on Sunday, June 5, 2016


Neben vielen dankbaren Kommentaren kam vor allem eines zurück: Hass.

Viele Facebook-Nutzer griffen die Bundesregierung direkt an, beleidigten Muslime und echauffierten sich über den kleinen Gruß an die fastenden Muslime. Auf Twitter war es ähnlich.

Der Tenor:

Und:

Dabei wünscht die Bundesregierung zu Feiertagen aller Religionen ein frohes Fest.

Wir wünschen ein frohes #Chanukka-Fest!

Posted by Bundesregierung on Monday, December 7, 2015

In seinem Post bezieht Abdollahi klar Stellung, er schreibt:

"Hunderte Kommentare und Tweets 'besorgter Bürger' zeigen das Gesicht eines Deutschlands, wie ich es nicht kenne. Wo leben all diese Leute, die so viel Hass und Wut in sich tragen, die gar nicht davor zurückschrecken, die Regierung auf das ekelerregendste zu beschimpfen und zu beleidigen?"

Und weiter:

"Und ich muss sagen, ja, ich bin sehr stolz darauf Teil dieser Gemeinschaft und dieser Nation zu sein, auch wenn einige mich hier nicht haben wollen. Aber vor allem bin ich glücklich in einem Land leben zu können, das sich den Luxus erlauben kann, Minderheiten zu ihren religiösen Feiertagen zu gratulieren.

Auch wenn die große Mehrheit der in Deutschland leben Muslime rein gar nichts mit dem Ramadan am Hut hat, ist es trotzdem schön, dass die in unserem Grundgesetz verankerten Werte, für die so viele Menschen gekämpft und gestorben sind, auch tatsächlich von unserer Regierung gelebt werden."

Anschließend schreibt Abdollahi über die AfD:

"Herr Gauland, vielleicht sollten sie mal mit Dr. Frauke Petry in eine Diktatur fahren und schauen, wie es da wirklich ist. Dort wird keiner Minderheit zu irgendetwas gratuliert, da werden Minderheiten einfach inhaftiert, weggesperrt und manchmal auch umgebracht."

Hier kannst du den gesamten Post nachlesen:

Die Bundesregierung gratuliert den Muslimen in Deutschland zum Ramadan. Auf Twitter (http://tinyurl.com/zt7dz2c) und auf...

Posted by Michel Abdollahi on Monday, June 6, 2016


Wir haben mit Michel Abdollahi über seinen Post und die Stimmung in Deutschland gesprochen:

(Bild: dpa/Daniel Reinhardt)

Michel, warum hast Du so einen emotionalen Post geschrieben?

Als ich mir die Reaktionen auf Facebook und Twitter durchgelesen habe, wurde mir, wie so oft, richtig schlecht.

Als ich mir die Reaktionen auf Facebook und Twitter durchgelesen habe, wurde mir, wie so oft, richtig schlecht. Da dachte ich mir, dass ist doch ein wunderbarer Anlass wieder einmal die Aussetzer der letzten Woche von AfD und Co. kurz zusammenzufassen.

Was bedeutet der Ramadan für Dich persönlich?

Als ich noch etwas jünger war, habe ich am Ramadan gefastet, es war für mich eine Mischung aus Selbstfindung, der Suche nach dem eigenen religiösen Verständnis und auch Protest gegen meine Eltern, die mit dem Ramadan überhaupt nichts anfangen konnten und es eher belächelt haben. In meiner Brust schlagen zwei Herzen und manchmal habe ich das Bedürfnis, das iranische Herz auch mal reden zu lassen.

Zudem war es für mich ein Mission, auf meinen Glauben aufmerksam zu machen, Ängste zu nehmen und zu erklären, was das Fasten überhaupt soll. Ich habe regelmäßig während meiner Veranstaltungen das Fastenbrechen auf der Bühne begangen, über den Islam erzählt und persische Lyrik vorgetragen. Eine Art Einladung zum Dialog. Hat super funktioniert. Die letzten Jahre ist meine Frömmigkeit etwas abhanden gekommen, leider. Ich habe den Ramadan nämlich immer als eine sehr schöne und intensive Zeit in Erinnerung.

In der Fotostrecke: So geht Ramadan

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Wie bewertest du die verbalen Attacken der AfD auf die Nationalspieler so kurz vor der EM?

Ich denke, Alexander Gauland müssen wir als grenzdebil abtun.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die AfD nichts verändern will, sondern bewusst provoziert, um permanent im Gespräch zu bleiben. Jetzt wo die Flüchtlinge erstmal ausbleiben, muss irgendwie anders Aufmerksamkeit her. Da ist es naheliegend die EM zu nehmen, um so die Hetze fortzuführen.

Ich denke, Alexander Gauland müssen wir als grenzdebil abtun, das hat er bei Anne Will eindrucksvoll bewiesen. Ich hatte den Eindruck, er wisse gar nicht, wo er ist. Frauke Petry hingegen twittert erst, dass sie Boateng super findet, um ein paar Tage später auszuführen, dass Özil doof ist, weil er nach Mekka fährt.

Ich erkenne da nur eine Strategie: Wie schaffe ich es, dass alle über mich reden? Ich provoziere größtmöglich. Und die Anhänger machen es den Parteiführern gleich. Warum auch nicht? Es wird ihnen ja vorgelebt. Nur lässt sich so relativ schwer ein Land regieren.

Gibt es Situationen in Deinem Alltag, in denen Du merkst, dass nicht alle Deutschen Verständnis für muslimische Kultur haben?

Ich erwarte von keinem Verständnis für irgendetwas. Ich habe aber ein Problem, wenn sich Unverständnis in Hass wandelt.

Ja, jeden Tag, immer dann, wenn ich nicht in meinem Biotop unterwegs bin. Ich werde in letzter Zeit ziemlich oft gefragt, warum “wir” Muslime unsere Frauen unterdrücken und ihnen das Kopftuch aufzwingen. Ich für meinen Teil zwinge niemandem etwas auf, kenne auch keine muslimische Frau persönlich, die unterdrückt wird und es wurde mir auch nicht so beigebracht.

Die Frage ist berechtigt, die Verallgemeinerung aber nicht und damit habe ich ein Problem. Diese vorgeschobene “Angst” ist in letzter Zeit deutlich zu spüren. Ich erwarte von keinem Verständnis für irgendetwas. Ich habe aber ein Problem, wenn sich Unverständnis in Hass wandelt.

Du schreibst, dass die Äußerungen der AfD-Politiker Menschen enthemmen würden.

Rassismus ist wieder salonfähig geworden.

Ja, Rassismus ist wieder salonfähig geworden. Es gilt teilweise wieder als mutig, wenn man sich rassistisch äußerst, weil man ja damit vermeintlich bloß die Wahrheit ausspricht, die andere sich nicht trauen auszusprechen. Wo aber der Politiker mit Kalkül handelt, handelt der kleine Mann einfach nur dumm. Ich kann es ihm aber nicht verdenken, seine Vorbilder benehmen sich ja auch völlig daneben, warum soll er dann Taktgefühl beweisen!

Und nun haben wir sie, die völlig enthemmte Gesellschaft. Da versteht der Bürger natürlich nicht, warum Seehofer poltern darf, es aber gleich verfassungsfeindlich ist, den Bus zu stoppen oder den Flüchtling an den Baum zu binden. (Die Hintergründe des Vorfalls bei bento)

Aus Unverständnis wird Frust, aus Frust wird Hass und da steht dann der Rattenfänger auch schon hinter der nächsten Straßenecke und sagt, komm zu uns, hier darfst du alles, denn du hast Recht! Was folgt sind Schießbefehl und Hetze.

Die AfD wolle nichts verändern, sondern bewusst provozieren, sagt Michel. Wie sehen das andere junge Menschen? Wir haben nachgefragt (Antworten in der Fotostrecke):

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Zum Glück hetzt nicht jeder gegen Muslime. Wir haben die Flüchtlingshelfer vom Hamburger Hauptbahnhof getroffen.

So erleben junge Muslime den Ramadan:

Lass uns Freunde werden!

Gerechtigkeit

Wegen dieses Facebook-Posts wurde eine Schülerin jetzt verurteilt

07.06.2016, 16:23

Es waren nur drei Worte, die eine Düsseldorfer Schülerin auf Facebook postete: "Behinderter Lehrer ever". Dazu veröffentlichte sie ein Bild des 64-Jährigen, das sie heimlich im Unterricht von ihm gemacht hatte. Der Lehrer ärgerte sich so sehr, dass er Anzeige gegen die 14-Jährige erstattete. Nun ist die Schülerin wegen Beleidigung zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden.