Bild: dpa/Patrick Pleul

Gerechtigkeit

Ihr Alten habt uns verdorben!

28.04.2016, 11:41 · Aktualisiert: 28.04.2016, 16:48

Was die Sinus-Studie wirklich über die Jugend verrät.

Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören: Dieses ewige Gerede über die "blasse, angepasste" Jugend von heute. Das ständige Gejammer über diese ach so egoistischen, jungen Menschen, die sich nicht mehr engagieren würden, denen Politik egal sei und deren orgiastischste Glücksvorstellung in einem Reihenhaus läge, vor dem ein frisch geputzter Volvo steht und ein angeleinter Dackel die Stare im Kirschbaum ankläfft.

Da ist über die Jüngsten der sogenannte Generation Y die Rede von "traurigen Strebern", von den "neuen Spießern", von den "Verunsicherten" und den "Planlosen".

Es scheint kein Schimpfwort aus der Mottenkiste der Revolutionsromantik zu geben, mit denen junge Menschen in den vergangenen Jahren nicht verunglimpft wurden. Meist kommen die Vorwürfe von jenen, die es bereits geschafft haben, die Karriereleiter hoch zu klettern.

Und eigentlich müssten gerade die Älteren doch wissen, was in diesem Land so furchtbar schief läuft. Welche Verhältnisse jene jungen Menschen formten, die nun jeder pensionierte Kukident-Revoluzzer nach Belieben anpöbeln darf.

Die Wahrheit ist: Dieses Land gibt seinen jungen Menschen gar keine Chance mehr, Träume zu entwickeln. Schon sehr früh nämlich machen Jugendliche in Deutschland Bekanntschaft mit dem allgegenwärtigen Leistungs- und Konkurrenzdruck. Und vielen macht das schon zu schaffen, bevor sie überhaupt erwachsen werden können.

Die Leistungsgesellschaft formt sich ihre Jugend

Wer das nicht glauben will, kann das in der am Dienstag vorgestellten "Sinus-Jugendstudie" nachlesen. Auf knapp 500 Seiten werten darin renommierte Wissenschaftler eine ganze Reihe von Interviews aus, die mit 14- bis 17-Jährigen geführt wurden. (Sinus-Jugendstudie)

Dieses Land gibt seinen jungen Menschen gar keine Chance mehr, Träume zu entwickeln.

Einige der Ergebnisse sollten unseren Eltern, also die sogenannten "Babyboomer", Sorgen machen: So wissen beispielsweise Jugendliche aus dem Milieu der "Prekären" sehr wohl, dass Bildung heutzutage der Schlüssel zum Erfolg ist. Aber genauso gut ist ihnen klar, dass sie niemals die nötigen Abschlüsse erreichen werden, um das von ihnen so ersehnte Leben in finanzieller Sicherheit zu führen.

Anders gesagt: Die Babyboomer sind dabei, eine ganze Generation von jungen Menschen aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen zu produzieren, die an den Anforderungen verzweifeln, die an sie gestellt werden.

Doch das ist noch nicht alles.

Auch die jungen "Bürgerlichen" haben Angst. Vor allem davor, dass es mit der geradlinigen Bildungskarriere nichts werden könnte. Dass irgendwann einmal was schief geht, dass eigenes "Versagen" dazu führt, die Lebensplanung durcheinander geraten zu lassen.

Der Trend zur Angepasstheit ist eigentlich nur Heuchelei

Und dann wundern sich alle, wenn die Studie zu dem Schluss kommt, dass es einen Trend zum "Neo-Konventionalismus" gäbe: Immer weniger Abgrenzung zu den Eltern, das Verschwinden der "Jugendkulturen" und die Bereitschaft, sich Normen und Werten der Gesellschaft anzupassen.

Was für eine Heuchelei.

Denn in Wahrheit sind es doch die Erwachsenen von heute, die das Vorbild für die nächste Generation leben. Sie machen den Jüngeren gerade vor, wie es funktioniert, erfolgreich zu sein. Sie prägen ein System, dass immer nur nach mehr Leistung schreit. Und sei es nur dadurch, dass die Erwachsenen diesem System nicht energisch genug entgegentreten.

Unsere Eltern glauben doch selbst nicht mehr an Visionen für eine bessere Zukunft. Und dann erwarten sie, dass die nächste Generation dann wie aus dem Nichts mit neuen Ideen die Welt verändert? So lange es nicht gelingt, Kinder in diesem Land zu Freiheit und Individualität zu erziehen, ist der Rock'n'Roll tot. Und daran haben dann wir alle eine Mitschuld.


Gerechtigkeit

Wie das ägyptische Regime Demonstrationen unterdrückt

28.04.2016, 09:00 · Aktualisiert: 28.04.2016, 10:24

Schon wieder!

Stell dir vor, du spazierst eine Straße entlang, am Rand parkt ein Polizeiauto. Variante eins: Du gehst weiter, nichts passiert. Variante zwei: Polizisten halten dich an, schlagen dich und zwingen dich ins Auto.

In Ägypten geschieht in diesen Tagen wieder oft Variante zwei – wie in diesem Facebook-Video, das in arabischen Netzwerken seit gestern die Runde macht. In nur 24 Stunden hat es bereits mehr als 1,2 Millionen Klicks gesammelt. Es zeigt einen jungen Mann in blauem Hemd. Er läuft von links nach rechts durchs Bild. Plötzlich greifen Polizisten zu: