Gerechtigkeit

Wegen dieser Frau müssen Kinder in Simbabwe nicht mehr heiraten

04.10.2017, 11:28 · Aktualisiert: 04.10.2017, 12:31

Als das Kind in Loveness' Bauch so groß war, dass man ihr die Schwangerschaft ansehen konnte, schnürte sie sich Tücher um den Bauch, um ihn kleiner zu machen. Sie war 16, ging noch zur Schule und wollte auf jeden Fall verhindern, dass sie den Mann heiraten musste, mit dem sie zuvor geschlafen hatte.

Doch weil es ein Gesetz in Simbabwe bis vor zwei Jahren noch erlaubte, Minderjährige miteinander zu verheiraten, hatte Loveness keine eine Chance. Ihre Mutter erfuhr von dem Baby, als Loveness im sechsen Monat war und der Bauch sich nicht mehr verstecken ließ.

Loveness heirate – doch noch am selben Tag nahm sie sich vor, von nun an gegen die in afrikanischen Ländern gängige Kinderheirat zu kämpfen. "Ich will, dass Frauen selbst entscheiden können, mit wem sie zusammen sind", dachte sie sich. 

Heute ist Loveness 22 Jahre alt. Hier erzählt sie, wie sie sich – und Simbabwe – in den vergangenen Jahren verändert hat.

Sie trägt einen hellen Pullover und die Haare hinten zusammen, ihr Blick ist wach, sie lächelt viel. Wir treffen uns in einem Hamburger Café, Loveness ist gerade auf Deutschlandbesuch. Das Kinderhilfswerk Plan International hat sie als Rednerin zu einem internationalen Stiftertreffen eingeladen, weil sie für etwas kämpfte, das sie in Simbabwe berühmt machte: Ihren Plan, das Verheiraten Minderjähriger zu beenden, setzte sie in die Tat um. 

Ihre Stimme ist fest, ihr Englisch tadellos. Man hört ihr an, dass sie schon auf Bühnen gestanden hat, um von ihren Träumen zu berichten. Davon, dass Kinder anders aufwachsen sollen als sie selbst.

Loveness, wie ging dein Leben weiter, nachdem du deine Schwangerschaft nicht mehr verstecken konntest?

Mir ging es schlecht. Ich war noch Kind und sollte Mutter werden. Und Ehefrau: Denn für meine Familie war klar, dass ich den Erzeuger heiraten muss. Doch wenn eine Frau in Afrika verheiratet ist, geht sie nicht mehr zur Schule und kaum noch aus dem Haus.

Sie ist dann für das Kinderkriegen zuständig, fürs Kochen. Mein Traum war es immer, Juristin zu werden. Ich hatte Panik, dass ich mich nie wieder frei fühlen würde. Aber es gab keine Diskussion, ich musste ich ihn heiraten. 

Simbabwe

  • ...ist ein Binnenstaat im südlichen Afrika.
  • ...wird seit 1987 von Robert Mugabe diktatorisch regiert.
  • ...hat etwa 13 Millionen Einwohner.
  • ...kämpft gegen Hunger, Arbeitslosigkeit und Energieknappheit.
  • ...liegt im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen auf Platz 155 – von 188 Ländern.

Wie habt ihr in Simbabwe gelebt?

Ich bin in einem armen Viertel in der Hauptstadt Harare aufgewachsen. Wir hatten ein kleines Haus, es gab kaum Wasser und Elektrizität. Wir kochten draußen über dem Feuer und holten Wasser von einer 300 Meter entfernten Wasserstelle. Meine Schwester und ich gingen zur Schule, meine Mutter war alleinerziehend und bis spät abends unterwegs. Sie arbeitete als Verkäuferin, verdiente aber nicht viel Geld.

Es gab keine Diskussion, ich musste ich ihn heiraten
Loveness

Wie fühlte es sich an, in dieser Situation plötzlich schwanger zu werden?

Ich fragte mich, ob es das nun war mit meinem Leben, meinen Träumen. Aber ich spürte auch Kampfeswillen in mir. Ich ging weiter zur Schule, schrieb die Prüfungen, die wichtig waren, um später die Uni besuchen zu dürfen. Gleichzeitig gab es zu Hause nicht mehr als zwei Mahlzeiten pro Tag. Wir frühstückten extra spät, damit man bis abends nicht zu hungrig ist.

Ich heiratete den Mann, der der Vater des Kindes in meinem Bauch war. Zum Glück war er gut zu mir. Wir feierten kein großes Fest, alles musste schnell gehen, weil ich schon so lange schwanger war. Danach zog ich zu meinem Mann, der mit seinen Eltern und Geschwistern in der Nachbarschaft lebte. 

Zwangsverheiratungen in Afrika

  • Kinderehen sind in vielen Teilen Afrikas seit Jahrzehnten verbreitet.
  • Laut Prognosen des UN-Kinderhilfswerks von 2015 wird die Zahl der zwangsverheirateten Mädchen bis 2050 auf 310 Millionen im Jahr steigen, wenn der aktuelle Trend anhält. Bis vor zwei Jahren waren es noch 125 Millionen.
  • Sollten diese Prognosen stimmen, würden in Afrika mehr Mädchen in Ehen gezwungen werden als in Asien (Zeit Online).

Was wäre passiert, wenn du ihn nicht hättest heiraten wollen?

Ich hätte zur Polizei gehen können, meinst du das? 

Ja, zum Beispiel.

Das hätte nichts gebracht. Die Polizei hätte zu den Erwachsenen gehalten, die nun einmal wollten, dass ich diesen Mann heirate. Wirklich, ich hätte nichts tun können, ohne verstoßen zu werden.

Wie ging es deinem Mann?

Er hatte keinen Job, war super frustriert. Es nervte ihn, dass er dem afrikanischen Ideal nicht entsprechen konnte, als Mann das Geld nach Hause zu bringen. Doch gleichzeitig war er sehr einfühlsam. Er verstand, wie wichtig mir Bildung war. Das rechne ich ihm hoch an. Er sagte immer: 'Loveness, du musst weiter zur Schule gehen!'

Simbabwe – einige Eindrücke von dem Land, in dem Loveness lebt:

Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
Plan International / Hartmut Schwarzbach
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Hast du das dann auch gemacht?

Ja. Ich bekam das Baby in einem Krankenhaus. Doch nichts hätte mich davon abhalten können, die Schule zu Ende zu bringen.

24 Stunden nach der Geburt lief ich fast einen Kilometer zu Fuß zur Schule, um das Examen zu schreiben. Ich wusste: Wenn in diesem Land endlich Schluss sein soll mit der Kinderheirat, dann brauche ich diesen Abschluss, sonst kann ich nichts erreichen.

Nichts hätte mich davon abhalten können, die Schule zu Ende zu bringen
Loveness

Hast du mit jemandem über deinen Plan gesprochen?

Um mich herum wurden alle Kinder verheiratet und bekamen Kinder. Manchmal wachte ich morgens auf, und die erste Nachricht des Tages war: Es ist wieder jemand schwanger! Oder: Es geht sich mal wieder jemand prostituieren, um überleben zu können! 

Das war sehr bedrückend, und so sprach ich mit meinen Freundinnen darüber. Wir redeten über Sex, unsere Männer und unseren Wunsch, etwas werden zu können. Ich erzählte den Leuten, dass ich die Kinderheirat eines Tages abschaffen werde. 

Und dann?

Wurde ich wieder schwanger.

Wie konnte das denn passieren?

In der Schule hatten wir kaum was über Verhütung und Sexualität gelernt. Es ging zwar um den menschlichen Körper, aber kaum um die Geschlechtsorgane. Außerdem war es nicht üblich, sich um Verhütungsmittel zu kümmern, sich überhaupt mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch mit dem zweiten Baby war mir und einer Freundin klar, ab jetzt für unsere Rechte einzustehen.

Wie habt ihr das gemacht?

Wir schlossen uns Organisationen an, die uns helfen wollten. Ich war und bin bis heute beim Kinderhilfswerk Plan. 

Wir trafen uns ein paar mal mit einem bekannten Anwalt, der bereit war, uns zu vertreten. Mit der Forderung nach Abschaffung der Kinderheirat zogen wir vors Verfassungsgericht. Und plötzlich waren wir im Land bekannt. 

Ich sah mein Gesicht im Fernsehen, im Radio liefen Sendungen über uns. Wir waren überall die, die das Gesetz ändern wollen.

Plan International

  • Das Kinderhilfswerk zählt neben Unicef, Terre Des Hommes, SOS-Kinderdorf, World Vision und einigen mehr zu den größten der Welt.
  • Es ist religiös und weltanschaulich unabhängig.
  • Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die UN-Kinderrechte – Plan setzt sich dafür ein, dass sie global angewandt und umgesetzt werden.
  • Mit der Bewegung "Because I Am A Girl" will Plan bis 2030 weltweit Mädchen stärken und ihre Rechte fördern.

Fanden die Leute das toll?

Meine Familie zum Glück schon. Aber viele Leute wünschten uns Böses. Sie meinten, ich stellte meine Familie bloß mit dem ewigen Gerede über ein Ende der Kinderheirat. Meine Nachbarin erzählte herum, dass ich niemals Erfolg haben werde und eine Schande sei. Es gab Tage, da hatte ich Angst, dass jemand unser Haus ansteckt. Ich hatte Angst um meine Kinder. Aber der Wille, was zu verändern, war größer.

Und dann kam der Tag, an dem das Gericht ein Verbot der Kinderheirat auf den Weg brachte.

Die Regierung erhöhte das Mindestalter für Hochzeiten für beide Geschlechter auf 18. Seit diesem Tag ändert sich so viel: Die Menschen erkennen die neue Regelung langsam an, sie setzt sich in den Köpfen fest. Viele Frauen freuen sich. Mittlerweile kann man ohne schlechtes Gewissen in ein Krankenhaus gehen und sagen: 'Ich hätte gern Verhütungsmittel.' 

Und wer der Polizei berichtet, dass seine Eltern ihn trotz der Änderung noch immer minderjährig verheiraten wollen, der kann auch hier auf Hilfe hoffen.

Man kann sich ohne schlechtes Gewissen Verhütungsmittel besorgen
Loveness

Und wie geht es dir heute?

Wir wohnen noch immer in dem Haus, sind noch immer verheiratet. Auch, wenn wir uns manchmal streiten: Ich will auf keinen Fall, dass meine Kinder mit getrennten Eltern aufwachsen.  Mein Mann ist leider noch immer frustriert: Er findet keinen Job. Dabei kennt er sich sehr gut mit Laptops aus. Er wäre ein wunderbarer Computer-Spezialist, wenn er noch eine Ausbildung dazu machen könnte. 

Ich gehe in Schulen und spreche dort über Verhütung und Sex. Mittlerweile gehe ich auch zur Uni und studiere soziale Arbeit.  Das erfüllt mich ein wenig mit Stolz, es spornt mich an, weiterzumachen. 


Gerechtigkeit

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