Gerechtigkeit

Die Siedlerin: Warum eine deutsche Jüdin im Westjordanland lebt

25.02.2016, 11:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:27

Chaya Tal, 24, behindert mit ihrem Wohnort den Friedensprozess. Für sie ist das Protest.

Hier in Alon Schewut, mitten im Westjordanland, hat vor wenigen Wochen ein palästinensischer Attentäter auf Autos geschossen, die sich an der Kreuzung stauten. Hier verschwanden vor rund eineinhalb Jahren drei Jugendliche beim Trampen, später wurden sie erschossen, angeblich von der Hamas. Hier in Alon Schewut schützen große Betonblöcke die Wartenden an der Bushaltestelle, damit kein Auto mehr in die Menge fahren und Menschen töten kann.

An dieser Haltestelle steigt Chaya Tal, 24, jeden Tag aus, wenn sie nach Hause kommt, von der Uni oder ihrem Studentenjob. Sie ist eine deutsche Siedlerin im Westjordanland und lebt seit rund einem Jahr in einem Wohncontainer, ihre Siedlung wird von Soldaten bewacht.

Im Slider: So lebt die Siedlerin

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In ihrem Blog "Ich, die Siedlerin" schreibt sie mehrfach pro Woche, organisiert Führungen in ihrer Siedlung und beantwortet Fragen. Und warnt ganz rundheraus: Wer ihr pampig schreibe, dürfe keine politisch korrekten Antworten erwarten.

Chaya Tal ist Jüdin, sie hält sich an die Regeln, aber nicht so strikt wie andere: Sie trägt einen Rock, aber er ist eng, ihre Wollweste ist aus Lochstrick, die Stiefeletten haben einen kleinen Absatz.

Chaya kann entscheiden, wo sie lebt, die Einwohner der palästinensischen Gebiete können das nicht. Und natürlich könnte Chaya woanders wohnen, eben nicht genau in dieser israelischen Siedlung, militärisch besetzt von Israel. Eben nicht genau da, wo sie provoziert und Frieden verhindert.

Die Uno betrachtet alle jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten als Verstoß gegen das Völkerrecht, auch die Europäische Union und die USA kritisieren Israel immer wieder dafür. Im April 2014 stoppten vor allem wegen der Siedlungspolitik die Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern.

Chaya sieht das anders – und ist damit Teil des Problems: "Ich bin überzeugt, dass wir zu diesem Land gehören", sagt sie. Für sie gehört das Westjordanland wie Tel Aviv oder Haifa zu Israel. Eine Zwei-Staaten-Lösung hat in ihrer Welt keinen Platz.

Die Siedlerin kennt die Region Gush Etzion: Sie rattert die Namen der arabischen Dörfer und jüdischen Siedlungen in einem herunter, deutet hierhin und dorthin, kennt Anekdoten und Geschichten aus jeder Himmelsrichtung. Auch wann und wo der letzte Anschlag war.

Siedler in Israel

Das Westjordanland umfasst eine Fläche von rund 5700 Quadratkilometern, hier leben insgesamt rund 2,7 Millionen Palästinenser und 350.000 jüdische Siedler. Hinzu kommen noch etwa 300.000 Israelis in Ostjerusalem.

Das Gebiet ist seit den Oslo II Verträgen im Jahr 1995 in drei Gebiete A, B, und C aufgeteilt:

  • Die Zone A entspricht knapp 18 Prozent Prozent des Gebietes, hier zu gehören Ramallah und Nablus. Israelis dürfen sie nicht betreten.
  • Die Zone B ist unter palästinensischer und israelisch-palästinensischer Sicherheitskontrolle und umfasst über 20 Prozent des Gebiets. Auch hier gibt es keine jüdischen Siedlungen.
  • Der größte Teil (mehr als 60 Prozent) ist die Zone C, sie wird von Israel kontrolliert. Hier befinden sich die 135 Siedlungen mit rund 100 Außenposten, wozu auch Gusch Ezion und Alon Schewut gehören. In der Zone C leben rund 300.000 Palästinenser in rund 532 Gemeinden.

Bei einer Zweistaaten-Lösung wird in der Regel von den Grenzen von 1967 gesprochen. Dieser Bereich reicht für das Westjordanland nördlich von Jenin bis kurz vor Beer Scheva und würde Jerusalem teilen. Ein palästinensischer Staat würde außerdem den Gaza-Streifen einschließen.

Chaya hat erst im Alter von sieben Jahren Deutsch gelernt, als sie mit ihrer Mutter aus St. Petersburg nach Köln gezogen ist. Mit 13 war Chaya das erste Mal in Israel, Familienbesuch bei einer Tante. Am liebsten wäre sie direkt geblieben, sagt sie. Doch die Mutter bestand auf ein deutsches Abitur für das hochbegabte Mädchen. So ging Chaya erst einmal allein in die Volkshochschule, lernte Hebräisch. Und packte schließlich zwei Monate nach dem Abi ihren Koffer.

Erst lernte sie ein Jahr an einer religiösen Mädchenschule in Jerusalem, dann absolvierte sie zwei Jahre Armeedienst. Jetzt studiert sie Nahostwissenschaften und Arabisch an der Bar Ilan Universität bei Tel Aviv. Sie will verstehen, was um sie herum gesprochen wird.

Wir werden nicht flüchten, nur weil uns jemand das Leben schwer macht.
Chaya

Chayas Wohncontainer erzählt wie jedes zu Hause viele kleine Geschichten. Zum Beispiel, dass sie Schabbat einhält. Daher liegt im Körbchen neben der Tür eine Zeitschaltuhr für Strom und in der Küche steht das Wasserwarmhaltegerät. Im Badezimmer steht der rituelle Handwaschkrug mit den zwei Griffen neben einem Playboy-Parfüm mit rosa Ohren und Tigermuster. Im Wohnzimmer lehnt eine große Nationalflagge am Fenster, im Bücherregal steht ein lachender Papp-Rabbi, der Kalender "Jewish Girls in Uniform", Unibücher, Lexika, Belletristik und Büchern wie "My Hebron".

(Bild: Jonas Opperskalski / laif)

Seit Beginn der Anschläge im vergangenen Oktober ist die Region Gush Etzion fast täglich in den Nachrichten. "Diese Stimmung ist bedauerlich, aber Teil des Lebens und Normalität", sagt Chaya. Aber man könne ja nicht bei jeder Bedrohung die Hände hochheben und weggehen. "Wohin auch? Die Araber gehen ja auch nicht weg. Warum sollen also wir weggehen? Wir werden nicht flüchten, nur weil uns jemand das Leben schwer macht", ruft sie.

Ich soll ein Friedenshindernis sein?
Chaya

Aber die Siedler behindern die Friedensverhandlungen.

Chaya lacht unschön auf. "Ich soll ein Friedenshindernis sein?" Die meisten Siedler seien doch überhaupt nicht militant, einzelne Gruppen würden einfach nur herausgenommen und falsch dargestellt. Was sie dabei ignoriert: Es geht gar nicht darum, wie manche Siedler sich verhalten. Sie alle, egal ob freundlich oder militant, verstoßen mit ihren Siedlungen gegen internationales Recht.

Chaya macht eine kurze Pause, holt tief Luft. Sie redet ohnehin schnell, aber wenn es um die Anschläge geht, dann redet sie noch schneller. EswirdeinSatzueinemWort. Selbst für deutsche Muttersprachler ziemlich herausfordernd.

Aus Chayas Sicht gibt und gab es keinen palästinensischen Staat. "Es geht nur um Verwaltungsgebiete und Privatbesitz. Damit kann noch keine Staatengründung gerechtfertigt werden!"

Und was ist mit den Menschen in Gaza?

Sei ja geräumt worden. "Die Anschläge in Judäa und Samaria sind doch durch extremistischen Islam motiviert, es ruft doch keiner ‘Allah Akbar’, der sich für einen palästinensischen Staat einsetzt, sondern jemand, der sich von Gott legitimiert sieht."

Chaya hat selbst eine Idee, die Frieden bringen könnte: "Ich würde kein Problem darin sehen, den Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft zu geben, wenn dadurch der Terror beendet würde." Damit würden die Palästinenser zu Israelis. Das ist, vereinfacht gesagt, ziemlich unrealistisch.

Hat sie Angst?

Chaya lacht auf. "Die Angst vor Anschlägen dominiert sicher nicht", sagt sie. Auf ihrem Tisch steht trotzdem ein Pfefferspray. "Ich fühle mich hier schon sicher", sagt Chaya mit einem Hauch Trotz in der Stimme. Aber nachts absperren tut sie jetzt schon.

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