Gerechtigkeit

Wir brauchen keine Frauen, die gegen #MeToo Stimmung machen

12.01.2018, 15:18

Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis der Gegenschlag kommt. Wenn es einen Aufschrei der Frauen gibt, folgt verlässlich kurze Zeit später die konservative Gegenwelle. Und die kommt jetzt ausgerechnet von den Menschen, die der Debatte am meisten schaden können: von einflussreichen Frauen.

Die französische Schauspielikone Catherine Deneuve hat zum Beispiel gerade die #MeToo-Debatte für beendet erklärt.

In einem offenen Brief, den Deneuve gemeinsam mit rund 100 anderen französischen Frauen geschrieben hat, ist von einer "Säuberungswelle", von "Männerhass" und einem "Klima einer totalitären Gesellschaft" die Rede (Le Monde). Man dürfe Männern nicht die "Freiheit" verbieten, "jemand anderen zu belästigen", denn das sei doch Teil des Flirtens.

Schauspielerin Catherine Deneuve

Schauspielerin Catherine Deneuve (Bild: Imago)

Und auch in Deutschland gibt es den Backlash der prominenten Frauen: Nachdem in der vorigen Woche der erste prominente #MeToo-Fall an den Pranger kam – um den Regisseur Dieter Wedel (bento) – forderte die bekannte Journalistin Gisela Friedrichsen sofort, man solle doch mit der medialen Hetzjagd aufhören. Die mutmaßlichen Täter hätten keine Möglichkeit, sich zu wehren. Eine Aussage, die auch in dem Brief der Französinnen auftaucht.

Frauen, die sich gerade negativ zu #MeToo äußern, eint, dass sie es zur Spitze ihres Berufsfeldes geschafft haben. Außerdem sind es meist keine jungen Frauen. Das heißt: Die #MeToo-Kritikerinnen sind schon lange in ihrer Branche tätig und haben dort vermutlich schon weitaus schlimmere Verhältnisse erlebt als es heute der Fall ist.

Warum torpedieren gerade Frauen wie Deneuve also eine Bewegung, die zum Ziel hat, dass künftig weniger Menschen in solchen Verhältnissen arbeiten müssen?

Diese Frauen haben ihren Weg in diesem System gefunden und sich durchgesetzt – trotz mieser Machenschaften und Strukturen, die durch viele andere #MeToo-Enthüllungen im Nachhinein sichtbar gemacht wurden. Aber offenbar erwarten die Frauen dieselbe Stärke und Durchsetzungsfähigkeit auch von allen anderen Frauen.

Und das ist nicht fair.

Denn selbst, wenn die Einflussreichen und Erfolgreichen das Problem als nicht so groß empfanden: Sehr viele Menschen hören diesen Frauen zu. Für viele sind sie womöglich Vorbilder; was sie auch nur in einem Nebensatz von sich geben, kann sich rasant verbreiten und mehr Bedeutung bekommen als Äußerungen von weniger bekannten Frauen.

Spätestens seit Harvey Weinstein ist bekannt, dass die Filmindustrie von strukturellem Sexismus und sexuellen Übergriffen durchdrungen ist. Doch nun sagen Deneuve und die all die anderen: Stimmt gar nicht!

Und das unterstützt die Verfechter des Status Quo. Die trauen sich, bestätigt durch solche Aussagen, nach vorn – weil sie die für sie womöglich lästigen oder karriereschädigenden #MeToo-Geschichten ohnehin schnell wieder aus ihrem Wahrnehmungsfeld verbannen wollen.

So verschwinden hinter den wenigen Anti-Stimmen die Tausenden Geschichten derer, die es anders empfinden.

Es macht mich wütend: Da fühlen sich Menschen endlich in der Lage, von ihren leidvollen Geschichten zu erzählen, anderen Mut zu machen, ihr Trauma zu verarbeiten – und dann bekommen sie Gegendwind von Deneuve und Co.. Dabei wäre es so wichtig, den Betroffenen zu zeigen: Ihr könnt euch sicher fühlen.

Deshalb hier die wichtigsten Gegenargumente an Deneuve und alle anderen.

  • In der Debatte heißt es manchmal: Wer sich nicht wehrt oder nicht Nein sagt, ist selbst schuld. Oder wie es eine der Autorinnen des französischen Briefes formuliert: "Eine Frau hat die Wahl, Nein zu sagen."

    Das ist so offensichtlich falsch. Es gibt die Schuld an der Tat dem Opfer, nicht dem Täter. Und es verkennt den Kernpunkt von #MeToo: Dabei geht es um Sexismus und Übergriffe, wo ein Machtgefälle besteht. Wo das Opfer eben nicht so leicht etwas gegen das Geschehene sagen oder tun kann.
  • Gisela Friedrichsen: "Wenn es ein Opfer nicht schafft, binnen immerhin 20 Jahren solche Vorwürfe amtlich geltend zu machen, muss und darf irgendwann Schluss sein."

    Nein! Das lange Schweigen der Menschen zeigt, dass es eben noch immer schwer ist, über sexuelle Übergriffe zu sprechen. Verbrechen wie Vergewaltigung verjähren. Deshalb können viele der Betroffenen juristisch nichts mehr tun.

    Umso wichtiger ist es, dass sie ihre Geschichten immerhin teilen können – wann auch immer sie sich dazu bereit fühlen. Und genau so wichtig ist es, dass sie Namen nennen dürfen. Sonst gibt es immer nur Opfer und nur selten Täter.
  • Catherine Millet sagte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", Männer müssten ihre "energische Unternehmungslust" gegenüber Frauen ausleben dürfen. Sie müssten die Freiheit haben, "jemanden zu belästigen".

    Es ist eine traurige Sicht auf einen eigentlich schönen Akt, das Flirten. Ein guter Flirt kennzeichnet sich allerdings sicherlich nicht dadurch, dass man jemandem ohne Zeichen der Zustimmung zu nahe kommt.

Übrigens: Egal, ob Mann oder Frau – wer selbst nichts Negatives erlebt hat oder die kritisierten Situationen nicht als schlimm empfunden hat, der kann sich doch einfach glücklich schätzen. Aber hört bitte auf, denen, die es anders erlebt haben, ihre Gefühle abzusprechen.


Queer

Israel erlaubt Schwulen das Blutspenden

12.01.2018, 15:13

Für viele schwule Männer ist Israel wie ein sicherer Hafen. Umgeben von Staaten, in denen homosexuelle und queere Menschen diskriminiert und verfolgt werden, gehört Israel zu den liberalsten und vielfältigsten Ländern weltweit. Jährlich tanzen Zehntausende bei der Tel Aviv Pride. 

Doch beim Thema Blutspenden wurden Schwule bislang auch in Israel diskriminiert. Spenden durfte nur, wer angab, mindestens ein Jahr lang keinen Sex gehabt zu haben. Doch mit dieser Regelung soll bald Schluss sein. In Zukunft dürfen in Israel auch schwule und bisexuelle Männer ihr Blut für andere spenden – und zwar ohne 12-monatige Sexpause.