Bild: Anja Franke /Sea Watch

13.07.2018, 12:18 · Aktualisiert: 13.07.2018, 14:48

Max rettet – in Deutschland als Feuerwehrmann, auf dem Mittelmeer Flüchtlinge.

Europa im Juli: In Malta steht ein Retter vor Gericht, die Schiffe sitzen im Hafen fest; der deutsche Innenminister bezeichnet Seenotretter als "Shuttle-Service"; eine deutsche Wochenzeitung diskutiert, ob man das Retten im Mittelmeer nicht lieber lassen sollte – und ob die Retter nicht alles noch schlimmer machen.

Max van Laak, 25, ist einer von ihnen.

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Er arbeitet in Hamburg als Feuerwehrmann und Rettungsassistent. In seiner Freizeit rettet er Menschen aus dem Mittelmeer. Mehrmals ist er schon auf dem Rettungsschiff Sea-Watch mitgefahren. Im Oktober will er nach Griechenland reisen, vor Lesbos Menschen versorgen, die an den Steilfelsen der Insel stranden.

Wir haben ihn gefragt, wie sich die aktuelle Situation für jemanden wie ihn anfühlt, was seine Kollegen von seinem Hobby halten. Und was er Horst Seehofer gerne sagen würde.

In Malta steht derzeit der Kapitän des Rettungsbootes "Lifeline" vor Gericht. Wie hast du reagiert, als du davon gehört hast?

Ich habe mich erschrocken. Mit Problemen für die Retter hatte ich gerechnet. Sie haben das Schiff so lange auf offenem Meer kreuzen lassen. Man hat gemerkt, dass Retter in den Häfen nicht mehr willkommen sind. Aber ich hätte nicht gedacht, dass der Kapitän so schnell vor Gericht kommt. Die Behörden wollen ganz offensichtlich, dass wir Angst bekommen und nicht mehr rausfahren.

Hast du Angst?

Nö. Für diese Sache würde ich in den Knast gehen! Erhobenen Hauptes. Da können die mir erzählen, was sie wollen. Das wäre es mir wert. Wenn Menschenleben retten zum Verbrechen wird – wo ist dann die Menschlichkeit hin?

Bild: bento/Steffen Lüdke
Wenn Menschenleben retten zum Verbrechen wird – wo ist dann die Menschlichkeit hin?
Max

Du rettest ja nicht nur im Mittelmeer sondern auch in Hamburg, wo du als Rettungsassistent und Feuerwehrmann arbeitest. Ist das vergleichbar?

Ich helfe Menschen in Not – in Deutschland und im Mittelmeer. Die Unterschiede sind kleiner als man denkt. Das Argument, dass sich die Menschen auf der Flucht wissentlich in Gefahr begeben, zieht nicht. Auch hier rette ich Menschen, die mit einem Skateboard waghalsige Manöver machen.

Der einzige große Unterschied: Das Mittelmeer ist eine EU-Außengrenze. Für manche Politiker ist das offensichtlich genug, um uns Steine in den Weg zu legen.

Es ist, als ob sie uns davon abhalten würden, hier einen verunglückten Surfer aus dem Wasser zu ziehen.
Max

Reagieren die Geretteten auf dem Mittelmeer anders?

In Deutschland erfahre ich relativ wenig Dankbarkeit, besonders im Rettungsdienst. Auf See ist das anders. Jeder Mensch, den ich aus dem Wasser ziehe, bedankt sich erst mal.

Früher haben wir die Menschen nur an andere Schiffe übergeben, weil wir für mehr nicht ausgerüstet waren. Mittlerweile verbringen wir viel mehr Zeit mit den Leuten, weil wir nun ein recht großes Schiff haben. Die Menschen kommen zur Ruhe. Wir können mit ihnen reden. Die Gefahr ist größtenteils vorbei, der Druck fällt ab. Es gibt Essen und Trinken. Die Leute singen Lieder an Bord, sie halten Gottesdienste ab. Ein alter Mann hat uns aus Dankbarkeit tagelang kleine Figuren geschnitzt und auf die Brücke gestellt.

(Bild: Jacob Ehrbahn)

Bisher opferst du deinen Urlaub, um zu retten. Würdest du lieber ständig auf dem Mittelmeer kreuzen und Menschen aus dem Wasser ziehen?

(Zögert.) Nein. Dafür habe ich zu viele Leute sterben sehen. Und zwar auf eine ganz beschissene Art und Weise.

Ein toter Mensch ist hier für mich überhaupt kein Problem, an Herzinfarkte habe ich mich gewöhnt. Wenn ein Mensch aber ertrinkt, ist das auch für uns Retter hart anzusehen.

Auf Dauer würde ich das psychisch nicht durchhalten.
Max

Gibt es eine Szene, an die du immer wieder denken musst?

Ja, ich denke oft an den Moment, als wir weit vor der libyschen Küste Menschen auf einem Schlauchboot retten wollten. Wir waren fast da, als der vordere Schlauch des Bootes platzte. Vorne sind die Menschen ins Wasser gefallen, im hinteren Teil des Bootes sprangen sie aus Angst hinein. Plötzlich waren unglaublich viele Leute im Wasser. Überall haben wir Rettungswesten hingeschmissen, die Leute aufs Boot gezogen.

Fünf Meter vor mir sah ich dann plötzlich eine Frau, die gerade zu ertrinken drohte. Sie spuckte schon Schaum. Also setzte ich mich über alle Regeln hinweg und sprang selbst ins Wasser. Ich konnte die Frau aufs Boot ziehen. Drei, vier Stunden lang haben wir sie behandelt.

Hat sie überlebt?

Ja, sie schon. Aber während der Rettung schwamm neben mir die ganze Zeit ein lebloser Körper. Der junge Mann war schon tot, er schwamm mit dem Rücken nach oben, das Gesicht war unter Wasser. Später haben wir ihn nicht mehr finden können. Er ist für immer weg.

Hast du die Frau noch mal gesehen?

An Bord, mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie heißt Virtue. Dann wurde sie von einem Marineschiff an Land gebracht.

Steffanie Pender, Max van Laak und Robert Bellin mit der geretteten Virtue.

Steffanie Pender, Max van Laak und Robert Bellin mit der geretteten Virtue. (Bild: Anja Franke/Sea Watch)

Wie verarbeitest du solche Momente?

Später, an Bord, weinte ich. Auch zurück in Deutschland versuchte ich immer wieder, mir klar zu machen, was passiert war, dachte darüber nach. Nur so kann ich damit leben. Verdrängen funktioniert nicht.

Horst Seehofer vergleicht solche Rettungsaktionen mit einem Shuttle-Service.

Der soll mit uns rausfahren und sich anschauen, was wir tun. Es hat rein gar nichts von einem Taxi- oder Shuttle-Service. Dann wäre ich als Fahrer eines Krankenwagens ein Chauffeur. Das Wort geht gar nicht.

Ihr Retter zieht viel Hass auf euch. Erlebst du das auch persönlich?

Auf Social Media kriege ich viel ab. Mir wird geraten, dass ich lieber Kranken in Deutschland helfen sollte.

Zum Leidwesen der Hater mache ich das ja beruflich.
Max

Oft werde ich auch als Linksfaschist bezeichnet. Oder, der Klassiker: als links-grün-versiffter Gutmensch. Aber auch das trage ich mit stolz. Ich bin links, ich bin ein bisschen Öko. Auch wenn ich einen Landrover Defender fahre. Der verbraucht 15 Liter. Und ja, ich bin ein Gutmensch.

(Bild: Anja Franke/ Sea Watch)

Aber ins Gesicht sagt dir niemand, dass er oder sie es falsch findet, was du machst?

Doch, auf der Wache merke ich das manchmal. Ich erzähle nicht jedem Kollegen oder jeder Kollegin, dass ich in meiner Freizeit Flüchtlinge rette. Es kommt nicht bei allen gut an. Greenpeace hingegen finden alle ziemlich cool.

Du musst dir auf der Arbeit dumme Sprüche anhören?

Direkt angegangen werde ich dort nicht, aber man merkt es im Unterton. Vor allem in großen Gruppen wird gestichelt. Als die Lifeline festgesetzt wurde, kam ein Kollege rein, wies mich lachend auf die Nachricht hin. "Ich sag' dazu jetzt nichts", sagte er feixend und ging dann wieder raus.

Hier rettet er Menschen, da hält er es für ein Verbrechen. Ich verstehe es nicht.
Max

Kritiker sprechen oft vom sogenannten "Pull-Faktor" und werfen euch vor, dass durch eure Anwesenheit mehr Flüchtlinge die Überfahrt wagen. In der "Zeit" schreibt eine Autorin, ihr würdet die Situation noch verschlimmern. Kommst du bei solchen Argumenten ins Zweifeln?

Die Menschen sind schon vor uns geflüchtet und ertrunken. Es ist unlogisch, uns für die Flucht und sogar das Ertrinken verantwortlich zu machen. Der Mythos vom Pull-Faktor ist bereits in einer Studie widerlegt worden. Auch ohne Retter kamen immer mehr Flüchtlinge.

2015 haben wir mit einer Idee begonnen: Wir wollten Aufmerksamkeit für das Sterben im Mittelmeer erregen. Erst später haben wir angefangen zu retten. Dann nämlich, als wir vor Ort feststellten, dass nicht annähernd genug Kapazitäten zur Rettung vorhanden waren.

Nun sind wir plötzlich die Bösen. Als hätten wir das Problem verursacht. Mein Vorschlag: Die EU reißt sich zusammen, schafft endlich legale und sichere Fluchtrouten.

Dann muss keiner mehr auf Boote steigen, keiner mehr auf der Flucht ertrinken, dann sind wir Retter endlich überflüssig.
Max

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Grün

Wie Light-Getränke und Shampoos unser Trinkwasser belasten

13.07.2018, 12:13 · Aktualisiert: 13.07.2018, 15:37

Das sind die Alternativen.

Ein ganz normaler Tagesablauf: Morgens aufstehen, unter die Dusche hüpfen, das Shampoo zur Hand nehmen und sich die Haare einschäumen. 

Die Masse wird wieder ausgespült und versinkt im Abwasserkanal. Zum Mittagessen gibt's eine eine Cola-Light, hat ja weniger Kalorien. Süßstoff statt Zucker.

Wer so lebt, denkt sich nichts dabei. Wo soll das Problem sein? Aber: Dieser Lebensstil verunreinigt unser Trinkwasser. Und das könnte noch teuer werden.