Gerechtigkeit

"Es liegt an dir": Der Schulzzug-Macher über seine Trennung von Martin Schulz

09.02.2018, 14:50 · Aktualisiert: 11.02.2018, 10:23

Ohne ihn, den Schulzenbrother (bento) wäre Martin Schulz zu Beginn seiner Kandidatur vielleicht nicht so schnell zur scheinbar umaufhaltsamen Dampflok geworden. Mit seinem Schulzzug-Song des Schulzenbrothers fing alles an:

Doch Martin Schulz und sein Wahlkampfteam waren nicht in der Lage, die "Gottkanzler"-Euphorie zu nutzen. Sie ließen die Memes verpuffen und sanken in den Umfragen immer weiter ab. Und nun das endgültige Debakel: Nach den Verhandlungen zur Großen Koalition war Schulz zunächst als Außenminister im Gespräch – jetzt wird er von der eigenen Parteiführung ausgebootet (bento).

Schulz' ehemals größten Fan, der viele Hoffnungen in ihn setzte, Energie und Leidenschaft in den Wahlkampf steckte, haben die vergangenen Monate desillusioniert. Nun hat er wieder einen Song für Schulz geschrieben – es könnte sein letzter sein.

Denn es ist ein Trennungslied:

Der Macher des Schulzzugs wollte immer anonym bleiben und betrieb seine sozialen Kanäle quasi als ehrenamtlicher Wahlkampfhelfer. Am Donnerstag teilte er das Abschiedslied mit den Worten "Sorry, Martin, aber das war dann doch alles sehr enttäuschend".

Wir haben mit ihm über die schmerzhafte Trennung gesprochen.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Persönlich bin ich ihm das erste Mal begegnet, als er mit mir die Videobotschaft für Reddit aufgenommen hat. Das war so cool, dass er das gemacht hat! Als die Bundeskanzlerin das gesehen hat, dachte sie bestimmt nur: "Was zum Teufel ist dieses Reddit?" Martin war da einfach allen einen Schritt voraus, selbst dem Digital-First-Lindner!

Wann hast du das erste Mal gedacht: Den Schulz finde ich richtig gut!

Ich habe schon lange vor dem Schulz-Hype ein Auge auf Martin geworfen. Wie er 2009 vor der Europawahl bei Maybritt Illner klare Kante gegen die Hetze von Heinz-Christian Strache gezeigt hat (YouTube), hat mir imponiert. Auch sein Auftreten als Präsident des EU-Parlaments mit deutlichen Worten gegen Rechts fand ich richtig gut. Generell, dass seine Sprache nicht so typisch marketingmäßig verschwurbelt war.

Im Gedächtnis geblieben ist mir seine Aufmerksamkeit bei unserer Begegnung: "Ach, Sie habe ich doch gestern schon gesehen!", sagte er da. Da war ich schon überrascht, dass er sich an mich erinnert hat. Ich stand während seiner ersten großen Rede als Kanzlerkandidat mit meinem MEGA-Plakat nur hinter ihm. Da haben wir uns noch gar nicht in die Augen sehen können.

Das Plakat wurde danach zum Meme.

Das Plakat wurde danach zum Meme. (Bild: Kay Nietfeld/dpa)

Welche Macken sind dir irgendwann aufgefallen, die du nicht mochtest?

Wenn ich noch einmal diese ausgelutschte Phrase "Von der Kita bis zur Uni" von ihm höre, werde ich explodieren! Ich kann verstehen, dass er da einen Baukasten an Sätzen parat haben muss, wenn er durch das Land tingelt und jeden Tag auf einer anderen Wahlkampfveranstaltung spricht. Aber er hat kaum noch variiert und sich immer mehr von dem Martin, wie ich ihn kennengelernt habe, entfernt.

Wie lange denkst du schon darüber nach, dich zu trennen?

Wir waren ja nie offiziell zusammen, denn in die SPD bin ich während des Wahlkampfes nicht eingetreten. Ich hätte ihn nach der Niederlage gern noch unterstützt und hatte gehofft, dass er sich zum Beispiel die Leute von der Initiative SPD++ (bento) an seine Seite holt, um die Erneuerung zu beginnen. Das ist leider nicht passiert. Und ab da ging es richtig los mit der Enttäuschung bei mir. Einfach nur traurig.

Was war dann ausschlaggebend?

Sein Umfallen in Richtung GroKo nach dem Jamaika-Aus (bento), ganz klar. Jaja, der Herr Bundespräsident hat gebeten und Druck gemacht, Martin hatte doch gar keine Wahl mehr. Und wenn der Lindner nicht gewesen wäre, der sich aus der Verantwortung gestohlen hat! (bento) Spätestens da war es vorbei mit seiner Glaubwürdigkeit – und Martin voll drin in der Mühle des politischen Berlins.

Wenn man aber genau hingeschaut hat, konnte man sehen, woher der Druck wirklich kam: aus den eigenen Reihen. Da hätte der Martin des EU-Parlaments dem SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs einfach mal sagen sollen: "Halt' deinen Mund, während wir hier im Vorstand beraten und quatsch uns nicht vor jeder Kamera in die GroKo!"

"Es liegt nicht an dir, sondern an mir", heißt es bei Trennungen manchmal. Was ist deine Abschiedsformel?

Es liegt eher an dir als an mir. Sicher, ich bin nur ein blöder Karaokeclown. Aber meine Freunde und ich haben dir und deinen Kumpels angeboten, dass wir einen Weg suchen, den Spaß-Hype zu versachlichen. Als Antwort bekam ich nur einen lieblosen Brief, in dem mir ein Handlanger schrieb, man wolle sich auch in Zukunft für Menschen wie mich einsetzen, die "hart arbeiten und sich an die Regeln halten". Na vielen Dank auch.

Trauer, Wut, Enttäuschung: In welcher Phase der Trennung steckst du gerade?

Trauer, denke ich. Bei einem Todesfall kann man die Trauerphase oft erst mit dem Begräbnis abschließen. Das erledigt jetzt offenbar Schulz selbst – indem er auf den Außenministerposten verzichtet. Das finde ich sehr gut. Am Ende dann doch ein Martin Schulz, so wie man ihn sich die ganze Zeit gewünscht hat. Mit dieser Entscheidung kann er sich wieder selbst im Spiegel ansehen, ohne sich schämen zu müssen.

Was wünschst du dir von einer künftigen Liebe?

Ich verliebe mich leider nur schwer. Wenn sich eine Enttäuschung an die andere reiht, macht da etwas zu im Kopf und im Herzen. Von der SPD wünsche ich mir, dass sie wieder aufrichtig sozialdemokratisch wird, indem sie zum Beispiel die menschenunwürdige und verfassungsfeindliche Sanktionspraxis bei Hartz IV abschafft. Und dass sie zu einer authentischen Sprache findet. Dabei würde ich gern helfen. Aber nicht mit Musik, sondern eher parteipolitisch.

Hast du schon wen Neues im Auge?

Du denkst jetzt vielleicht an Kevin Kühnert. Aber ich möchte um ihn nicht den nächsten Hype generieren. Ich mag, wie er redet und versucht, den üblichen Mechanismen der Politik und der Medien auszuweichen. Sein Tweet über eine Joghurtdeckel leckende Merkel war schon super. Aber eine Person, die ich dann doch eigentlich null kenne, werde ich nicht mehr in den Himmel heben.


Today

Schulz verzichtet auf Posten als Außenminister

09.02.2018, 14:31 · Aktualisiert: 09.02.2018, 14:57

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Zu viele SPD-Mitglieder wollen ihren Chef nicht als Minister sehen. Entsprechend beuge sich Schulz dem Druck. Am Freitag verkündete er via Twitter, nicht Teil der möglichen Regierung zu werden: