Gerechtigkeit

Schluss mit Yolocaust! Ich kann keine Dachau-Selfies mehr sehen

19.01.2017, 16:46 · Aktualisiert: 19.01.2017, 17:47

"Zeig mir mal die Bilder, die du vorhin von mir im KZ gemacht hast." "Oh, das ist gut, das benutze ich für mein Instagram-Profil."

In der S-Bahn von Dachau nach München sitzen mir zwei junge Touristinnen gegenüber. Sie gucken sich Fotos auf ihrem Smartphone an. Die beiden haben gerade die KZ-Gedenkstätte in Dachau besucht.

Was Instagram-User aus der KZ-Gedenkstätte Dachau posten

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Fotos aus ehemaligen Konzentrationslagern und Gedenkstätten sind kein ungewöhnliches Social-Media-Phänomen. Es gibt Blogs, die besonders unangemessene Bilder aus Gedenkstätten und Mahnmalen sammeln. Das jüngste Beispiel heißt yolocaust.de und wurde von dem israelischen Comedian Shahak Shapira ins Leben gerufen.

Auf dem Blog zeigt er zum Beispiel das Bild eines Mannes, der mit bunten Bällen jongliert. Klickt man darauf, steht der Jongleur nicht mehr im Mahnmal, sondern zwischen Leichen in einem Konzentrationslager. Der jüdische Satiriker kritisiert, dass viele Menschen das Denkmal als eine Kulisse für ihre Profilfotos auf Facebook, Instagram, Tinder oder Grindr verwenden.

Auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau findet die Selbstdarstellung täglich statt. Schon beim Eintritt auf das Gelände staut es sich, viele Besucher bleiben stehen, um ein Foto mit dem "Arbeit macht frei"-Schriftzeichen zu machen. Die verschneite Umgebung nutzt eine Familie als winterliche Kulisse für ein Familienbild.

In der KZ-Gedenkstätte ist das Fotografieren grundsätzlich erlaubt. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte achten trotzdem darauf, dass das Posen für die Selfies nicht ausartet: "Wir beobachten regelmäßig unsere Facebook-Seite. Für die beständige Überprüfung der sozialen Netzwerke wie Twitter und Instagram fehlen uns jedoch die personellen Ressourcen", sagte eine Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Der eiserne Schriftzug ist ein zynisches Symbol für die Verbrechen, die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 in der oberbayerischen Stadt, 20 Kilometer nordwestlich von München, begangen wurden. Dachau war das erste systematisch aufgebaute Konzentrationslager und eine Art Prototyp, in dem die SS-Wachmannschaften ausgebildet wurden. Was als Maßnahme zur "Beruhigung der nationalen Bevölkerung" getarnt war, führte zum Massenmord.

Über 41.000 Gefangene verloren in Dachau ihr Leben. Zwar wurden die Gaskammer dort nie in Betrieb genommen, aber Hunderttausende starben an den desolaten hygienischen Zuständen, Hunger oder Überarbeitung.

Was bewegt Menschen dazu, an diesem Ort fürs eigene Social Media Profil zu posieren und die Bilder anschließend mit Hashtags wie #instacaust, #niceday oder eben auch #yolocaust zu vertaggen?

Projekte wie #uploadingholocaust zeigen, dass sich Fotos aus Konzentrationslagern und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht widersprechen müssen. Der Dokumentarfilm zeigt israelische Jugendliche, die ihre Begegnung mit dem Massenmord an den Juden in Video-Tagebüchern festgehalten haben. Durch Fotos und Videos wurden die Schüler an das historische Geschehen herangeführt. Viele von ihnen gedenken so ihrer im Holocaust umgekommenen Vorfahren.

Sie haben alles Recht dazu, sich auch lächelnd zu zeigen. Für sie sind die Selfies ein Symbol, dass sie leben – trotz des unendlichen Leids, das ihre Vorfahren erleben mussten. Doch von ihnen spreche ich hier nicht.

Statt sich mit den Verbrechen, die in Dachau begangen wurden, zu beschäftigen, verhalten sich einige Besucher, als befänden sie sich in einer Art Freizeitpark und nicht in einem ehemaligen Konzentrationslager. Shorts, Sandwiches und Selfies inklusive.

Ist Dachau nur ein weiterer Stopp auf der Liste an Sehenswürdigkeiten, die sie mit Freunden und Followern teilen wollen? Heute KZ – morgen Schloss Neuschwanstein?

Vielleicht sind die vielen Fotos aus Gedenkstätten aber auch ein Ausdruck der eigenen Überforderung. Wir sind die dritte oder vierte Generation, die auf die Zeit des Nationalsozialismus folgt. Für uns sind die Verbrechen der Nazi-Zeit oft nur noch schwer greifbar. Und weil wir nicht wissen, wie wir angemessen auf die Gräueltaten, die sich hier abspielten, reagieren sollen, greifen wir auf bekannte Verhaltensweisen zurück und fotografieren, was vor uns liegt. Facebook, Twitter und Instagram sind schließlich zu Orten geworden, an denen wir uns ganz selbstverständlich mit Themen, die uns beschäftigen, auseinanderzusetzen.

Helfen uns Fotos dabei, Orte wie Dachau besser zu verstehen? Sind wir so sehr daran gewöhnt, alles zu fotografieren, dass wir Bilder brauchen, um unsere Eindrücke zu verarbeiten?

Ich glaube nicht. Gerade mit Blick auf den Erfolg der Rechtspopulisten ist es wichtiger denn je, dass wir uns bewusst mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Um zu begreifen, was hier passiert ist, sollten wir unser Handy für die Dauer des KZ-Besuchs ausschalten.

Es gibt nicht den einen richtigen Umgang mit Orten wie Dachau – Selfies aus der Gaskammer gehören für mich aber nicht dazu.

Die Mädchen aus der S-Bahn haben mitbekommen, dass ich ihnen zuhöre und sprechen mich an. Sie fragen, ob ich aus Dachau komme. "Ja," antworte ich und bereite mich innerlich auf ein schon oft geführtes Gespräch darüber vor, wie es ist, an einem Ort mit solch trauriger Berühmtheit groß geworden zu sein. Doch das wollen sie gar nicht wissen. Stattdessen antworten sie: "Awesome. Weißt du bei welcher Station wir am besten für das Hofbräuhaus aussteigen?"


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