Gerechtigkeit

Diese Frauen aus Saudi-Arabien tanzen – und kämpfen mit dem Tabubruch für mehr Rechte

03.01.2017, 14:36 · Aktualisiert: 03.01.2017, 14:47

Eine Gruppe junge Frauen vergnügt sich beim Autoscooter, spielt Basketball, albert tanzend im Park herum, brettert auf Rollern durch die Landschaft. Auf einem Roller steht "Cool Baby" und der Blick der Fahrerin verrät, dass das mehr als nur ein Aufkleber ist.

Viel mehr sieht man auch nicht von ihr – denn die Frau trägt Nikab, den islamischen Gesichtsschleier, der bis auf die Augen das Gesicht verhüllt. Und auch in allen anderen Szenen sind die Frauen verhüllt. Schnell wird klar:

Die ausgelassenen Bilder sind keine Selbstverständlichkeit – sondern Tabubrüche.

Denn sie alle spielen in Saudi-Arabien.

Die Bilder gehören zum Musikvideo "Hwages" von Regisseur Majed Alesa. Vor etwas mehr als einer Woche wurde es auf YouTube veröffentlicht – seitdem begeistert es die saudische Netz-Community. Mehr als 2,3 Millionen-Mal wurde es geklickt. Auf Twitter inspirierte das Video junge Frauen zu einer Hashtag-Kampagne.

Die Idee hinter "Hwages": Endlich mehr Selbstbestimmung für Frauen in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien werden Frauen unterdrückt und vieler Freiheiten beraubt. Die Regierung verbietet Frauen unter anderem das Autofahren und Reisen ohne männliche Begleitung. Für viele alltägliche Dinge brauchen Frauen einen männlichen Vormund, in der Öffentlichkeit müssen sie ihr Gesicht bedecken.

Solch strenge Regeln gibt es nur in wenigen islamisch geprägten Ländern. Saudi-Arabien allerdings beharrt auf seiner frauenfeindlichen Gesetzgebung – und begründet sie mit angeblichen islamischen Gesetzen.

Das Musikvideo "Hwages" zeigt diesen Gesetzen nun den Mittelfinger. Wir haben die wichtigsten Songzeilen für euch übersetzt:

YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
YouTube/Majed Alesa
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"Hwages" bedeutet so viel wie "Bedenken". Dem Video geht ein älteres voraus: Schon 2014 hatten Frauen darin vor einer Leinwand getanzt, zum Mitsingen war der Text eingeblendet. Das Video ging damals in Saudi-Arabien viral (Gulf Eyes).

Viel getan hat sich seitdem offiziell nichts – aber in der saudischen Gesellschaft sind Brüche sichtbar. Während alte Männer noch davon fabulieren, dass Auto fahrende Frauen "das Böse" bringen (Al-Arabiya), übernehmen die ersten Politikerinnen politische Ämter: Seit Ende 2015 dürfen Frauen in Gemeinderäte gewählt werden (bento). Auch wenn viele weiterhin den Schleier tragen müssen, wollen sie sich nicht verstecken.

Wie Niqab und Burka im Islam bewertet werden

Im Islam gilt es als gotteswürdig, sich nicht zu sehr zu entblößen, das gilt für Männer und Frauen. Tatsächlich empfiehlt der Koran aber Frauen nur eine einfache Kopfbedeckung – nicht, wie viel sie verhüllen sollen. Über die Jahrhunderte haben sich in muslimisch geprägten Ländern so sehr unterschiedliche Kleidervorschriften entwickelt.

Die konservativsten Formen sind die Burka in Pakistan und Afghanistan sowie der Niqab in Saudi-Arabien und im Jemen. Beide sind eher moderne Erscheinungen. In früheren Jahrhunderten waren sie kaum verbreitet, viele muslimisch geprägte Länder verbieten heute sogar Vollverschleierung in öffentlichen Einrichtungen.

Auch wenn sich Muslima aus freien Stücken für die Vollverschleierung entscheiden – viele tragen sie auch unter gesellschaftlichem Zwang. Besonders in Saudi-Arabien gilt eine konservative bis extremistische Auslegung des Koran. Viele Gläubige begreifen daher die Vollverschleierung als Gottesgebot.

Auch im Netz engagieren sich viele: Bereits seit längerem gibt es einen Hashtag, der das Ende der Vormundschaft fordert. Mit dem neuen Video trendete er nun in Saudi-Arabien – oft kombiniert mit dem arabischen Hashtag "Mein Wunsch für 2017".

Eine Frau schreibt:

Ich möchte eine vollkommene Bürgerin werden, nicht länger Untergebene der Männer

Fühlen

Johanna, 22, hat Krebs – und will sich deswegen nicht verstecken

03.01.2017, 11:45 · Aktualisiert: 03.01.2017, 16:30

"Du packst das jetzt. Du musst!"

Jeder zweite Deutsche erkrankt in seinem Leben an Krebs. Jeder Zweite?! Die Großeltern vielleicht oder sogar die Eltern, Tanten, Onkel. Aber doch niemand in unserem Alter. Oder doch? Über Krebs spricht man nicht. Krebs ist Leiden, Krebs ist Tod.

Johanna ist 22 Jahre alt. Nach dem Abitur arbeitet sie ein bisschen, macht ein bisschen Praktikum, studiert ein bisschen. Erst mal schauen, was zu ihr passt. Sie trifft sich mit Freunden, geht feiern, reitet gerne und hat einen kleinen Chihuahua.

Alles normal, alles super. Bis ihr gesagt wird, dass sie Krebs hat.

Rums. Das war’s. Chemotherapie und Tabletten bestimmen ihren neuen Alltag. Aber Johanna gibt nicht auf, sie kämpft. Und sie zeigt der Welt, was es heißt zu kämpfen. Sie möchte sich nicht verstecken, sondern akzeptiert die Krankheit und deren Folgen als einen Teil von ihr.