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Bild: Bianca Xenia Mayer

Gerechtigkeit

Rechte Gewalt und kaum Jobs: Was junge Menschen über Sachsen-Anhalt denken

12.03.2016, 13:49 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

"Ob ich noch in einem Bundesland leben möchte, wo 20 Prozent die AfD wählen, weiß ich nicht."

Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Perspektive und die AfD liegt bei 19 Prozent – Sachsen-Anhalt gehört derzeit nicht zu den glücklichsten Bundesländern. Am Sonntag wird dort (wie auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg) ein neuer Landtag gewählt. bento war in der Landeshauptstadt Magdeburg und hat dort junge Menschen getroffen.

Wie erleben sie die Stimmung in der Stadt?

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Alex, 25

"Mich stört, wie der Rechtsruck hier in Magdeburg durchgeht. Der passiert nicht leise und heimlich, sondern laut und offensichtlich. Das geht von den montäglichen Abenddemonstrationen vom Pegida-Ableger Magida bis zu Wahlplakatfälschungen und öffentlichen Diffamierungen.

Politiker der Grünen und der Linken wurden schon offen bedroht. Einmal wurde vor dem Haus eines Politikers an einer Fensterscheibe ein Galgen gemalt. Hinzu kommt der gestiegene Alltagsrassismus – in der Straßenbahn, in der Stadt. Der hat in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen, das ist mir aufgefallen. Die internationalen Studierenden trauen sich schon gar nicht mehr raus in die Stadt, wenn die Demos am Montag laufen. Es ist schwer, ihnen Mut zuzusprechen.

Gut finde ich die Willkommensbündnisse, die versuchen, die Integration ein Stück weit voran zu bringen. Sie helfen, Leute von hier zu sensibilisieren, dass Geflüchtete keine Verbrecher und Terroristen sind. Die Willkommenskultur muss gestärkt werden."

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Johanna, 19

"Die Politiker geben sich zwar Mühe, aber die Jugendlichen wissen, glaube ich nicht, wen sie wählen sollen. Es hängen hier zwar tausend Plakate, aber es gibt keine richtigen Kandidaten. Sachsen-Anhalts Wirtschaft steht nicht gut da – und ich glaube, keiner von denen, die hier als Spitzenkandidaten antreten, kann daran was ändern.

Ich finde, es gibt hier erstaunlich viel rechte Gewalt. Die Neonazis marschieren immer zum Jahrestag des Bombardements im Zweiten Weltkrieg – und dann kommen ganz viele Rechte aus ganz Deutschland. Gerade wurde hier einer angeklagt, der in etwa sagte 'Asylfreunde muss man alle erschießen'. So was finde ich schon heftig.

Magdeburg ist meine Heimat, und die mag man immer. Aber klar bekümmert mich die rechte Bewegung. An Schulen wurde auch gerade die Wahl simuliert, da hat die AfD auch als drittstärkste Partei abgeschnitten. Und das sind Gymnasien. Dabei sieht man hier gar keine Ausländer, wenn man mal in der Straßenbahn sitzt."

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Max, 18

"Ich fühle mich wohl hier und möchte ungern weg. Klar, die Joblage ist nicht so gut, aber ich bin gerade in meinem letzten Lehrjahr als Koch. Und in der Gastronomie findest du eigentlich immer einen Job.

Trotzdem: Man merkt halt, dass die Jugend abhaut. In der Bahn sitzen nur Rentner, so klassische "Runter-von-meinem-Rasen-Rentner". Wir sind ja gar nicht so weit weg von Berlin. Aber dort ist die Welt und hier ist nichts, dabei ist Magdeburg auch ´ne Landeshauptstadt.

Für Politik interessiere ich mich gar nicht, ich wüsste auch nicht, wen ich wählen sollte. Klar, in der Zeitung habe ich mich ein bisschen über den Wahlkampf informiert – aber ich gehe trotzdem nicht wählen. Ich hab’ da keinen Kopf für."

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Felix, 24

"Da es in Sachsen-Anhalt keine Studiengebühren gibt, kommen viele aus Niedersachsen zum Studium her. Das Problem ist, dass sie nach ihrem Abschluss das Land wieder verlassen. Da Sachsen-Anhalt hochverschuldet ist, wird der Rotstift vor allem in der Kultur und Bildung angesetzt. Theatergelder werden gekürzt, Schulen geschlossen.

Eigentlich gefällt es mir hier gut, wäre da nicht die starke AfD. Den Rassismus erfahre ich meist aus zweiter Hand, zum Beispiel durch meine Mitbewohnerin, die wegen ihres Kopftuches schon mehrmals attackiert wurde. Auch ihre Arbeitskollegen in einem großen deutschen Discounter haben sich darüber echauffiert. Das hat mir dann nochmal vor Augen geführt, wie es Menschen in der Stadt gehen muss, die nicht weiß, männlich und privilegiert sind."

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Madeleine, 23

"Man sagt ja: Die Menschen, die hier demonstrieren, sind nur besorgte Bürger. Tatsächlich sieht man dann Menschen mit Deutschlandflaggen und eindeutigen Botschaften marschieren, die auf andere, die sich politisch engagieren, Gewalt ausüben. Als Aktivistin, als Mensch, der sich auf die Straße stellt, ist es für mich sehr gefährlich. Da macht man sich schon Gedanken, was man anzieht, dass man nicht so auffällt.

Ich bin hier hergekommen, ich möchte auch bleiben, mir gefällt es. Magdeburg ist immerhin die zweitgrünste Stadt Deutschlands. Aber ob ich in einem Bundesland leben möchte, wo 20 Prozent die AfD wählen, weiß ich nicht. Trotzdem gibt es auch gute Aktionen hier. Es setzten sich viele Menschen für Geflüchtete und internationale Studierende ein.

Rassismus und Fremdenhass wird durch Existenzängste hervorgerufen. Da muss man als Land Sachsen-Anhalt die Politik ändern: Bildung nicht kürzen, sondern in sie investieren und den Menschen, die hierherkommen, Perspektiven bieten. Momentan funktioniert das nicht so gut."

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Jan-Hendrik, 25

"Ich bin vor fünf Jahren aus Ostfriesland nach Magdeburg gekommen – quasi ein Wirtschaftsflüchtling Richtung Sachsen-Anhalt. Magdeburg ist klein und es ist an vielen Abenden nichts los. Es ist eine Stadt, in die man sich reinfuchsen muss.

Angst vor den Wahlergebnissen habe ich nicht, denn dass es hier rechtes Klientel gibt, ist ja nichts neues. Du kannst hier keine fünf Stationen in der Straßenbahn fahren, ohne dass ein Typ in Thor-Steinar-Jacke zusteigt. Dass die AfD hier also Zugänge gefunden hat, ist nichts besonderes.

Man gewöhnt sich aber nicht an rechte Gewalt, jede Gewalttat schockt dich immer wieder. Ich bin Poerty Slammer. In meinen Slams versuche ich, denen meine spießige Punchlines entgegenzuwerfen. Und ich war auch zur Gegendemo des örtlichen Pegida-Ablegers. Da wirst du dann auf öffentlicher Straße angespuckt, es ist fürchterlich."

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Lisa, 18

"Ich habe schon per Briefwahl gewählt, weil ich am Sonntag arbeiten muss. Ich wollte einfach meine Stimme abgeben, weil ich Angst habe, dass AfD, NPD oder auch Die Rechte zu viel Prozente bekommen. Die finde ich sehr schlimm.

Frauen sollen drei Kinder bekommen, Abtreibung soll verboten werden, so was steht im Wahlprogramm der AfD. Leute, die sich nicht so genau mit dem Programm beschäftigen, könnten schon auf die AfD reinfallen – sie macht halt Stimmung. Aber ich finde diese Art Wahlkampf traurig.

Als Schülerin dachte ich, dass das mit den Rechten hier nicht so ein großes Problem ist. Meine Kommilitonen – ich bin in unserem Studiengang die einzige direkt aus Magdeburg – hatten mich gefragt, wie das hier mit rechter Gewalt ist. Und ich sagte immer, dass es schon geht. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher: In letzten Monaten hat sich alles so extrem ins Schlechte entwickelt."

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