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Gerechtigkeit

Ein neues Buch sorgt in Sachsen für Ärger

23.05.2017, 17:40 · Aktualisiert: 24.05.2017, 14:28

"Dieser Dreck wird nicht gelesen"

Im Juni findet im sächsischen Meißen das Literaturfest statt, laut der Veranstalter eines der größten Lese-Festivals Europas. Sachsen wird gerne als dunkles, fremdenfeindliches Bundesland dargestellt – gut also, dass es ein Literaturevent gibt, bei dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen.

Ein CDU-Stadtrat aus Meißen sieht das ein bisschen anders – zumindest, wenn es um kritische Literatur geht.

Denn der Stadtrat Jörg Schlechte will die Lesung des Buches "Unter Sachsen" verhindern. "Dieser Dreck wird mit Sicherheit nicht in unserem Rathaus gelesen!", schrieb er auf Facebook. Darin werde "Hetzerei" gegen Sachsen betrieben. Mehrere CDU-Stadträte unterstützen vor Ort Schlechtes Vorschlag.

Das ist ein Screenshot aus der Facebook-Seite von Schlechte:

"Unter Sachsen" ist eine Sammlung von Texten, zusammengestellt von der Journalistin Heike Kleffner und dem "Tagesspiegel"-Redakteur Matthias Meisner. Meisner beschäftigt sich seit Jahren mit Rechtsextremismus, im Buch werfen er und knapp 30 weitere Autoren einen kritischen Blick auf Sachsen. Entsprechend geht es vor allem um die Schattenseiten, um Pegida und die lokale AfD, um die Terrorgruppe aus Freital und den NSU.

"Das es jetzt in Meißen so viel Gegenwind gibt, ist nicht überraschend", sagt Meisner zu bento. Denn: 

"Der Landkreis ist Pegida-Kernland." 

In und um Meißen gebe es viele Rechtsextremisten, und CDU- und AfD-Politiker schauten bei Problemen oft weg. "Die CDU ist in Meißen sehr rechts verortet", sagt Meisner.

Daniel Bahrmann, Organisator des Literaturfestes, kann die Aufregung nicht verstehen. Er hat das Buch ausgewählt und hält es für unproblematisch. Wenn Einzelne die Lesung verhindern wollten sei das Zensur nach türkischem Vorbild. 

"Wenn ein rechter Depp meint, das Buch verbieten zu müssen", sagt Bahrmann mit Blick auf den CDU-Stadtrat Schlechte, "dann zeigt das leider nur, dass das Buch recht hat."

Der CDU-Kreisverband in Meißen ist mit den Aussagen seines Mitglieds Jörg Schlechte, der auf Facebook gegen die Buchlesung hetzt, nicht einverstanden. "Wir sind nicht besonders glücklich", sagt Holger Rautschek vom Kreisverband auf Nachfrage. Erst vergangene Woche habe man einen offiziellen Verweis für Schlechte beschlossen. Anlass: Seine "nicht besonders diplomatischen" Posts auf Facebook, wie es Rautschek formuliert.

Im März hatte der Verband bereits ein Parteiausschlussverfahren gestartet – nachdem Schlechte öffentlich über eine CDU-Kollegin gelästert hatte, die sich mit "dahergelaufenen Kopftuchmädchen" fotografiert (Sächsische Zeitung). 

"Die Kritik zeigt eindrucksvoll, wie wichtig das Buch ist."
Matthias Meisner

Mit Freunden hatte Schlechte auf Facebook diskutiert, was genau ihn an der Buchlesung störte: Sie sei politisch – noch dazu, weil das Buch voller "linker" Autoren sei – und politische Aktivitäten seien am Lesungsort, dem Ratssaal von Meißen, per Satzung verboten. Sein Parteikollege Rautschek widerspricht ihm. Er kenne das Buch zwar nicht, aber selbst, wenn es "wenig schmeichelhaft" sei: "Man sollte über alles offen diskutieren können."

Auch Literaturfest-Organisator Bahrmann will sich den Vorwurf der Politisierung nicht gefallen lassen. Nur politischen Parteien seien Auftritte im Ratssaal verboten – die Lesung sei unbedenklich.

Die Gegner der Lesung wollen ihre Kritik an der Veranstaltung trotzdem in den Stadtrat einbringen (Sächsische Zeitung). Im Ernstfall könnte die Lesung dann tatsächlich verboten werden. 

"Noch gilt in Deutschland das Recht auf freie Meinung, auch für Autoren und das Literaturfest."
Daniel Bahrmann

Daniel Bahrmann vom Literaturfest hat daher vorab eine Stellungnahme an die Stadträte verschickt, die auch bento vorliegt. Darin appeliert er an die Vernunft der Politiker: "Noch gilt in Deutschland das Recht auf freie Meinung, auch für Autoren und das Literaturfest."

Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) wollte sich auf mehrfache Nachfrage von bento nicht zu den Forderungen äußern. Das Stadtoberhaupt sei den restlichen Tag über bei einer Sitzung des Tourismusverbandes, teilte die Stadtverwaltung mit. Ob die Lesung wie geplant stattfinden kann, werde derzeit geprüft.


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