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Bild: dpa / Karl-Josef Hildenbrand

Gerechtigkeit

Rhabbi, Papa Türk, Mexikaner: Dürfen Getränke so heißen? Wir haben nachgefragt

17.12.2015, 18:40 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Unternehmen wollen auffallen mit ihren Produkten. Müssen sie auch, schließlich reiht sich im Supermarktregal Getränk an Getränk an Getränk an Getränk. Unternehmen wollen auch unterhalten mit ihren Produkten, überraschen, eine Geschichte erzählen. Oft gelingt das, oft auch nicht.

"Müllermilch“ musste das kürzlich erfahren: Auf einer Milchflasche räkelten sich Pin-up-Girls, die Sorte "Sharon Sheila Schoko" zeigte eine dunkelhäutige Frau mit einem Stück Schokolade auf dem Schoß. Rassistisch sei das, ärgerten sich etliche auf Twitter, sexistisch und geschmacklos, #ichkaufdasnicht.

Und was ist mit lustigen Rabbinern, scharfen Mexikanern und Papa Türk auf Getränkeflaschen? Ärgerliche Stereotype oder lustige Idee?

Wir haben bei denen nachgefragt, die da abgebildet sein sollen:

"Rhabbi"

Was sagen die Macher?

Elvis Nikolic, Mitarbeiter von "Rhabbi", sagt, das Unternehmen habe extra mit Mitgliedern aus der jüdischen Gemeinde über das Design gesprochen und positives Feedback bekommen.

Kritik kam von anderer Seite: "Menschen mit einem ‘braunen’ Hintergrund haben eher ein Problem mit der Aufmachung - da fielen in der Vergangenheit schon Sprüche wie: ‘Ich hole mir doch keinen Juden ins Haus’. Ansonsten ist der Name und das Logo bei 99 Prozent aller Menschen überhaupt kein Thema.

Dennoch haben wir vor circa drei Monaten beschlossen, den Rabbiner aus dem Logo verschwinden zu lassen, weil wir keine Plattform für unsinnige und und unsachliche Diskussionen geben wollen. Wir möchten nicht, dass unser Getränk von gewissen Gruppen zweckentfremdet wird."

Was sagen Juden zum ursprünglichen Logo?

Rabbiner Julian-Chaim Soussan, Jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main

"Ich selbst und alle anderen Menschen jüdischen Glaubens, die ich gefragt habe, fanden das eher amüsant. Wenn wir geklärt haben, ob das Getränk auch koscher ist, werde ich selbst einige Kisten bestellen. Schon allein, um das zu unterstützen und aus dem Spaß, das Getränk als Rabbi anbieten zu können.

Nichts daran stört mich, ich bewundere eher den Mut der Hersteller. Nach deren Aussagen haben sich auch tatsächlich nur Nichtjuden beschwert, wohl aus einem missverstandenen Gefühl, generell auf Juden Rücksicht nehmen zu müssen. Eine solche Reaktion zeigt, wie weit wir in Deutschland noch von einem normalen Verhältnis zwischen deutschen Nichtjuden und Juden entfernt sind.

Armin Langer, angehender Rhabbiner

"Man darf sich über Rabbiner lustig machen. Besonders die jüdischen Gemeindemitglieder sind sehr gut darin. Man trifft in Deutschland so selten auf positive Assoziationen, wenn es um Juden geht.

Wir hören nur von Holocaust und Antisemitismus - über Juden können wir nicht lachen. Und dann plötzlich kommt ein lächelnder Rabbiner auf dieses Getränk!“

Daniel Killy, Jüdische Gemeinde Hamburg

"Ich erkenne bei dem Bild nichts, wo man die Rassismuskeule schwingen müsste. Man kann manche Aufregung auch übertreiben."

"Papa Türk"

Was sagen die Macher?

Jan Plewinski hat das Getränk mit erfunden, es wirke "neutralisierend gegen Essengerüche in ca. 60 Minuten", versprechen sie auf ihrer Webseite. Er sagt, der auf der Flasche abgebildete Mann sei schon lange ein Freund und arbeite tatsächlich in einem Dönerladen. “Der Name ist eine Hommage an ihn und unser Lieblings-Fastfood, das eben einen türkischen Ursprung hat. Uns liegt nichts ferner als Rassismus. Ganz im Gegenteil wünschen wir uns eher, dass Papa Türk mit einem multikulturellen Deutschland in Verbindung gebracht wird."

Was sagen Menschen mit türkischen Wurzeln?

Fuat, 27

"Auf der einen Seite finde ich das lustig. Ich glaube, die haben das nur gemacht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber wenn das gut schmeckt, ist der Name doch egal.“

Gökay Sofuoğlu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland

"Ich finde es geschmacklos, aber das als rassistisch zu bezeichnen, wäre etwas überzogen. Man sollte aufpassen, Klischees nicht zur Marke zu machen. Wir haben Produkte mit Namen wie 'Negerkuss' und Ähnliches vom Markt genommen, und brauchen keine neuen Ausdrücke, die unnötige Diskussionen auslösen."

Vural Ünlü, Vorstandssprecher der Türkischen Gemeinde in Bayern e.V.

"Ich denke schon, dass der Name des Getränks im wahrsten Sinne des Wortes ein Gschmäckle hat. Er unterstellt, dass Türken ein Heilmittel für ihren eigenen Mundgeruch entwickelt haben. Und das treibt dann schon die Vorurteile und reiht sich ein in sprachlichen Rassismus à la 'Zigeunersauce' und 'Mohrenkopf'. Dass das Logo cool und poppig gestaltet und an den Lieblingsdönerladen der Erfinder angelehnt ist, taugt somit nicht als Ausrede."

"Mexikaner"

Finally i found them! #mexikaner #hamburg #deutschland

Ein von Ann Külaots (@kulaotsann) gepostetes Foto am

Was sagen die Macher?


Moritz Preiss, Mitarbeiter des Unternehmens, sagt, sie hätten nicht mit Stereotypen spielen wollen und deswegen bewusst auf Sombreros und Ponchos verzichtet.

Was sagen Menschen mit mexikanischen Wurzeln?

Sebastian, 19, Sohn eines deutschen Vaters und einer mexikanischen Mutter

"Ich finde das Getränk nicht rassistisch. Ich finde das eher unkreativ."

Norma Kesting vom deutsch-mexikanischen Freundeskreis in Hamburg

"Als Mexikanerin finde ich das beleidigend. Ich mag es nicht, dass ein Getränk so genannt wird, nur weil es scharf ist."

José Javier Reyes vom Unternehmen "Viva Mexico Fiesta":

"Das ist nur ein Marketing-Gag. So etwas trinken wir in Mexiko außerdem gar nicht. Das ist eine deutsche Erfindung, so wie Tequila mit Zimt."


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