Bild: bento/Nike Laurenz

Gerechtigkeit

"Ich bin deutscher als deutsch": Wie Raj ein neues Zuhause fand

23.10.2016, 17:23 · Aktualisiert: 24.10.2016, 10:14

Soll ich meine Heimat aufgeben? Soll ich mich von meiner Familie und meinen Freunden trennen? Will ich bei Menschen leben, die ich kaum kenne?

Raj, heute 27 Jahre alt, hatte wenig Zeit, über diese Fragen nachzudenken. 2006, mit 16 Jahren, musste er sich entscheiden: Er konnte aus Sri Lanka und vor einem Krieg fliehen, ein neues Leben beginnen – oder da bleiben, wo er geboren war, auch wenn dieser Ort kaum noch zu erkennen war.

Raj überlegte ein paar Wochen lang, mehr Zeit ließ der Krieg nicht zu. Er entschied sich.

Jetzt sitzt er in einem Café in der Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofs und bestellt sich eine Cola Zero. Es ist zum letzten Mal warm in diesem Jahr, Raj trägt ein schwarz-weißes Shirt und Jeans. Er beginnt zu erzählen, wie er das geschafft hat, was viele Menschen gerade in Deutschland versuchen: ankommen.

Rajs langer Weg in ein neues Zuhause – die Fotostrecke:

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Raj gehört nicht zu den Geflüchteten, die zu Fuß und per Boot über den Balkan und das Mittelmeer nach Europa gelangen.

Er kam mit einem Flugzeug. Seine Familie blieb am Gate zurück, doch Raj hatte einen Koffer mit seinen Sachen dabei. Eine Stewardess wich während des mehrstündigen Fluges von Sri Lanka nach Frankfurt nicht von seiner Seite.

Und trotzdem musste er in seinem Leben durchmachen, wovon in Deutschland wohl kaum jemand etwas versteht.

Damals, von 1983 bis 2009, wütete in Sri Lanka ein Bürgerkrieg, tamilische Separatisten kämpften um Unabhängigkeit. Der Krieg endete nach Jahrzehnten, als singhalesische Regierungstruppen die Rebellen niederschlugen. Die Uno schätzt, dass der Krieg mehr als 100.000 Opfer forderte.

Die bewaffneten Kämpfe sind vorbei, doch Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen, der größten Bevölkerungsgruppe Sri Lankas, gibt es noch immer. Zehntausende sind von der Insel geflohen. Viele Tamilen, auch Rajs Familie, gingen in ärmere Städte wie Maho im Norden, in denen mehrheitlich Tamilen leben.

Wir hatten keine Chance in dem Land
Raj

"In Maho fielen keine Bomben", sagt Raj. Seine Mutter konnte dort als Krankenschwester weiterarbeiten, der Vater musste seinen Job als Hafenarbeiter aufgeben.

Er und seine beiden Geschwister hätten in ihrem Heimatland keine Chancen gehabt, sagt Raj. "Tamilen wurden so diskriminiert, dass man selbst mit einem Schulabschluss kaum hätte arbeiten können."

Er sei ein fauler Junge gewesen, sagt Raj. Seine Stimme zittert.

In die Schule sei er nicht gern gegangen, habe oft geschwänzt. Nach der Grundschule hatten die meisten Schulen ohnehin wegen des Krieges geschlossen.

Das Ticket für eine Verbindung, die Raj nie vergessen wird: Colombo, Sri Lanka – Frankfurt

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Raj wurde erwachsen, während sich vor seiner Haustür Panzer über die Straße schoben. Zur selben Zeit gingen 16-Jährige in Europa auf Britney-Konzerte, machten Praktika beim Tierarzt und lernten die Liebe kennen, in echt oder bei GZSZ. "Ich will ein besseres Leben", dachte Raj.

"Junge, du musst gehen", sagte seine Mutter.

Meine Eltern wollten nur das Beste. Das gab es in Sri Lanka aber nicht
Raj

Im Frühjahr 2006 war es soweit. Raj flog mit einem Touristenvisum nach Deutschland – um bei Onkel und Tante einzuziehen, auch Geflüchtete, die seit vielen Jahren in Dortmund wohnten und versprochen hatten, ihn zu adoptieren. Raj hatte sie zweimal im Leben gesehen.

Als er ins Flugzeug stieg, brannte die Sonne auf die Maschine. Als er Stunden später ausstieg, ließ ihn die deutsche Märzluft frösteln.

Mit seiner Ankunft in Deutschland begann eine furchtbare Zeit, sagt Raj. Sein Onkel, von dessen Alkoholsucht niemand ahnte, habe ihn schwer misshandelt. Während der Mann trank, habe Raj seinen Kiosk geschmissen.

Jeden Morgen stand er ab 4 Uhr im Laden. "Sonst bekam ich Schläge."

Raj verkaufte Zeitungen, Kaugummi, Bier. An den wenigen Tagen, an denen er zur Hauptschule ging, fiel er auf. "Ich war immer so traurig. Ich konnte kaum Deutsch und hatte keine Zeit, es zu lernen. Ich wollte nur nach Hause", sagt Raj.

Zumindest mit den Eltern in Sri Lanka durfte er telefonieren. "Doch die sagten, ich solle abwarten."

Begriff für Begriff: Raj las deutsche Bücher, um in Deutschland klarzukommen

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Eine Sozialarbeiterin der Schule habe erkannt, dass Abwarten gefährlich war. Sie habe Raj gefragt: "Ist alles in Ordnung?"

Raj erzählt, wie es in brüchigem Englisch aus ihm herausbrach: die Beleidigungen. Die viele Arbeit. Die Tante, die sich aus allem raushielt, ständige Misshandlungen zuließ. Die Angst, etwas falsch zu machen.

Die Sozialarbeiterin habe einen Satz formuliert, den Raj schon einmal gehört hatte: "Wenn das enden soll, musst du gehen."

Das Jugendamt kam, um Raj zu holen.

Ist alles in Ordnung?
Sozialarbeiterin der Schule

Seine braunen Augen sehen leer aus, wenn Raj sich an diese Momente erinnert und davon erzählt. Seine Hände liegen ruhig in seinem Schoß, auf der Stirn steht Schweiß.

Mit 17 war Raj wieder auf der Flucht. Dieses Mal ging es ins Heim. Und in die Wüste der deutschen Bürokratie: Sein Asylantrag wegen gescheiterter Adoption wurde abgelehnt, Raj sollte abgeschoben werden, sobald er 18 war. Bis dahin galt er als geduldet, durfte Nordrhein-Westfalen aber nicht verlassen.

Im Heim fand Raj kaum Freunde. "Ich war der totale Einzelgänger", sagt er. Den Kontakt zum Onkel hatte er abgebrochen – da wusste er noch nicht, dass der sich bald in den Tod trinken würde. Raj rief zu Hause in Sri Lanka an. Die Mutter weinte: "Wir haben kein Geld."

Kurz vor seinem 18. Geburtstag brachte die Post den Abschiebungsbescheid. Ein Brief, der ihn aufforderte, zu gehen.

Aber Raj wollte nicht gehen – trotz der vielen langen Tage im Heim, der Einsamkeit. Er hatte Zeit, er hatte deutsche Bücher gelesen, deutsche Fernsehserien verschlungen und Redewendungen auswendig gelernt: "Die Flinte ins Korn werfen. Butter bei die Fische."

Rajs Fußmatte: "Ich kam, sah und siegte"

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Beim Land NRW stellte er einen Härtefallantrag. Sozialarbeiter und ein Pfarrer halfen ihm.

"Ich bin deutscher als deutsch", sagt er ohne Akzent. "Ich war nie kriminell. Ich hab gelernt, mich angepasst." Raj bekam die Erlaubnis zu bleiben.

Er ist jetzt auf dem Weg in seine Wohnung, sie liegt nur ein paar Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Er redet schnell, fast beschwörend: "Ich habe meinen Hauptschulabschluss nachgeholt, nebenbei gekellnert. Ich habe einen Realschulabschluss gemacht. Ich mache gerade Fachabitur."

Raj heute: "Ich bleibe cool"

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In seiner Wohnung ist es ordentlich. Es gibt ein Sofa, ein Bücherregal, einen Kühlschrank mit Orangensaft und Aufschnitt drin und eine kleine Gebetsecke. "Ich lese oft Nachrichten", sagt er. "Auch wenn ich das Wort 'Flüchtling' nicht mag, weil es abwertend klingt: Die Flüchtlingskrise verfolge ich genau."

Rajs eigene Krise ist vorüber. Er macht gerade ein Praktikum im Dortmunder Rathaus, um das Fachabi abschließen zu können. Dafür bekommt er Geld. Er ist Kraftsportler, hilft ehrenamtlich älteren Menschen und, bei diesem Satz schmunzelt er: "Ich gucke immer noch viel Fernsehen."

Er hat Freunde gefunden, hatte auch schon eine Freundin. Und verfolgt jetzt einen großen Traum: Polizist werden. Bei der Aufnahmeprüfung der Bundespolizei fiel er vor einiger Zeit durch, "ich hab das Diktat nicht geschafft." Demnächst will er es wieder versuchen, bei der Landespolizei in Münster.

Ich mag das Wort 'Flüchtling' nicht
Raj

Raj streicht über das Wörterbuch, das ihm durch die ersten Jahre in Deutschland half. Ab und zu, sagt er, vermisse er Sri Lanka. "Immer, wenn das Wetter hier schlecht wird."

Nach einer längeren Kontaktpause telefoniere er nun wieder öfter mit seiner Mutter. "Sie kann nicht nachfühlen, was ich durchgemacht habe. Das ist okay", sagt Raj. Am Telefon reden sie über seinen Job im Rathaus, darüber, wie gut es ihm jetzt geht.

Die Mutter mache sich manchmal trotzdem Sorgen. "Dann bleibe ich ganz cool", sagt Raj. So, wie er es in den vergangenen zehn Jahren gelernt hat.


Alle Fotos: Nike Laurenz / bento


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