Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki

Gerechtigkeit

In Nepal werden Frauen verbannt, wenn sie ihre Periode haben. So kämpfen sie dagegen

02.10.2017, 17:22 · Aktualisiert: 02.10.2017, 17:28

Wer seine Tage hat, darf nichts mehr anfassen. Keine anderen Menschen. Keine Ziegen oder Kühe. Kein Obst oder Gemüse, und erst recht keinen Wassereimer.

Wer seine Tage hat, wird verbannt. In einen Kuhstall oder irgendeine kleine Hütte. Hauptsache, weit weg von allem. Frühestens am fünften Tag nach Einsetzen der Periode ist die Rückkehr ins Leben erlaubt.

"Chhaupadi" heißt dieser Brauch aus Nepal.

Er wurde dort 2005 vom Verfassungsgericht verboten – und wird trotzdem vor allem im Westen des Landes noch immer praktiziert.

Frauen und Mädchen müssen dort oft in eisiger Kälte in "Menstruationshütten" ausharren. Mindestens zehn seien dabei in den vergangenen zehn Jahren an Schlangenbissen, Unterkühlung oder starken Blutungen gestorben

beklagen Frauenrechtle.

Drei Monate Haft und 25 Euro Strafe

Unterstützt von den Vereinten Nationen kämpfen Aktivistinnen seit Jahren für ein Ende der Diskriminierung. Im August feierten sie nun einen Erfolg: Das Parlament in der Hauptstadt Kathmandu verabschiedete ein Gesetz,

 das die Verbannung von Frauen während ihrer Menstruation unter Strafe stellt. Drei Monate Haft und eine Geldstrafe von 3000 Rupien (rund 25 Euro) drohen bei Verstoß - allerdings erst ab nächstem Sommer. Da es sich um "eine tief verwurzelte Tradition"

 in Teilen des Landes handele, brauche das Gesetz "eine Vorbereitungszeit", heißt es.

Und die Verbannung aus dem Haus ist nicht die einzige Schikane, der Frauen und Mädchen in Nepal während ihrer Tage ausgesetzt sind. Solange sie bluten, dürfen sie sich nicht die Haare kämmen, die Nägel schneiden oder in einen Spiegel blicken. 

Auch Milch trinken, Obst und Gemüse ernten oder Essen kochen ist verboten. Und in die Schule trauen sich ohnehin nur die wenigsten, wenn sie ihre Tage haben, weil Binden oder Tampons fehlen.

Die britische Hilfsorganisation "WaterAid" setzt sich im Distrikt Sindhuli, östlich von Kathmandu, für die Mädchen ein.

Mitarbeiter organisierten einen Aufklärungs-Workshop und verteilten Digitalkameras an die Jugendlichen. Sie sollten fotografieren, was "Chhaupadi" für sie bedeutet. Herausgekommen sind starke Bilder - die sogar einige Familienangehörige zum Umdenken brachten. 

Rabina, 17, lebt in einem Dorf östlich von Nepals Hauptstadt Kathmandu:

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

Als ich zum ersten Mal meine Periode bekommen habe, durfte ich mein Zimmer 22 Tage lang nicht verlassen

erzählt sie. "Ich durfte keine Früchte essen und kein Wasser berühren. Deshalb konnte ich mich auch nicht richtig waschen. 

Mir wurde gesagt, dass alle Pflanzen, die ich anfasse, während ich meine Tage habe, von einem Pilz befallen werden und verrotten."

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

Dieses Foto hat Rabina im Rahmen eines Fotoworkshops gemacht. Es zeigt ihre Schwägerin. "Sie ist traurig, weil sie ihre Tage hat", erklärt die 17-Jährige. "Meine Tante meint immer noch, dass man verflucht wird und in der Hölle endet, wenn man sich nicht an die Verbote hält." 

 Und verboten ist zum Beispiel auch, während seiner Periode einen Ochsen, eine Kuh oder eine Ziege zu berühren. 

Oder in den Spiegel zu schauen und sich die Haare zu kämmen. Ich bin der Überzeugung, dass das nur Aberglaube ist."Sie habe es selbst ausprobiert, sagt Rabina:

Ich habe einen Rettich angefasst, und er ist nicht verrottet! Ich habe sogar eine Mango vom Baum gepflückt und gegessen. Die Frucht ist nicht schlecht geworden, der Baum ist nicht vertrocknet, und ich bin nicht gestorben. Deshalb glaube ich so ein Zeug jetzt nicht mehr.
An diesem Brunnen wäscht sich Rabina täglich. Wenn Männer in der Nähe sind, fühle sie sich dabei sehr unwohl, sagt sie. "Meine Binden wasche ich nur, wenn niemand da ist."

An diesem Brunnen wäscht sich Rabina täglich. Wenn Männer in der Nähe sind, fühle sie sich dabei sehr unwohl, sagt sie. "Meine Binden wasche ich nur, wenn niemand da ist." (Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

"Früher musste ich während der Menstruation dieses besondere Geschirr benutzen", sagt Rabina. 

"Das ist jetzt nicht mehr so, ich darf beim Essen sogar zusammen mit meiner Familie am Tisch sitzen." 

Aber die Küche dürfe sie während ihrer Periode immer noch nicht betreten.

"Es hat sich schon einiges verbessert, aber es liegt noch ein weiter Weg vor mir", sagt Rabina. Es gebe immer noch Menschen, die Angst haben vor der Vorstellung, eine menstruierende Frau könne ein Rind anfassen.

Hier hat Rabina ihre beiden kleinen Schwestern fotografiert. "Weil ich wegen dieses Aberglaubens so viel gelitten habe, werde ich mich dafür einsetzen, dass es in Zukunft anderen besser ergeht", sagt sie.

Hier hat Rabina ihre beiden kleinen Schwestern fotografiert. "Weil ich wegen dieses Aberglaubens so viel gelitten habe, werde ich mich dafür einsetzen, dass es in Zukunft anderen besser ergeht", sagt sie. (Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

Manisha, 16, hat ähnliche Erfahrungen wie Rabina gemacht:

"Früher durfte ich nicht zur Schule gehen und auch nicht lesen oder schreiben, wenn ich meine Tage hatte" , erzählt sie. 

Nun gebe es "nur" noch das Küchenverbot: 

"Mein Großvater würde nichts anrühren, was ich gekocht oder angefasst habe, wenn ich meine Tage habe. Deshalb verbietet mir meine Mutter, die Küche zu betreten. Ich finde das traurig, aber es wird wohl Jahre dauern, bis sich das ändern wird. 

Meine jüngeren Schwestern sollen es mal besser haben. Dafür setze ich mich ein."

Sushma, 17, erzählt, dass die Schultoilette früher nicht abschließbar war. 

Deshalb musste immer jemand draußen Wache stehen. Es gab auch keinen anderen Ort, wo man seine Binde hätte wechseln können, und nichts zum Entsorgen. Wir sind meist während der Menstruation gar nicht in die Schule gegangen. Fünf, sechs Tage jeden Monat haben wir deshalb den Unterricht verpasst

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

Nun habe sich einiges geändert, berichtet Sushma. Es gebe nun diese "mädchenfreundlichen Klos, in denen auch Binden entsorgt werden können". Und:

 "Wir bekommen sogar gratis Binden in der Schule. Früher wäre es mir peinlich gewesen, mit einem männlichen Lehrer darüber zu sprechen, aber jetzt macht es mir nichts aus."

Sabina (ganz links), 15, berichtet, dass in ihrer Familie der alte Brauch nun nicht mehr gilt: 

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

"Wenn wir früher unsere Tage hatten, haben unsere Eltern gesagt, wir dürften nicht im Bett schlafen. Wir mussten uns vor Sonnenaufgang waschen und durften unsere Haare nicht kämmen, deshalb haben wir uns mies gefühlt. Jetzt dürfen wir bis auf den Tempel überall hingehen, auch in die Küche und ins Schlafzimmer."

Wenn sie ihre Tage habe, dürfe sie "herumlaufen, Verwandte besuchen, spielen, alles machen, was ich will", sagt Sabina. Dafür sei sie sehr dankbar.

Auch für Rita, 17, hat sich viel verbessert, seit eine Hilfsorganisation in ihre Dorf einen Aufklärungsworkshop veranstaltet hat. 

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

"Früchte wie Bananen, Papaya oder Granatäpfel werden Gott als Opfergabe gereicht. Mir wurde gesagt, deshalb dürfe ich sie nicht essen, wenn ich meine Tage habe", erzählt sie. "Ich durfte die Pflanzen auch nicht anfassen. 

Aber jetzt hat meine Familie verstanden, dass es gar keinen Fluch gibt. Nichts passiert, wenn wir während unserer Periode Früchte essen. 

Im Gegenteil: Obst zu essen, während man seine Tage hat, stärkt den Körper. In meiner Familie werde ich deshalb dazu jetzt sogar ermuntert."

(Bild: WaterAid/Rabina Budhathoki)

Die Mädchen wissen, dass sie sie ordentlich waschen und trocknen müssen, aber das sei oft gar nicht so einfach, berichten sie. Schließlich sollen Männer sie nicht zu Gesicht bekommen."Wenn ich früher aus Versehen während meiner Periode den Gemüsegarten betreten habe, haben mich meine Mutter und meine 

Großmutter geschimpft", sagt Rita. 

"Das Gemüse verwelkt, haben sie gesagt. Jetzt halten sie mich nicht mehr davon ab. Meine Mutter hat unsere Fotoausstellung gesehen und mich danach zum ersten Mal in den Garten gelassen, obwohl ich meine Tage hatte. 

Sie war sehr skeptisch - aber die Pflanzen sind nicht gestorben. Ich konnte ihnen beweisen, dass das alles Quatsch ist. Und deshalb darf ich jetzt zu jeder Zeit Gemüse aus dem Garten holen."

Dieser Text ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

Untersuchung: Studenten bewerten Dozentinnen schlechter als männliche Kollegen

02.10.2017, 16:46

Warum?

Schlechtere Bezahlung, weniger Chancen auf Führungspositionen: Frauen werden in der Arbeitswelt nach wie vor diskriminiert – auch an der Uni. Ein möglicher Grund: Frauen in der Wissenschaft wird oft weniger Kompetenz zugesprochen als Männern. Das zeigt eine neue Studie des Institute of Labor Economics, initiiert von der Deutschen Post Stiftung.

Diese ergab, dass Dozentinnen an Hochschulen weitaus schlechter bewertet werden als ihre männlichen Kollegen – und das von Studierenden selbst.