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Gerechtigkeit

Erklärt: Warum in Frankreich jetzt jeder automatisch Organspender ist

10.01.2017, 14:59

Seit diesem Jahr gilt in Frankreich ein neues Gesetz: Jeder ist von nun an potenzieller Organspender – es sei denn, er oder sie hat sich während seines Lebens ausdrücklich dagegen entschieden. Man nennt dieses Prinzip "Widerspruchslösung". Es soll die Zahl der Transplantationen erhöhen und dazu führen, dass mehr Leben gerettet werden können.

In Deutschland gilt die umgekehrte Idee: Wer Organspender werden will, muss sich ausdrücklich dazu entscheiden. Innerhalb der Europäischen Union steht Deutschland damit eher alleine da – Frankreich ist das 23. europäische Land, das sich für die Widerspruchslösung entscheidet ("Welt").

Was genau sieht das neue Gesetz vor?

Sobald ein Franzose 18 Jahre alt wird, wird er nun darüber informiert, dass ihm nach seinem Tod Organe zur Spende entnommen werden können.

Wer das nicht möchte, kann dem widersprechen, indem er sich online in einem Widerspruchsregister einträgt oder seinen Angehörigen diesen Wunsch mitteilt. Diese müssen nach dem Tod eines Patienten in jedem Fall von Ärzten kontaktiert werden.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Hier wird nicht jeder 18-Jährige automatisch zum Organspender. Interessenten müssen sich selbst um einen Organspendeausweis kümmern – es gilt das Prinzip der sogenannten "Entscheidelösung".

Weil das so ist, gibt es viel zu wenige Organspender. Derzeit warten 10.238 Menschen auf eine Spende – im Jahr 2015 wurden allerdings gerade einmal 877 Organe transplantiert.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei der Zahl der Organspenden weit hinter Ländern, die eine Widerspruchslösung haben – wie Spanien, jetzt Frankreich und auch bald die Niederlande. (eurotransplant / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Hier seht ihr, wie viele Organspender es in Europa je 1 Million Einwohner gibt:

Infografik: Organspender in Europa | Statista

Warum spenden in Deutschland so wenige ihre Organe?

Ein Grund könnten die Organspendeskandale von 2012 sein, die das Vertrauen vieler Menschen in das System erschüttert haben. In mehreren Städten Deutschlands hatten damals Ärzte Patientenakten manipuliert, um für diese schnellere Organspenden zu erzielen ("Süddeutsche Zeitung").

Entsprechend sank in den vergangenen Jahren die Bereitschaft zur Organspende:

Infografik: Zahl der Organspender seit 2011 stark gesunken | Statista

Grundsätzlich sind viele allerdings bereit, ihre Organe zu spenden: Laut einer aktuellen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sagen 81 Prozent der Deutschen, dass sie einer Organ- und Gewebespende zustimmen würden. Ausgefüllt haben allerdings nur knapp ein Drittel einen Organspendeausweis.

Laut der Studie sind nur acht Prozent der Deutschen explizit gegen eine Organspende, 42 Prozent haben sich gar nicht mit dem Thema befasst. Den meisten Menschen ist es also ziemlich egal, was nach ihrem Tod mit ihren Innereien passiert. Das Problem: Niemand beschäftigt sich gern mit seinem eigenen Tod. Sich einen Organspendeausweis zuzulegen, ihn auszufüllen und immer bei sich tragen – das bedeutet, über seinen Tod nachzudenken.

Wie kann trotzdem ein Umdenken erreicht werden?

Alle zwei Jahre verschicken Krankenkassen Infomaterial und Organspendeausweise – um mehr Menschen zu erreichen. Radikaler wäre aber eine Widerspruchslösung wie jetzt in Frankreich. Aus folgenden Gründen:

  1. Es würde Angehörige von der Entscheidung entlasten, über eine Organentnahme bei Betroffenen zu entscheiden.
  2. Viele Menschen, die sich nicht für Organspenden interessieren, würden nun als Spender infrage kommen.
  3. Vor allem müssten sich alle durch so ein Gesetz mit dem Thema auseinandersetzen.

Jeder Mensch muss das Recht haben, seine Organe auch über den Tod hinaus zu behalten – und jeder sollte darüber frei entscheiden können. Allerdings sollte es zur Pflicht werden, diese Entscheidung zu treffen. Genau das hat Frankreich gerade gemacht.


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