Bild: Steffen Lüdke

12.07.2018, 08:48 · Aktualisiert: 12.07.2018, 10:14

Die Tochter eines Ermordeten und weitere Menschen erzählen, was ihnen das NSU-Urteil bedeutet.

Lebenslange Haft für Beate Zschäpe. Das ist das Urteil im Prozess gegen den NSU (bento). Für das Gericht ist Zschäpe genauso Täterin wie ihre Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Zusammen ermordete das Trio zehn Menschen. Das Motiv in den meisten Fällen: Fremdenfeindlichkeit.

Eines der zehn Opfer: Süleyman Taşköprü.

An einem Vormittag im Juni 2001 kommen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in sein Lebensmittelgeschäft in der Schützenstraße in Hamburg-Bahrenfeld. Sie schießen dem 39-Jährigen in den Kopf, sein Vater sieht die Männer weggehen.

Ein Gedenkstein am Haus erinnert heute an Süleyman Taşköprü. Eine Straße in der Umgebung ist nach ihm benannt. (Hamburger Abendblatt)

Am Abend nach der Verkündung des Urteils haben sich nur wenige Meter davon rund 200 Menschen auf einem Platz versammelt. Sie gedenken der Opfer und fordern: Der heutige Tag darf kein Schlussstrich sein. Die Aufklärung soll weitergehen.

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Wir haben vier von ihnen gefragt, was das Urteil für sie bedeutet.

A. Taşköprü, 20, Tochter des Opfers

A. möchte nicht erkannt werden.

A. möchte nicht erkannt werden. (Bild: dpa/Axel Heimken)

Dieses Urteil bedeutet mir nichts. Echte Aufklärung sieht anders aus. Ich bin heute 20, zum Zeitpunkt des Mordes war ich erst drei, vier Jahre alt.

Diese Menschen haben mir meinen Vater weggenommen. Und auch die Chance, ihn kennenzulernen.

Ein Ende wird es für uns nicht geben. Meiner Familie und mir ist es wichtig, dass die Sache nicht in Vergessenheit gerät.

Deshalb bin ich einerseits froh, dass heute so viele Menschen hier sind. Aber es sind ja doch vor allem Menschen mit ausschließlich deutschen Wurzeln, die hier demonstrieren. Ich hätte gehofft, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund kommen, um uns zu unterstützen.

Christoph, 37

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. In den 90ern brannten in Deutschland die Flüchtlingsheime. Zehn Minuten von meiner Heimat entfernt, in Mölln, starben drei türkische Frauen bei einem Brandanschlag.

Wenn man so aussieht wie ich, fängt man irgendwann an, sich zu wehren.

Mittlerweile gehe ich seit zwanzig Jahren auf antirassistische Kundgebungen und Demos. Heute ist vieles wie damals. Die Geschichte wiederholt sich. Es hat nur noch keine Todesopfer gegeben. So etwas wie die NSU-Morde könnte jederzeit wieder passieren. Das Urteil wirkt deshalb auf mich ein bisschen wie Symbolpolitik.

Ja, Beate Zschäpe kennt jeder, die ist hart bestraft worden. Der ebenfalls Angeklagte André E. aber ist seit heute in Freiheit. Die Berichterstattung über den Prozess habe ich verfolgt, Unterstützer wie André E. kamen in den Medien nur selten vor. Dieses Netzwerk aus unterstützenden Neonazis wurde bisher zu wenig beleuchtet.

Behçet, 64

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Ich bin ein Freund der Familie, mein Friseurladen ist ganz in der Nähe des Tatorts. Ich habe die ganze Sache von Anfang an mitbekommen, habe erlebt, wie einige Medien hier von "Döner-Morden" schrieben. Das Wort ist das peinlichste Wort in der deutschen Sprache.

Das Urteil zeigt, dass wir in einem Rechtsstaat leben, deshalb begrüße ich es.

Aber dass Zschäpe lebenslang bekommen hat, ist mir egal, es interessiert mich nicht.

Wer hat die Fäden gezogen? Wer hat sie unterstützt, wer hat sie versteckt? Wie ist der Verfassungsschutz in die Sache verwickelt? Diese Fragen sind auch heute noch offen. Kanzlerin Merkel hat uns Aufklärung versprochen. Ich denke nicht, dass diese bereits geleistet wurde. Wir warten schon seit Jahren.

Laura, 28

(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Das Urteil deprimiert mich, ich hätte mir härtere Strafen erhofft. Als das Strafmaß für André E. verkündet wurde, die zweieinhalb Jahre Gefängnis, haben Neonazis im Saal gejohlt und applaudiert.

Bei der Vorstellung schaudert es mir.

Vor dem Gericht haben Demonstranten gerufen: "NSU sind nicht nur drei." Natürlich gibt es ein Netzwerk der Neonazis. Sie sind sogar nach München gefahren und haben von der Tribüne applaudiert. Ich bin wütend, dass so wenig unternommen wird, um diese Menschen zu finden.


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Seehofer bedauert Aussage zu Abschiebungen nicht und will auch nicht zurücktreten

12.07.2018, 08:29 · Aktualisiert: 12.07.2018, 11:50

3 wichtige Zitate

Horst Seehofer hat sich zu den Rücktrittsforderungen und seiner Bemerkung über die Abschiebungen nach Afghanistan geäußert (bento). Er bedaure den Suizid eines jungen afghanischen Asylbewerbers, sagte er am Mittwochabend. Seine Aussage zu den Abschiebungen bedauere er aber nicht.