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Gerechtigkeit

​Warum ich meine No-Go-Area liebe

18.10.2016, 10:47 · Aktualisiert: 18.10.2016, 12:02

Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh und auch mein Kiez in Dortmund sind angeblich No-Go-Areas. Was für ein Quatsch!

Ein Trinkpäckchen hat in Dortmund eine große Debatte ausgelöst. Ein 24-jähriger Mann hat es auf einen vorbeifahrenden Streifenwagen geworfen. Nicht irgendwo, sondern in der Dortmunder Nordstadt. Als zwei Zivilpolizisten den Täter zur Rede stellen wollten, wurden sie laut Polizeiangaben von rund 100 Männern umzingelt, beleidigt und bedrängt. "Der Westen" berichtet von einer "bedrohlichen Szenerie". Und schreibt: "Zuletzt habe es das Phänomen immer häufiger gegeben, dass sich Personen 'zusammenrotten' und versuchten, Einfluss auf die Beamten auszuüben, so die Polizei.

Kurze Zeit später diskutierte der Landtag Nordrhein-Westfalen über No-Go-Areas in Dortmund. Und der CDU-Landtagsabgeordnete Gregor Golland sagte der "Welt", "solche Straßenzüge [seien] für ungeschützte Normalbürger längst unzumutbar".

Blödsinn!

Ich bin einer dieser Normalbürger. Ich wohne keine fünf Minuten vom Ort des Geschehens entfernt — und ich wohne hier sogar ziemlich gerne. Ich bin vor fünf Jahren zum Studieren hingezogen, wie viele andere auch.

Im Slider: So sieht die Nordstadt aus

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Seitdem habe ich mich in die Dortmunder Nordstadt verliebt. Das hat verschiedene Gründe:

  • Hier wohnt es sich zum Beispiel deutlich billiger als in vielen anderen Städten. Für das Geld, das ich für meine Wohnung ausgebe, gibt es in Köln oder Hamburg nicht mal eine Abstellkammer im Harry-Potter-Stil.
  • Vor meiner Haustür habe ich die Wahl zwischen dem deutschen Discounter und dem türkischen Supermarkt mit frischem Gemüse und großer Fleischtheke. Wenn ich ein paar hundert Meter weiter laufe, kommen noch jede Menge türkische, marrokanische oder libanesische Geschäfte, Imbisse und Restaurants dazu. Nirgendwo sonst in Dortmund kann man mit so wenig Geld so gut essen und trinken.
  • Ich mag die Kneipen, die Programmkinos, das "Depot" mit seinen Ausstellungen und den Fredenbaumpark, in dem im Sommer Junge, Alte, Singles und Familien grillen. An sonnigen Tagen liege ich am "Nordstrand", dem Dortmunder Kanal, und im Winter wärme ich mich mit türkischem Cay oder dem besten portugiesischem Kaffee weit und breit. Dann sind da noch die Flohmärkte, auf denen zugezogene Akademiker und die Ur-Nordstädter gemeinsam nach Schnäppchen suchen. Charme und Atmosphäre kann man nicht mit Geld erschaffen, das muss langsam entstehen.

Natürlich gibt es hier auch eine Menge sozialer Probleme: Viele Bewohner des Stadtteils leben in Armut. Als es im Ruhrgebiet noch Industrie im großen Stil gab, war die Nordstadt ein klassisches Arbeiterviertel. Heute ist hier fast ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos — mehr als doppelt so viel wie im städtischen Durchschnitt.

Vor allem viele Migranten aus Rumänien und Bulgarien haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt und finden nur schwer vernünftige Wohnungen. In einigen Fällen führt das dazu, dass sie in überfüllten Matratzenlagern wohnen. ("Neue Osnabrücker Zeitung") Die gehören oft Vermietern, die die Not der Menschen ausnutzen.

Auch viele Flüchtlinge zieht es in die Nordstadt. Legal können sie kein Geld verdienen. Manche verkaufen deshalb Drogen in den Parks und auf den Straßen des Viertels. Und manchmal kommt es bei Polizei-Einsätzen zu hässlichen Szenen wie der eingangs beschriebenen.

Die vorhandenen Probleme machen die Nordstadt aber längst nicht zu einer No-Go-Area.

In den fünf Jahren, die ich hier lebe, wurde ich noch nie Opfer einer Straftat. Und das obwohl ich regelmäßig zu jeder Tages- und Nachtzeit an den angeblichen Brennpunkten von Kriminalität und Verrohung unterwegs bin. Natürlich werde ich fast täglich von Dealern gefragt, "ob ich was brauche". Mit einem einfachen "Nein danke" ist das aber erledigt.

Den meisten meiner Freunde geht es ähnlich; nur viele Freundinnen erzählen immer wieder, dass schmierige Typen sie nachts anquatschen. Seitdem der legale Straßenstrich am Rande des Viertels geschlossen wurde, fahren häufig Freier mit dem Auto suchend durchs Viertel. (taz)

Und trotzdem: Das Gerede von No-Go-Areas schafft viel mehr Probleme, als es löst.

Wer dauerhaft warnt, wie gefährlich Viertel wie die Nordstadt, Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln sind, schreckt vor allem Menschen ab — und schickt die Stadtteile damit nur noch weiter in eine Abwärts-Spirale.

Wer will schon in ein Viertel ziehen, das "normalen Bürgern nicht zumutbar ist"?

Das heißt nicht, dass man die Probleme einfach ignorieren sollte. Ein bisschen mehr Gelassenheit und Verantwortungsbewusstsein würden der Debatte aber guttun. Das gilt auch für die Lösungsansätze: Manche Politiker und vor allem die Vertreter der Polizeigewerkschaften sind sehr schnell darin, härtere Strafen zu fordern, für Drogendelikte zum Beispiel. (N24) Auch verlangen Polizeigewerkschafter – natürlich – gern mehr Polizisten. Höhere Haftstrafen lösen aber kein Drogenproblem.

Mindestens genauso wichtig ist es darum, Menschen zu helfen, Arbeit zu finden und sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Wer die Möglichkeit hat, legal Geld zu verdienen, wird nicht so schnell Gras verkaufen. Und wer nicht das Gefühl hat, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu sein, der verhält sich in der Regel auch nicht so.

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