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Gerechtigkeit

Benutzt du diese Nazi-Sätze – ohne es zu wissen?

26.11.2017, 09:33 · Aktualisiert: 04.12.2017, 11:07

Wenn wir Wörter wie "Mischvolk", "Endlösung" oder "Überfremdung" hören, sollten bei allen von uns sofort die Nazi-Alarmglocken klingeln – klar.

Aber es gibt Phrasen und einzelne Wörter, die vom Nationalsozialismus negativ belegt wurden und die nicht so eindeutig erkennbar sind. Viele davon haben sich über die Jahrzehnte hinweg in unserem täglichen Sprachgebrauch etabliert.

Würdest du sie erkennen? Oder benutzt du sie sogar selbst?

Wir haben Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin gefragt, warum manche Wörter nicht so harmlos sind, wie sie wirken und was ihre Verwendung mit uns macht.

Die Nationalsozialisten haben Sprache ganz gezielt eingesetzt, um ihre Ideologie in der Gesellschaft zu verankern und Macht auszuüben. Sie hatten sogar ein Propagandaministerium, das sich damit beschäftigt hat. Geistern ihre Begriffe noch immer in unserer Sprache umher?

Anatol Stefanowitsch: Ja, es gibt noch sehr viele davon.

Man muss zwei Kategorien unterscheiden: Einerseits gibt es Begriffe, die durch die Nazis eingeführt wurden, wie das Wort "Lügenpresse". Da ist der Fall eindeutig. Wer solche Wörter gezielt benutzt, bedient sich am Gedankengut der Nationalsozialisten. Und da frage ich mich, warum überhaupt noch darüber diskutiert wird, ob solche Ideen rechtsradikal sind.

Andererseits gibt es Begriffe, die es schon vor der NS-Zeit gab, die aber durch die Nazis eine bestimmte Bedeutung bekommen haben.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel das Wort "Volk". Das gab es natürlich schon vor den Nazis, es kann verschiedene Bedeutungen haben. In der Revolution von 1989, die zum Mauerfall geführt hat, wurde das Wort im Satz "Wir sind das Volk" als Abgrenzung der Bevölkerung gegenüber der Regierung verwendet. Politisch gibt es den Begriff als Definition von Staatszugehörigkeiten. Und dann gibt es die biologisch/ethnische Definition, wie die Nazis sie verwendet haben.

Anatol Stefanowitsch ist seit 2012 Professor der Linguistik an der Freien Universität Berlin.

Anatol Stefanowitsch ist seit 2012 Professor der Linguistik an der Freien Universität Berlin. (Bild: dpa)

Was passiert denn, wenn wir Wörter wie "Volk" auf diese Art verwenden?

Wir gewöhnen uns an nationalsozialistische Denkmuster. Selbst, wenn man es unbewusst benutzt, also gar keine böse Absicht hat, führt die Verwendung dazu, dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt. Das führt dazu, dass die tatsächlichen, noch schlimmeren Nazibegriffe mit der Zeit nicht mehr so empörend klingen, weil wir uns schon an die Konzepte gewöhnt haben. Sie werden also "sagbar".

Und so was passiert öfter?

Ja. Zum Beispiel wenn eine inzwischen ehemalige Leipziger CDU-Abgeordnete von "Umvolkung" spricht. Mit diesem Wort beschrieben die Nazis das Ansiedeln deutscher Menschen in eroberten osteuropäischen Gebieten – mit dem Ziel, die dortige Bevölkerung zu ersetzen. Und nun wird es umgedreht und so getan, als seien die Flüchtlinge Teil einer faschistischen Strategie, deutsche Staatsbürger nach und nach zu ersetzen. Da läuft es einem kalt den Rücken hinunter.

Können wir nicht einfach die Nazi-Begriffe "zurückerobern", also in anderen Kontexten verwenden und sie somit wieder positiv belegen?

Bei einigen Wörtern funktioniert das natürlich. Sprache ist im ständigen Wandel und zum Glück haben es die Nazis nicht geschafft, jedes Wort für immer zu ruinieren. Zum Beispiel "Mädel". Damit wurde lange Zeit noch die NS-Jugendorganisation "Bund Deutscher Mädel" assoziiert. Inzwischen ist diese Verbindung allerdings nicht mehr sehr stark in den Köpfen der Menschen vorhanden und der Begriff ist nun eher ein Ausdruck für Vertrautheit – wie in "ich und meine Mädels".

Aber es gibt auch Wörter, hinter denen ein Konzept steckt. Frauke Petry hat beispielsweise in einem Interview mal gefordert, das Wort "völkisch" könne doch auch ganz neutral definiert werden und nicht immer mit den Nazis verbunden werden. Das stimmt aber nicht, weil mit diesem einen Wort viel mehr ausgedrückt wird, als die neutrale Beschreibung von Bürgern eines Staates. Diese Wörter kann man nicht einfach umdeuten.

Hat sich die Verwendung von Nazi-Sprech seit Pegida und AfD verstärkt?

Das kann ich nicht abschließend beurteilen, aber man sieht, dass sich die Grenze des Sagbaren immer weiter in Richtung härterer Aussagen verschoben hat. In der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg war die Empfindsamkeit für Nazisprache noch sehr hoch. Damals war sehr klar, dass man so – zumindest öffentlich – nicht sprechen darf.

Wir haben uns als Gesellschaft nie ausreichend damit auseinandergesetzt, wie tiefgreifend der Nationalsozialismus unsere Sprache verändert hat. Dadurch sind diese Sprachmuster nie richtig verschwunden. Mit dem Erstarken der rechtsradikalen Bewegung – erst Pegida, jetzt AfD – ist dieser Sprachgebrauch wieder in die Öffentlichkeit gekommen. Und wir haben uns daran gewöhnt.

Also muss man am besten alle Nazi-Begriffe verbieten?

Ob man einen Sprachgebrauch verbieten sollte, muss man sich ganz genau überlegen, denn das kann sehr schnell die Meinungsfreiheit einschränken. Verbote sollte man sich für schwerwiegende Fälle vorbehalten, wie im Fall der Holocaust-Leugnung.

Was wir stattdessen brauchen ist ein sensibler Umgang mit Sprache und ein Bewusstsein darüber, wie sehr sie noch immer von der Nazizeit geprägt ist.

Warum ist es denn so wichtig, vorsichtig mit Sprache umzugehen?

Man darf nicht den Fehler machen zu glauben, dass unsere Wirklichkeit losgelöst von Sprache existiert. Natürlich gibt es eine objektive Realität, die sich nicht darum schert, wie wir sie bezeichnen.

Aber unsere gesellschaftliche Realität ist nicht objektiv, sie entsteht durch die Art, wie wir über sie reden. Wenn wir beispielsweise Sprachbilder verwenden, die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll aufteilen, dann können diese Bilder sehr schnell wieder Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit werden.

Entwicklungen, in denen bestimmte Bevölkerungsgruppen entrechtet, vertrieben und vernichtet wurden, haben immer mit einer entmenschlichenden Sprache begonnen.
Anatol Stefanowitsch

So etwas passiert nie plötzlich, sondern immer zuerst sprachlich. Es wird immer zuerst geguckt, wie weit kann ich sprachlich gehen, was akzeptiert die Gesellschaft. Und wenn sich das in den Köpfen etabliert hat, dann kann man zur Tat schreiten. Das ist das Gefährliche an dieser Art der Sprache.

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Welche dieser Sätze haben einen Nazi-Beigeschmack – und welche sind völlig harmlos?

Quellen:


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