Gerechtigkeit

Constantin hat deutsche Moscheen besucht und einfach mal zugehört

28.03.2017, 13:49 · Aktualisiert: 28.03.2017, 18:21

"Ich war überrascht, wie viele junge Menschen zu den Predigten kamen."

Jeder weiß, was eine Moschee ist. Aber nur wenige wissen, was darin passiert – wer zum Besuch kommt, wie dort ein Gebet abläuft und was gepredigt wird. Constantin Schreiber hat sich genau diese Fragen gestellt. Der "Tagesschau"-Moderator wuchs in Syrien auf und kann gut Arabisch. Wie viele islamische Gemeinden in Deutschland ticken, das war jedoch auch ihm lange unbekannt.

Für ein Jahr hat er sich daher in deutsche Moscheen gesetzt und einfach mal zugehört.

Wir haben mit ihm darüber gesprochen und wollten vor allem wissen, was deutsche Gemeinden jungen Muslimen und Flüchtlingen zu bieten haben.

(Bild: NDR)

Constantin Schreiber

Constantin ist 37 und seit Januar Moderator bei der "Tagesschau". Er lebte in Syrien und hat unter anderem in Beirut und Dubai gearbeitet. Für das ägyptische Fernsehen moderierte er eine Wissensshow auf Arabisch. Seine Flüchtlings-Reihe "Marhaba – Ankommen in Deutschland" auf n-tv erhielt 2016 einen Grimme-Preis.

Im vergangenen Jahr besuchte Constantin jeden Freitag einen andere Moschee in Deutschland. Die Ergebnisse hat er im Buch "Inside Islam" aufgeschrieben. In der ARD erscheint zusätzlich der Dreiteiler "Moscheereport".

Du hast dir ein Jahr lang Freitagspredigten in deutschen Moscheen angehört. Warum?

"Ich war schon in sehr viele Moscheen, aber vor allem im Nahen Osten – was genau in Deutschland an einem Freitag gepredigt wird, wusste ich bislang nicht.

Dann gab es vor einem Jahr diese Begegnung in einer Moschee in Berlin: Da standen in einer Broschüre Sätze wie 'Demokratie ist eine westliche Krankheit', verfasst von einem französischen Holocaust-Leugner. Der Vorbeter, also der Imam, sah, dass ich die Broschüre in der Hand hatte, kam dann auf mich zu und versuchte, sie mir wegzunehmen.

Das hat mich echt ratlos zurückgelassen. Also habe ich mich ab da in Moscheen in ganz Deutschland gesetzt, um herauszufinden, was an einem ganz normalen Freitag in einer ganz normalen Moschee so vor sich geht."

Was ist eine Freitagspredigt?

Muslime sollen, wenn möglich, fünf Mal am Tag beten. Besonders heilig ist jedoch der Freitag, dann kommen die Gläubigen nach dem Mittagsgebet zusammen – und lauschen der Freitagspredigt, "Chutba" genannt. Hier spricht der Imam – der Vorbeter der Moschee – über religiöse Fragen, Alltagsprobleme oder auch Politik.

Und was geht da vor?

"Es gibt genau zwei rote Fäden, die sich durch alle Predigten ziehen. Zum einen warnen die Imame vor dem Leben in Deutschland – manche eher subtil, andere mit offener Hetze. Zum anderen betonen fast alle, dass die Welt nicht religiös genug sei.

Was sich unterscheidet: Türkische Predigten waren immer sehr politisch, da ging es viel um den Putsch in der Türkei. Die arabischen Predigten hingegen sind sehr theologisch und spirituell, zum Teil geradezu religiös abgedreht."

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Wie authentisch ist denn so ein Besuch überhaupt, wenn du mit der Kamera vorbeischaust?

"Na ja, meistens war ich ja ohne Kamera da – ich war einfach einer von zum Teil 1000 bis 1500 Besuchern. Wenn ich da nicht gerade in der ersten Reihe sitze, falle ich gar nicht auf. Und selbst wenn, ich hatte nicht das Gefühl, dass sich mir gegenüber irgendjemand verstellt."

Als wie radikal würdest du die Predigten insgesamt bezeichnen?

"Ich habe mich bewusst nicht in die als salafistisch eingestuften Moscheen gesetzt – ich wollte ja das normale muslimische Leben mitbekommen. Da hat es mich schon erschreckt, wenn ich Sätze hörte wie 'Ihr könnt nicht Demokraten und Muslime sein'.

Die Imame hätten ja gerade im vergangenen Jahr viele Themen finden können, in denen man die Gemeinsamkeiten betonen kann. Etwa, wenn sich Deutsche für Flüchtlinge einsetzen oder wenn nach dem Anschlag in Berlin viel über Solidarität geredet hat. Stattdessen dachte ich mir fast nach jeder gehörten Predigt: Das war jetzt wenig hilfreich für unser Zusammenleben."

Imame in Deutschland

Nur in wenigen Moscheen in Deutschland wird auf deutsch gepredigt. Viele arabische Imame sind Wanderprediger, die mit Touristenvisa in Deutschland sind. Und die türkischen Imame werden von türkisch-islamischen Dachverband DiTiB entsandt.

Die Bundesregierung will das jedoch ändern – und Imame an deutschen Hochschulen ausbilden.

Das klingt nicht so, als ob es viel mit der Lebenswelt junger deutscher Muslime gemein hat.

"Im Gegenteil. Ich war überrascht, wie viele junge Menschen in allen Freitagspredigten waren. Ich war mit Mitte 30 weit über dem Altersschnitt. Zum Teil waren während der Unterrichtszeit ganze Schulgruppen anwesend – normale Jungs zwischen 12 und 16 mit Basecap, die von der Schule direkt gegenüber zur Predigt kamen.

Offenbar gibt die konservative Ordnung des Gebets diesen Kindern Halt. Und offenbar ist die Entscheidung zwischen Schule oder Moschee gefallen, sinnbildlicher als im Schwänzen dieser Jungs kann es gar nicht sein."

Im Nahen Osten sind Moscheen sehr prunkvoll und ein Ort der Gemeinschaft. Wie sehen die deutschen Moscheen aus?

"Erschreckend anders als in Syrien oder in Ägypten. Die durchschnittliche deutsche Moschee liegt in einer stillgelegten Fabrik, in einem Wohnzimmer eines Mietshauses oder in einer Tiefgarage. Da ist es im Winter kalt, es ist klamm und zieht. Die Außenseiterrolle der Muslime, die viele Imame predigen, wird natürlich durch genau solche Orte verstärkt."

Moscheen spielen gerade für die Flüchtlinge, die jetzt zu uns gekommen sind, eine wichtige Rolle. Hast du mitbekommen, wie die die Predigten wahrnehmen?

"Ja, die Moscheen sind der zentrale Ort für Flüchtlinge. Bei manchen Predigten waren sie deutlich in der Überzahl. Die, mit denen ich ins Gespräch kam, sagten mir dann, dass sie sehr verwundert über die extrem konservativen Reden waren. In Syrien hätten sie so was nicht gehört."

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