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Gerechtigkeit

Die Geschichten hinter #MeToo: "Inzwischen bin ich einfach nur noch wütend"

18.10.2017, 12:03 · Aktualisiert: 25.12.2017, 17:59

Frauen erzählen von sexueller Belästigung und Übergriffen

Schweigen kann manchmal erdrückender sein als der lauteste Lärm. Zum Beispiel dann, wenn es Opfer von sexuellen Übergriffen hilflos macht.

Auf Twitter verbreitet sich gerade mit #MeToo ein Hashtag, der eben dieses Schweigen brechen soll.

Eine weitere Reaktion auf den Skandal um Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Jahrzehntelang soll er seine Position als mächtiger Mann im Filmbusiness ausgenutzt haben, um Frauen sexuell zu belästigen und zu missbrauchen.

Jahrelang wurde er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. Bis Medien darüber berichteten, und eine Schauspielerin nach der anderen zu reden begann:

Nicht nur die Filmindustrie fragt sich nun, wie sie mit diesen Enthüllungen umgehen soll. Denn nicht nur dort gibt es Strukturen, die sexuelle Gewalt gegen Frauen begünstigen.

Eine Reaktion auf den Fall Weinstein ist jetzt der #MeToo-Hashtag. Angestoßen wurde das ganze von Schauspielerin Alyssa Milano. Sie forderte Betroffene auf, unter diesem Hashtag von sexuellen Übergriffen zu berichten. Und so einen Eindruck zu vermitteln, wie groß das Problem tatsächlich ist.

In den vergangenen zwei Tagen wurde der Hashtag mehr als eine Million mal auf Twitter verwendet. Manche Frauen schildern ausführlich ihre Erlebnisse, andere posten einfach nur den Hashtag.

bento hat mit Frauen gesprochen, die an dieser Aktion teilnehmen, und sie gebeten, die Geschichte dahinter zu erzählen.

Denn es ist, wie Alyssa Milano vorausgesagt hat: Die Menge der Betroffenen ist erdrückend. Aber es sind die Einzelschicksale, die uns im Gedächtnis bleiben. Und die deutlich machen:

Sexuelle Gewalt ist überall. Und sie wird nicht verschwinden, wenn wir sie totschweigen.

Deshalb lassen wir die Betroffenen hier selbst erzählen.

(Falls du auch sexuelle Gewalt erfahren hast und Hilfe suchst, findest du am Ende der Seite eine Übersicht von Hilfsangeboten.)

Alina*, 23, Studentin aus der Nähe von Frankfurt:

"Vor etwa zwei Jahren hat jemand aus meinem damaligen Freundeskreis gegen meinen Willen Sex mit mir gehabt, nachdem ich betrunken auf seiner Couch eingeschlafen bin.

Es hat sehr lange gedauert, bis ich darüber reden konnte. Mit jemandem aus dem alten Freundeskreis habe ich bis heute nicht darüber geredet. Eigentlich war ich nämlich in jemand anderen verknallt und hatte Angst davor, dass der schlecht über mich denkt. Ich habe mir eingeredet, dass ich dem anderen vielleicht falsche Signale gegeben habe, und mich über mich selbst geärgert, weil ich zu viel getrunken hatte.

Im Nachhinein ist das natürlich völlig bescheuert.

Erst als ich meinem jetzigen Freund davon erzählt habe, habe ich an seiner Reaktion gemerkt, dass ich nicht diejenige bin, die sich schlecht fühlen muss.

Inzwischen kann ich einfach nur noch wütend sein. Angezeigt habe ich den Mann trotzdem nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir das jetzt noch etwas bringen würde.

Das, was passiert ist, möchte ich auch jetzt nicht auf Facebook posten. Aber ich finde es gut, dass über das Thema geredet wird, deshalb habe ich zumindest den Hashtag benutzt."

Thessa, 25, Studentin aus Hamburg:

"Ich finde es schwierig, mich auf eine einzelne mir widerfahrene Geschichte von sexueller Belästigung zu beschränken. Weshalb? Weil eine einzige Geschichte nicht den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit und Angst widerspiegeln kann, die sich in mir seit circa 15 Jahren angestaut haben.

Natürlich kann ich von dem einen Mal erzählen, an dem mir im Club von hinten in den Schritt gefasst worden ist. So hart, so schnell und vor allem so präzise, dass ich den Finger durch meinen Slip in meiner Vagina fühlen konnte. Doch das einzige, wodurch sich dieses Erlebnis von all den anderen unterscheidet, ist, dass ich wusste, wer es war und dass ich ihn von den Türstehern habe rausschmeißen lassen – um dann der eintreffenden Polizei zu sagen, dass ich keine Anzeige erstatten möchte.

Warum nicht? Weil ich Angst davor hatte, das Erlebte erneut zu durchleben. Weil ich Angst vor dem Mann hatte und vor den Dingen, die er mir angedroht hat.

Ich halte es für schwierig, meine Erfahrungen mit sexueller Gewalt auf diesen einen Vorfall zu beschränken. Weshalb? Weil mir die Dinge, die mir dieser Mann angedroht hat, auch von Männern auf der Straße angedroht werden. Weil mir auf der Straße ebenfalls von hinten an den Hintern gegrabscht und zwischen die Beine gefasst wird und sich unser patriarchalisches System nicht in einer einzigen Geschichte widerspiegeln oder zusammenfassen lässt.

#MeToo ist eine sinnvolle Möglichkeit um auf die Vielzahl und Diversität von Opfern sexueller Gewalt aufmerksam zu machen und den offenen Diskurs mit dem Thema zu fördern. Ein Hashtag, der aber tatsächlich das Patriarchat angreifen würde wäre #ImGuilty."

Julia*, 31, lebt in Brüssel und arbeitet dort als parlamentarische Referentin:

"Zum Glück musste ich nie die Erfahrung einer Vergewaltigung machen. Aber wie eigentlich jede Frau, die ich kenne, bin ich unzählige Male (!) ungefragt an Brust, Po und im Gesicht begrabscht worden. Einmal leckte mir ein Fremder plötzlich über mein Gesicht und wedelte dabei mit seinem entblößten Penis. Da war ich ungefähr Mitte 20 und in Berlin in der U-Bahn unterwegs. Ich habe das nicht angezeigt, irgendwie war ich zu perplex, ich erinnere mich auch nur noch sehr dunkel an die Situation. Ich bin ausgestiegen und war einfach nur angeekelt.

Mehrmals musste ich mit ansehen, wie Männer vor mir öffentlich onanierten und mich dabei ganz explizit anschauten. Das erste Mal war ich gerade einmal 13 Jahre alt.

Verbale Belästigungen und offensichtliche sexuelle Angebote von Fremden auf der Straße passieren fast wöchentlich.

Dabei ist es egal, ob ich in Jeans und Sneakers unterwegs bin oder unter der Woche im Business-Outfit. Selbst mit meiner kleinen Tochter an der Hand passieren solche Übergriffe.

Oft bekommen das auch umstehende Mitmenschen mit. Meistens fehlt ihnen aber die Courage, um einzugreifen und sich schützend den Frauen zur Seite zu stellen. Die große Mehrheit meiner männlichen Freunde und Bekannten ist tatsächlich überrascht von der Häufigkeit von sexuellen Belästigungen. Ich wünsche mir deshalb mehr Bewusstsein für dieses Problem."

Tina, 31, Betriebsleiterin aus Dänemark:

"Nach der Geburtstagsparty einer Freundin habe ich in ihrer Wohnung übernachtet. Auch ein anderer Freund von ihr hat dort geschlafen, in einem anderen Zimmer. Während der Party habe ich mit ihm aber kein Wort gewechselt.

Lange, nachdem wir alle ins Bett gegangen waren, wachte ich auf, weil dieser Freund beschlossen hatte, Sex mit mir zu haben und mich unter meinem Schlafanzug begrapschte. Ich wachte völlig schockiert auf, stieß ihn weg und sagte: "Nein, geh weg!" Seine Antwort: "Komm schon, du weißt doch, dass du es willst." Er versuchte, mich noch einmal zu berühren.

Schließlich musste ich ihn aus dem Bett und aus der Tür treten und das Zimmer abschließen.

Anfangs war ich nur wütend. Erst, als ich einer Freundin davon erzählte und die meinte, dass das den Charakter einer Vergewaltigung hatte, habe ich den Ernst der Situation begriffen. Meine Freundin hat ihn dann rausgeschmissen. Angezeigt habe ich ihn nicht, wahrscheinlich, weil ich dachte, dass der Vorfall nicht schlimm genug war. Später hat er sich entschuldigt.

Bei #MeToo mache ich mit, weil ich mich nicht für das schäme, was mir passiert ist. Ich mache mit, weil der Mann, der mir das angetan hat, sich schämen sollte.

Ich mache mit, weil Frauen Stillschweigen über solche Erlebnisse bewahren, weil sie daran gewöhnt sind, dass so etwas passiert, und weil sich das ändern muss."

Viktoria, 28, arbeitet in einer PR-Agentur in Berlin:

Mir ist es immer wieder passiert, dass ich in Menschenmengen, zum Beispiel in Clubs, auf Konzerten, Straßenfesten oder Ähnlichem, eine Hand gespürt habe, wo sie nicht hingehört. Oft kann man nicht einmal sagen, wo sie herkommt – und dann auch nicht wirklich reagieren.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber ein Erlebnis: Ich war mit Freunden in einer Bar, es wurde getanzt und die Leute haben sich aneinander gedrängt. Ich trug einen Rock und war auf dem Weg zur Toilette, als ein Mann mir entgegen kam und mir einfach so unter den Rock in den Schritt griff. Dabei sah er mir direkt in die Augen und hatte das fetteste Grinsen im Gesicht.

Diese Dreistigkeit verschlug mir einfach die Sprache, ich war wie festgefroren.

Der Mann ist irgendwo verschwunden. Als ich meinen Freunden dann davon erzählte, konnte ich ihn nicht mehr sehen. Aber selbst dann wüsste ich ehrlich gesagt nicht, was ich hätte tun sollen.

Bei #MeToo habe ich mitgemacht, weil ich mir wünsche, dass Frauen mutiger werden und sich in solchen Situationen irgendwann sofort zu helfen wissen."

Nina, 28, Buchhändlerin aus Hamburg

Vor ein paar Jahren war ich auf dem Heimweg von einem Freund. Es war später Abend, als ich zur U-Bahn ging und von einem jungen Typen angesprochen wurde. Ich bin einfach weiter gegangen und er ging hinter mir her, irgendwas rufend. Ich fing an zu rennen. Er auch. Er hat mich am Arm festgehalten, ich konnte mich aber zum Glück losreißen und zur U-Bahn-Wache laufen. Als er das Sicherheitspersonal sah, ist er umgekehrt und weggelaufen.

Ein paar Tage später las ich in der Zeitung, dass eine Frau dort sexuell genötigt wurde, genau an dieser U-Bahn-Haltestelle.

Leider war der Typ schon so schnell weg, dass er nicht mehr zu fassen war. Ich habe dann auch nicht mehr die Polizei gerufen – ich dachte, das Sicherheitspersonal würde das schon regeln. Oft denke ich, ich hätte es machen sollen, dann wäre es der anderen Frau erspart geblieben.

Hast du Ähnliches erlebt? Hier findest du Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Tel.: 08000 116016) bietet rund um die Uhr direkte kostenfreie Hilfe in 15 verschiedenen Sprachen an. Möglich sind auch Online-Beratungen.

Die Telefonseelsorge von evangelischer und katholischer Kirche ist unter Tel.: 0800 1110111 kostenfrei zu erreichen.

Speziell für muslimische Frauen bietet das Muslimische SeelsorgeTelefon kostenfreie Hilfe unter Tel.: 030 443509821.

Die Hilfsorganisation Caritas bietet Online-Beratungen und direkte Hilfe vor Ort: In vielen Städten betreibt die Caritas Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst, wenn du persönliche Hilfe benötigst.

Opfer von Kriminalität und Gewalt können sich an den Weißen Ring wenden, der telefonisch und persönlich weiterhilft. Das bundesweite Opfer-Telefon ist aus jedem Ort Deutschlands ohne Vorwahl unter Tel.: 116006 zu erreichen.


*Die beiden Frauen wollten anonym bleiben, ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


Tech

Was hinter dem "Studio für elektronische Musik" steckt

18.10.2017, 08:58 · Aktualisiert: 18.10.2017, 09:00

Was ist das für ein Doodle?!

Heute Morgen beim Blick auf die Startseite gewundert, was das heute für ein Google-Doodle ist?

Google feiert damit den 66. Geburtstag des Studios für elektronische Musik. Es gilt als eine der Geburtsstätten der elektronischen Musik und war eins der ersten modernen Musikaufnahmestudios.

Die Illustration wurde vom Berliner Künstler Henning Wagenbreth erschaffen und ehrt heute die Musikaufnahmestätte. (SPIEGEL ONLINE)